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Der Marsianer - Rettet Mark Watney

 


Krisen lassen sich meistern

Ridley Scotts "Der Marsianer" ist ein Blockbuster ohne eindeutige Heldenfiguren, aber mit Menschen, die anpacken.

Watney (Matt Damon), der Botaniker einer Mars-Expedition, wird bei einem überraschenden Sandsturm vom Rest der Crew getrennt, für tot erklärt und zurückgelassen, weshalb er sich nun, ohne Funkverbindung, damit konfrontiert sieht, die Zeit bis zur nächsten Mars-Mission vier Jahre später überbrücken zu müssen - mit Proviant für etwa ein Jahr. Andy Weirs erst im Selbstverlag erschienener, dann von den traditionellen Verlagen weltweit rasch ins Sortiment aufgenommener Überraschungsbestseller "Der Marsianer" ist so etwas wie der Roman zur Stunde: Vordergründig eine Robinsonade, ist "Der Marsianer" ein Buch über das Individuum im Zeitalter des "quantified self", des ewigen Selbsttrackings, Kalorienzählens und der steten Übersetzung des eigenen Verhaltens und Handelns in Zahlen.

Das ist ganz und gar nicht ohne Reiz: Über weite Strecken in der Ich-Perspektive von Logbucheinträgen geschrieben, erleben wir minutiös - und wissenschaftlich wohl weitgehend abgesichert -, wie ein Mensch sich an den eigenen Haaren (bzw. mittels der eigenen Exkremente, irgendwoher muss der Dünger ja herkommen) aus dem Sumpf (bzw. der brachial trockenen Einöde des roten Nachbarplaneten) zieht, mit zwar überschaubarem, aber umso beherzterem Terraforming Kartoffeln pflanzt und sich beinahe in die Luft jagt, während er seinen Rover mit Plutonium auf Vordermann bringt; sich außerdem die Zeit gezwungenermaßen mit 70s Disco und 70s TV-Serien vertreibt und schließlich tatsächlich eine unorthodoxe Art der Kommunikation mit der Erde entwickelt.

Im Weltall hört dich keiner säen: Ridley Scott hat aus dem Stoff gerade keinen Film über die gähnende, bedrohliche Leere des Alls gedreht. Den hatte er 1979 schon mit "Alien" vorgelegt, einem Film, der elf Jahre nach Kubricks Weltall-Odyssee und zehn Jahre nach "Apollo 11" jeglichem "Auf ins All"-Enthusiasmus einen gehörigen Dämpfer verpasst hatte. Dass Science Fiction im Kino seitdem meist mit "Space Opera" übersetzt wurde und Fantasien vom konkreten Schritt der Menschheit ins All sich zuletzt oft auf melancholische Heimkehrer-Geschichten beschränkten (wie etwa Duncan Jones' "Moon", William Eubanks "Love", Alfonso Cuaróns "Gravity" und in mancher Hinsicht auch Christopher Nolans "Interstellar"), sagt viel aus über den Verlust an utopischem Potenzial der Science Fiction: Das All ist entweder der Schauplatz für Fantasy, die Magie in Technik übersetzt, oder ein Ort, aus dem man besser schnell wieder nach Hause zurückkehrt. Beide Vorstellungen werden, zumindest in astronomischen Maßstäben betrachtet, ein Problem, wenn in unserem Sonnensystem eines fernen Tages das Licht ausgeknipst wird.

Ridley Scotts "Der Marsianer" ist nun, getreu der Vorlage, eine interessante Abweichung. Zwar handelt es sich ebenfalls um eine Heimkehrer-Geschichte, doch weder um eine melancholische, noch um eine romantisch verklärte: Der von Matt Damon gespielte Mark Watney ist eine von tieferen Reflektionen weitgehend unbeleckte Frohnatur, ein zwar sanft angenerdeter, im wesentlichen aber hemdsärmerliger Wissenschaftler-Typus, der sich seiner zunächst aussichtslosen Situation einerseits voll bewusst ist ("I'm pretty much fucked", lautet der erste Satz im Roman), ihr aber dennoch mit kühl wissenschaftlichem Blick begegnet, als sei die Frage nach dem Überleben einige Millionen Kilometer weit weg von zu Hause die Sache eines Rätsels, bei dessen Lösung sich unvermeidbare Rückschläge fast immer in sarkastische Galgenhumor-Sprüche übersetzen lassen.

