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Meat

 

 

 

 

... und ein viertel Pfund Surrealismus bitte, gut abgehangen.

 

Drei nackte Torsi hängen kopfüber und wecken Assoziationen an den Kühlraum eines Schlachthauses. Fleisch ist eben Fleisch, ob lustvoll betrachtet oder eiskalt abstrahiert und in Stücke zerlegt. Zum Anbeißen ist, zumindest für Fleischfresser, offenbar beides. Eros und Thanatos werden somit bereits zu Beginn des Films in einen nahe liegenden Zusammenhang gebracht. Was durch seine Statik und scharfe Konturen auf den ersten Blick wie eine Fotografie aussieht, entpuppt sich bei genauem Hinsehen als bewegtes Bild: Brustkörbe heben und senken sich. Es wird also, da sind die Schweine im Nachteil, noch geatmet und empfunden.

Der Surrealismus ist einst angetreten, um mit einem Schnitt durch einen Augapfel das Sehen zu revolutionieren und durch die Entfesselung der Triebe dem Bürgertum seine Borniertheit auszutreiben. Dass „Meat“ auf dem Pornfilmfestival Berlin 2010 zu sehen war, scheint deshalb zu passen, führt aber zu einer falschen Erwartungshaltung, weil die einzige Parallele zum pornografischen Film ist, dass nirgendwo Liebe im Spiel zu sein scheint. Die Darstellungsweisen und Praktiken des Films können dagegen kaum provozieren – von einer Szene mit ein bisschen Pipimachen vielleicht abgesehen. Überhaupt erweist sich „Meat“ mit seiner größtenteils klaren Narration allen experimentellen Eruptionen zum Trotz als relativ publikumsfreundlich und humorvoll. Diese Entwicklung war nach der angestrengt kunstvollen Sacher-Masoch-Verfilmung „Venus im Pelz“ (1995), dem Spielfilmdebüt von Maartje Seyferth und Victor Nieuwenhuijs, nicht unbedingt zu erwarten.

Zwei Handlungsstränge kristallisieren sich langsam, aber verhältnismäßig deutlich heraus: Während ein Kommissar mit freudlosem Alltag seine Beziehung beenden will und sie durch seine Gleichgültigkeit zu einem erschreckenden Abschluss treibt, strebt ein Metzger fortgeschrittenen Alters eine Affäre mit der jungen Aushilfe an, weil seine Frau offen mit seinem Chef fremdgeht – im Schlachthaus, vor aller Augen. Metzger und Mädchen eint die Faszination fürs Fleisch. Er denkt dabei an ihren Körper, sie filmt permanent tote Tiere in der gammelig wirkenden Auslage der Metzgerei. Dass sie der aggressiven, eigentlich abstoßenden Balz des Mannes irgendwann nachgibt, gehört zu den Mysterien des Films, die einen spröden Witz entwickeln, wenn man sich auf Widerwärtigkeiten einlassen mag. Dabei wirkt „Meat“ fast ein wenig skandinavisch und erinnert an einen radikalisierten Kaurismäki-Film oder „Dänische Delikatessen“ von Anders Thomas Jensen.

Der Plot überrascht immer wieder. Bald ist eine Leiche zu beklagen, und der Kommissar rückt in den Mittelpunkt. Einige vorher gezeigte, irritierend unabhängige Bilder werden neu bewertet, und der Film offenbart schließlich doch noch seine surreale Traumstruktur. Dass der Metzger und der Kommissar beide von Titus Muizelaar verkörpert werden, fällt zunächst aufgrund ihres unterschiedlichen Erscheinungsbildes und des nuancierten Spiels kaum auf. Doch nach und nach ergibt sich eine irritierende Kongruenz der Figuren, die letztlich zur Schwäche des Films gerät. Denn die Idee, die Verknüpfungen und Verschachtelungen der Handlungsstränge in eine Art Identitätswechsel münden zu lassen, erscheint ein wenig zu wohlfeil und bemüht; sie ist längst zum surrealen Klischee erstarrt.

Trotz dieser etwas enttäuschenden, nun ja, „Auflösung“, die kein kriminalistisches Ergebnis, sondern einen Zerfall bezeichnet, hat der Film seine Stärken. Nicht zuletzt die kunstvollen Bildkompositionen von Co-Regisseur Victor Nieuwenhuijs, der auch die Kamera führte, seine komplexe, klassische Lichtsetzung und die klare, kraftvolle Farbdramaturgie. Obwohl die Bilder von totem Tier vielleicht nicht im eigentlichen Sinn als schön zu bezeichnen sind, sondern eher darin bestärken können, das neue Jahr fleischfrei zu begehen, isst das Auge eben doch mit.

Louis Vazquez

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.filmgazette.de

Meat
OT: Vlees
Niederlande 2010 - 86 min.
Regie: Maartje Seyferth, Victor Nieuwenhuijs - Drehbuch: Maartje Seyferth - Produktion: Victor Nieuwenhuijs, Maartje Seyferth - Kamera: Victor Nieuwenhuijs - Schnitt: Vima Kara, Tarek - Musik: Willem Cramer - Verleih: Moskito Film - Besetzung: Titus Muizelaar, Nellie Benner, Hugo Metsers, Wilma Bakker, Kitty Courbois, Gurkan Gucuksenturk, Elvira Out
Kinostart (D): 27.01.2011

 

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