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Martha Marcy May Marlene

 



Frustriertes Versprechen

Sean Durkin setzt seinen Debütfilm "Martha Marcy May Marlene" aus Erinnerungsbruchstücken zusammen und weigert sich, seine Figuren durchzuerklären.

Martha flüchtet durch einen Wald, wird von ihrer Schwester an einer Raststätte aufgelesen und in Sicherheit gebracht. Im Haus der Schwester und deren Mannes, das an einem pittoresken See in Connecticut gelegen ist, brechen die vergangenen Ereignisse in Form von Flashbacks über Martha herein. Um eine sektenartige Gemeinschaft, die auf einem Gehöft in den Catskills sich verschanzt hat, geht es in Sean Durkins Langfilmdebüt "Martha Marcy May Marlene" und um eine junge Frau namens Martha (Elizabeth Olsen), die Aufnahme findet in dieser Sekte. Der erste Schritt besteht in der - im Titel aufgehobenen - Änderung ihres Namens, die, wie sich noch herausstellen wird, mehr als nur symbolischen Charakters ist.

Visuelle Signatur von "Martha Marcy May Marlene" ist ein langsames Zoom-in aus der Breitwandtotalen hin auf Martha, das jedoch nie ankommt bei einer Nahaufnahme, sondern im Halbnahen stehenbleibt: ein angedeutetes, frustriertes Versprechen. Eine solche unfertige Annäherung an seinen Gegenstand ist der ganze Film, nur von der entgegengesetzten (der induktiven) Richtung herkommend: "Martha Marcy May Marlene" reiht Erinnerungsbruchstücke von Marthas Aufenthalt in der Sektengemeinschaft aneinander, die sich zu einem Gesamtbild nur bedingt fügen wollen - Wahrnehmungsintensitäten, die sich spröde machen gegen ihr Erinnertwerden.

Was mit sonderbaren Tischsitten beginnt, springt - ungeachtet einiger weniger Zwischenglieder - fast ohne jede Vermittlung zu ritueller Vergewaltigung, und von dort zum Mord. Man möchte dankbar dafür sein, dass Durkin seinen Figuren solche Sprünge zumutet, anstatt sie restlos zu erklären. Zwar sind die einzelnen Stufen der Eskalation ein bisschen arg thesenhaft geraten - als Gewähr für ihre immer tiefere Verstrickung schauen wir Martha in einem Flashback-Fragment etwa dabei zu, wie sie mit Hand anlegt bei der brutalen Initiation, die sie zuvor selbst durchlitten hatte. Im Einzelnen aber bewahren die Mitglieder der Sekte und ihr Anführer Patrick (der ansonsten famose John Hawkes in einer Rolle, mit der er nichts anzufangen weiß) ihr Geheimnis.

Ob das Vage hier wirklich Wagnis, also gewollt, oder dem Regisseur ohne Absicht unterlaufen ist, lässt sich mitunter nur schwer entscheiden. Zumindest Kameramann Jody Lee Lipes muss sich bei der in sich konsistenten Wahl seiner Mittel etwas gedacht haben. Die erwähnten Zooms gehen eine glückliche Verbindung ein mit entleerten, oft dezentrierten Kadragen und dem forcierten Einsatz des Teleobjektivs, das noch nahen Objekten die widersprüchliche Qualität des Unfasslichen, Fernen einschreibt.

Unfasslich und fern ist auch Elizabeth Olsens eindrückliches Spiel, nur dass dieses noch von einer anderen Seite her (über)determiniert ist. Das jemalige Scheitern des Versuchs, ihrer Figur näherzukommen, ist nicht nur dem übergreifenden ästhetischen Kalkül (geschweige denn irgendeinem Unvermögen des Drehbuchs) geschuldet, sondern korrespondiert Marthas labiler Stellung als junger Frau zwischen Adoleszenz und Erwachsenenalter. Wiederum bereitet es Schwierigkeiten, Reflex und Reflexion zu scheiden: Wird das sexistische Stereotyp des ephemeren Mädchens lediglich reproduziert? Oder besteht hier an seiner Nicht-Identität in der Zeit des Übergangs ein tiefer gehendes, ernst zu nehmendes Interesse? Dass der Film Olsens Körper, und insbesondere ihrer Oberweite, eine auffällige Präsenz zueignet, muss als Verdachtsmoment zumindest festgehalten werden.

Ein bisschen zu fachmännisch, zu sehr auf der sicheren Seite hat Durkin seinen Erstling angelegt, sodass es gerade diese unentscheidbaren, nur halb gewollten Momente von "Martha Marcy May Marlene" sind, in denen der Film über das Sundance-affine Qualitätskinomilieu, dem er im Übrigen zurechnet (das Drehbuch entstand im Rahmen des Sundance Lab), hinausgeht.

Nikolaus Perneczky

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

Martha Marcy May Marlene
USA 2011 - Regie: Sean Durkin - Darsteller: Elizabeth Olsen, Sarah Paulson, Hugh Dancy, John Hawkes, Christopher Abbott, Brady Corbet, Maria Dizzia, Julia Garner, Louisa Krause, Adam Thompson, Lauren Molina - FSK: ab 16 - Länge: 101 min. - Start: 12.4.2012

 

 

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