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Mediterranea

 

 


Kein Betroffenheitsvoyeurismus!

Kaum ein Thema beherrscht die Medien in den vergangenen Wochen und Monaten mehr als die nicht abreißenden Flüchtlingsströme. Fast täglich berichten Nachrichten von Schlepperbanden, gekenterten Booten und Hunderten von Menschen, die dabei im Mittelmeer ertrinken. Diese Zahlen bleiben jedoch unvorstellbar. Jonas Carpignano verknüpft sie mit konkreten menschlichen Schicksalen. Sein aufwühlendes Drama macht die beschwerliche Reise zweier Bootsflüchtlinge nachvollziehbar.

Sein bewegender Film erzählt die Geschichte des Afrikaners Ayiva (Koudous Seihon), der seine siebenjährige Tochter in Burkina Faso zurücklässt, um gemeinsam mit seinem besten Freund Abbas (Alassane Sy) nach Europa zu fliehen. Gründe für ihre Migration werden nur indirekt angedeutet. Schmucklose Bilder ohne Exposition konfrontieren den Zuschauer ohne Vorwarnung mit der äußerst beschwerlichen Reise auf überfüllten LKWs und dem Marsch durch die Wüste. Hier werden die Flüchtenden von marodierenden Banden ausgeraubt und teilweise massakriert. Horrorbilder deuten die Überfahrt übers Mittelmeer in einem seeuntüchtigen Motorboot ohne Steuermann an. Mit knapper Not werden die Havarierten gerettet. Die Kerngeschichte spielt in einem süditalienischen Aufnahmelager, aus dem die Schiffbrüchigen wieder abgeschoben werden, falls sie binnen drei Monaten keine Papiere und keine feste Arbeit bekommen. Eigentlich eine Mission Impossible.

Als schwarzer Italo-Amerikaner, der zwischen Rom und New York pendelt, hat Carpignano sich mit der Situation vor Ort vertraut gemacht. Schon sein viel beachteter Kurzfilm "A Chjana" thematisierte jene blutige Migranten-Revolte im kalabresischen Rosarno, die 2010 ganz Italien schockte. Sein Kinodebüt schildert nun die Vorgeschichte dieses Aufstandes. Carpignano erzählt die Geschichte aus der Sicht zweier entgegengesetzter Charaktere: Während Abbas angesichts der desolaten Situation den Kopf in den Sand steckt, versucht Ayiva mit Tricks, Ausdauer und Optimismus das Beste aus seiner Lage zu machen. Eine Eisenbahnlinie, die an seinem Camp vorbeiführt, bringt ihn auf eine Idee, die der Film mit einer interessanten Ellipse darstellt: So fragt der Zuschauer sich, warum Ayiva den einen Zug besteigt - bis klar wird, dass er einem Reisenden den Koffer klaut. Er macht das zwar ziemlich geschickt, doch die nuancierte filmische Beobachtung zeigt ihn nicht als Gewohnheitskriminellen. Im Gegenteil.

Ein im Koffer gefundener MP3-Player verhilft ihm im Sinne eines minimalen "Startkapitals" zu einem Geschäft mit einem - hinreißend gezeichneten - Kinder-Dealer. Von nun an geht es Schritt für Schritt aufwärts, doch diese Entwicklung hat nichts Märchenhaftes. Dank seiner Umsicht, seiner Kreativität und seiner Ausdauer gewinnt Ayiva während des beschwerlichen Jobs als Erntehelfer das Vertrauen des Orangenplantagen-Besitzers. In einem ruhigen Moment erklärt dieser ihm, dass auch sein Großvater sich in den USA als nicht gerade willkommener Einwanderer durchsetzen musste. Mit diesem rührenden Dialog knüpft der Film eine beachtliche Querverbindung zur historischen Permanenz von Migrationsbewegungen. Eine gewisse Durchlässigkeit zwischen erster und dritter Welt zeichnet sich ab, weil die Klassenunterschiede nicht als zementierte Barriere dargestellt werden. Indem er den Flüchtlingen den Status von handelnden Subjekten gewährt, die ihr Schicksal - zumindest teilweise - in der Hand haben, verweigert der Film den üblichen Betroffenheitsvoyeurismus.

Doch der vage Hoffnungsschimmer wird konterkariert durch eine beiläufig geschilderte Eskalation. Ein harmloses Handgemenge führt allmählich zu einer blutigen Straßenschlacht. Auch bei dieser Entwicklung zeichnet Carpignano sich durch seinen erstaunlich differenzierten Blick aus. Beiläufig aber doch sehr bestimmt arbeitet der Regisseur heraus, dass es unter den Migranten unterschiedliche Mentalitäten gib. Es gibt Menschen wie Ayiva, die gekommen sind, um sich etwas aufzubauen. Und es gibt andere, die vorwiegend auf Konfrontation aus sind.

Von den desolaten Unterkünften bis hin zum herzlichen Umgang der Migranten untereinander ist das alles präzise beobachtet. Die bewegliche Handkamera bleibt dicht an den glaubhaft agierenden Laiendarstellern und gibt der Szenerie eine beklemmende dokumentarische Unmittelbarkeit. Man könnte an italienischen "Neo-Neorealismus" denken. Doch im Vergleich etwa zu dem Klassiker "Fahrraddiebe" ist "Mediterranea" ein betont unsentimentaler Film, der trotz seiner aufwühlenden Geschichte nie auf die Tränendrüse drückt. Stilistisch fühlt man sich eher an die raue Poesie und den vor Dreck strotzenden Naturalismus von "Beasts of the Southern Wild" erinnert, bei dem Carpignano als second unit director mitarbeitete. Trotzdem ist "Mediterranea" kein typischer Art House Film. Hier geht es nicht um l'art pour l'art. Selten wurde das Exil in einem Auffanglager so differenziert geschildert wie in dieser hochaktuellen Odyssee zweier Bootsflüchtlinge aus Afrika. Mit "Mediterranea" gelingt dem jungen Regisseur ein relevanter Film, dessen Vielschichtigkeit sich erst allmählich erschließt.

Benotung des Films: (7/10)

Manfred Riepe

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.filmgazette.de

 

 

 
Mediterranea
Deutschland / Frankreich / Italien / USA 2015 - 107 min. - Regie: Jonas Carpignano - Drehbuch: Jonas Carpignano - Produktion: Jason Michael Berman, Chris Columbus, Eleanor Columbus, Jon Coplon, Christoph Daniel, Andrew Kortschak, John Lesher, Ryan Lough, Justin Nappi, Gwyn Sannia, Marc Schmidheiny, Victor Shapiro, Ryan Zacarias - Kamera: Wyatt Garfield - Schnitt: Sanabel Cherqaoui, Affonso Gonçalves, Nico Leunen - Musik: Dan Romer - Verleih: DCM - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Alassane Sy, Koudous Seihon, Francesco Papasergio, Vincenzina Siciliano, Pio Amato, Ernest Zire, Paolo Sciarretta, Mimma Papasergio, Koffi Appiah, Annalisa Spirli, Pomodoro - Kinostart (D): 15.10.2015

 

 

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