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Meine keine Familie

 

 

Diktatur der Selbstbefreiung: Paul-Julien Robert forscht seiner Kindheit in der sektenähnlichen Kommune des ­Malers und Aktionisten und später wegen Missbrauchs verurteilten Otto Muehl nach.

Zwei süße kleine Kinder hocken in Eimern und beschmieren sich lustvoll mit Shampoo. Licht strahlt wie von einem Scheinwerfer herab, hinter den Babys sitzt im Halbdunkel ein Kreis junger Erwachsener, alle uniformiert durch den charakteristischen Kurzhaarschnitt der Mitglieder von Otto Muehls sektenähnlicher AAO-Kommune, AAO steht für Aktionsanalytische Organisation.

Paul-Julien Robert, der Autor und Regisseur des Dokumentarfilms "Meine keine Familie", war eines der beiden spielenden Kinder. 1978 wurde er im burgenländischen Friedrichshof in die Kommune, die nach den Prinzipien des Gemeinschaftseigentums und der freien Sexualität ohne feste Zweierbeziehung lebte, hineingeboren. Seine ersten zwölf Jahre verbrachte er unter mehreren hundert jungen Erwachsenen und rund achtzig Kindern. Er erlebte die kollektive handwerkliche, landwirtschaftliche und künstlerische Arbeit der Erwachsenen und war, abgekapselt auf dieser »Scheibe, die die Welt bedeutete«, zwangsläufig Rädchen im Getriebe der von Otto Muehl zum Gebot erhobenen permanenten Selbstdarstellung.

Ursprünglich ein Programm exzessiver körperlicher Gestalttherapie, das der 1925 geborene und in den letzten Schlachten des Weltkrieges traumatisierte Maler, Kunstlehrer und Radikalperformer Muehl mit den Wiener Aktionisten zur Strategie des kalkulierten ästhetisch-politischen Skandals entwickelt hatte, sollte die Selbstdarstellung, ein Gemenge aus Urschreiexzentrik, Partyzwang und gelegentlich bühnenreifem Entertainment, die kleinbürgerlich-familiären Deformationen exorzieren. Zwischen der Aufbauphase dieses »größten lebenden Kunstwerks« (Muehl) ab 1972 und dessen unrühmlichen Ende 1991 wandelte sich der Zeremonienmeister Muehl vom charismatischen Guru zum testosterongetriebenen Feudalherrscher. Das wüste Lebensexperiment endete mit Otto Mühls Verurteilung wegen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger und einer Reihe anderer Delikte und der Auflösung der Kommune.

"Meine keine Familie" konzentriert sich auf Paul-Julien Roberts Suche nach den Spuren der eigenen Kindheit. Da die Kommune sich unablässig filmte, fand er in den Materialbergen viele Zeugnisse. Wer war sein leiblicher Vater? Robert besucht die infrage kommenden Exkommunarden und befragt sie mit erstaunlicher Sanftheit und Neugier. Vor allem sucht er vor der Kamera das Gespräch mit seiner Mutter, die zum Arbeiten für die Kommune nach Zürich geschickt wurde und nun im Nachhinein erst die Einsamkeit ihres Sohnes und anderer Kinder innerhalb des Willkürsystems realisiert.

Auf seiner Reise zu ehemaligen Kommunarden und ihren Kindern reflektiert "Meine keine Familie", was die Diktatur der Selbstbefreiung mit ihnen angerichtet hat. Der Film sieht sie dabei nicht nur als bedauernswerte Opfer, eher als beschädigte Familie. Und die Wärme dieser Ambivalenz macht Paul-Juliens Selbstbefragung sehenswert.

Claudia Lenssen

Dieser Text ist zuerst erschienen in: epd film

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

Meine keine Familie

Österreich 2012. R: Paul-Julien Robert. B: Paul-Julien Robert. P: Oliver Neumann, Sabine Moser. K: Klemens Hufnagl, Fritz Ofner. Sch: Oliver Neumann. M: Walter Cikan, Marnix Veenenbos. Pg: FreibeuterFilm. V: mindjazz pictures. L: 93 Min. -  Start: 24.10.2013(D)

 

 

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