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Mein Brüder und Schwestern im Norden

 

Schon wieder ein semi-dokumentarischer Ausflug nach Nordkorea? Das Kim-Regime in Pjöngjang nimmt die westliche Neugier auf den »Alltag« in der Diktatur gelassen und verpflichtet die einreisenden Filmemacher lediglich dazu, gegen ordentlich Devisen mit einem nordkoreanischen Ko-Produzenten zu arbeiten, der sich dann um die Logistik der Dreharbeiten bekümmert. Umfassend. Sprich: die Mitwirkenden und die Drehorte, die befragt und gezeigt werden, sind handverlesen – und niemand macht sich die Mühe, diese Inszenierungen von »Alltag« auch nur ansatzweise zu camouflieren. Die Dreistigkeit, die Dreharbeiten propagandistisch in Dienst zu nehmen, verleiht den so entstandenen Filmen eine prinzipielle Bodenlosigkeit, weil man die Macht des Regimes und seine Verfügungsgewalt über Ressourcen selbst nicht einschätzen kann, sondern auf die Auskünfte der Zensierten angewiesen bleibt. Sind auch Kameraschwenks oder der Bildhintergrund einer Totale im Vornherein »bedacht« worden? Da es in Nordkorea offenbar keine Privatsphäre im westlichen Verständnis gibt und auch kein Bedürfnis danach zu geben scheint, da die Menschen seit frühester Jugend beständig dem multimedialen Trommelfeuer der Propaganda-Maschine ausgesetzt sind, kommt man mit dem moralisierenden, westlich-aufgeklärten Subjektverständnis kritisch hier nicht weiter. Was folgt, sind Tautologien: Eine Diktatur ist eine Diktatur. Dass man davon nichts hört oder sieht, umso schlimmer! Lässt man sich auf das Spiel ein und dokumentiert man die Spielregeln gleichsam als »making of« einer Konstruktion von Wirklichkeit mit, führt das Resultat schnell zu einer seltsamen Komik wie im Falle von „Im Strahl der Sonne“, wo hinter jedem Lachen über die eigene List ein Blick in der Abgrund der umfassenden Manipulation lauert. Steckt etwa in der Subtilität der System-Propaganda eine verborgene Respektsbezeugung der Macht gegenüber ihren Bürgern, die erst spürbar wird, wenn man anderswo das Fehlen jeglichen Respekts sichtbar wird?

In Nordkorea scheint es keinen Platz mehr zu geben für ein subversives Augenzwinkern in Reaktion auf haarsträubende Propaganda. Auch die Dokumentaristin Sung-Hyung Cho („Full Metal Village“), Südkoreanerin mit deutschem Pass (weshalb der Film überhaupt nur möglich wurde), hat sich auf die Spielregeln eingelassen, ist aber nach Nordkorea mit der Intention gereist, andere Bilder als die Üblichen aus diesem mysteriösen Land mitzubringen. Also keine Raketentests, Militärparaden und Hungersnöte. Aber – wie oben angesprochen – ist es überhaupt möglich, hinter die Kulissen Nordkoreas zu blicken? In einem Interview zu „Meine Brüder und Schwester im Norden“ hat Cho zu Protokoll gegeben, dass ihre Zusammenarbeit mit dem DFB für den halben Imagefilm „11 Freundinnen“ sie bestens auf die Arbeit mit dem Regime vorbereitet habe. Dort habe sie bereits eine „Kultur der Angst“ in einem totalitären System kennengelernt. Cho nennt ihren Film nicht ohne Grund einen „Heimatfilm“, erinnert sich doch manches in Nordkorea an ihre Kindheit in Südkorea. Sie sieht ähnlich aus, sie spricht die Sprache, sie kennt die Mentalität – und sie hat ernsthaft mit dem Koproduzenten um Mitwirkende und Drehorte gerungen, um andere Gesichter und Bilder als üblich zu bekommen. Ansonsten hält Cho ziemlich clever den Ball flach, lässt das Mantra der Propaganda mit den immer gleichen Heldengeschichten und dem Pathos des Personenkults unkommentiert an sich vorüberziehen, registriert aber sehr wohl die sich immer wieder versichernden Blicke der Befragten in die Kamera, während sie einen gigantischen Sportpark, eine Fußballschule, eine Textilfabrik und ein Bauernkollektiv besucht. Immer lächelnd, immer freundlich und voller Empathie sucht Cho gewissermaßen das Downbeat-Gespräch am Rande, will gar nicht aufklären, anklagen oder aufdecken, sondern erstmal reden, lachen, fragen und zuhören. Der Zuschauer tut gut daran, sich auf die geduldige Gesprächsführung der Filmemacherin einzulassen, denn es bleibt im Nebensächlichen schon einiges hängen.

Etwa, wenn davon geredet wird, wie man pragmatisch auf Versorgungsengpässe und Stromausfall reagiert, dass durchaus das Leistungsprinzip (wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!) gilt, dass davon ausgegangen werden muss, dass die postulierte überreiche Versorgung mit Grundnahrungsmitteln der Familien sich gleich wieder relativiert, wenn man davon ausgeht, dass ein großer Teil davon ohnehin sofort und freiwillig dem Staat »gespendet« wird. Dass die Wiedervereinigung Koreas weiterhin ein Thema ist, dass die simpel gestrickten, Heldengeschichten der Propaganda bis in die Familie hineinwirken, dass der Nordkoreaner gerne einmal vor Rührung in Tränen ausbricht, dass das Regime sehr genau um die Gefahren weiß, die vom „kulturellen Austausch“ ausgehen, dass Kinder die Trennung von den Eltern besser wegstecken, wenn es im Internat „Snacks und Fernsehen“ gibt, dass ein Leben im Kollektiv schöner ist als private Einsamkeit, dass es durchaus subjektive Träume von Selbstverwirklichung gibt. Da als ausgemacht gelten muss, dass hier eh »alles« gestellt ist, muss sich der Zuschauer entscheiden, ob er für bestimmte Gesprächskonstellationen einen Komparativ von »authentisch« ins Feld führen möchte. Kurz vor Schluss dieser sanften Annäherung an Nordkorea gönnt sich Sung-Hyung Cho noch einen sympathischen Coup, als sie davon erzählt, wie in einer Kleiderfabrik an der Küste das Plansoll auch dadurch erreicht wird, dass die Fließbandarbeit durch gemeinsame Gymnastik aufgelockert wird. Die Arbeiterinnen in quietschbunten Arbeitsuniformen beginnen ein Workout zu flotter Musik und mit ersten Gesichtern. Dann fährt die Kamera zurück und präsentiert die Filmemacherin als fröhlichen Drill Instructor. Ein paar Takte lang hat Cho in bester Jacques Demy-Tradition Momente mit hinreißendem Musical-Flair in die nordkoreanische Arbeitswelt gezaubert.    

Ulrich Kriest

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: FILMDIENST

 

 

 


Meine Brüder und Schwestern im Norden
Deutschland, Korea 2016 - 106 Min. - FSK: ohne Altersbeschränkung - Kinostart(D): 14.07.2016 - Regie: Sung Hyung Cho - Drehbuch: Sung Hyung Cho - Produktion: Andreas Banz, Dirk Engelhardt - Kamera: Thomas Schneider, Julia Daschner - Schnitt: Fabian Oberhem - Musik: Peyman Yazdanian - Verleih: Farbfilm

 

 

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