Was dabei entsteht, ist ein fast schon altmodischer, aber gelungener Abenteuer-Unterhaltungsfilm, der die im Roman gut funktionierende, von allerlei Kalorien- und Bakterienkalkulationen unterfütterte Agrikulturisierungsgeschichte gut genug beschrieben, um sie als faszinierende Survival-Weltaneignung im Kleinen zu betrachten. Dabei erschöpft sich "Der Marsianer" aber nicht "unfilmisch" im Erbsenzählen, sondern setzt im Medienwechsel gerade auf die Stärken audiovisuellen Erzählens (zu denen auch die Weglassung zählt: "7 Monate später", heißt es an einer Stelle lapidar). Im Buch ist das schon angelegt, in den Passagen der dritten Person etwa, wenn von der Erde aus Watneys Rettung organisiert wird: Für den Tonfall, das Timing und den Humor filmischer Blockbuster über Profis in Profi-Situationen hat Weir zwar ein exzellentes Gespür, doch sind diese Passagen die auch literarisch schwächsten, gerade weil sie sich so sehr als Drehbuch für einen Film verstehen. Scott wiederum übersetzt das in einen guten audivosuellen Flow: Endlich wieder ein Blockbuster, in dem nicht die ganze Welt gerettet und zu diesem Zweck ganze Städte auseinander gelegt werden - endlich geht es wieder um eine Situation, eine Herausforderung und Leute, die anpacken.

Auch politisch ist das von Reiz: Anders als der populäre Superheldenfilm, in dem die Rettung der Welt an ein Ensemble übermenschlicher Heilsfiguren delegiert wird (was man durchaus faschistisch finden kann), setzt "Der Marsianer" wie lange kein Krisen-Blockbuster mehr auf Kollaboration: Watney mag sein Überleben organisieren (wenngleich auch zusehends bloß durch Verstetigung der eigenen Existenz), aber er bewerkstelligt eben nicht seine eigene Rettung. Was auch der NASA nicht alleine gelingt und auch nicht der Missions-Crew, die sich auf dem mehrmonatigen Rückflug vom Mars zur Erde befindet und auf halber Strecke eine Entscheidung treffen muss. Vielmehr verzahnen sich diverse Kräfte: Hier USA, dort China, oben im All Watney und nicht allzu weit weg davon die Crew. Eindeutige Helden- oder Heldinnenfiguren gibt es nicht.

Auch wenn der "Marsianer" ein weiterer Heimkehrerfilm ist, birgt er damit doch ein utopisches Potenzial. Nicht nur, weil er sich wie kaum ein zweiter Blockbuster auf erfrischende Weise ganz auf Wissenschaft und analytisches Denken einlässt - die vom eher ressentimentgeladenen Emotionskino und Ganzheitlichkeits-Kitschnudeln in Sichtweite zu Esoterik, Homöopathie oder neuer Religiosität gerne abgetan wird (freilich eine ideologische Blindstelle: schließlich entspringen gerade Fotografie und Kino wie bis dahin keine zweite Form ästhetischer Massenproduktion direkt der naturwissenschaftlichen Forschung) -, sondern auch in seiner Betonung menschlicher Zusammenarbeit. Krisen lassen sich meistern - ein klarer Blick bringt mehr als die Lust am eigenen Untergang. Ein hoffnungsvoller Film zur Zeit.

Thomas Groh

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

 

 
Der Marsianer - Rettet Mark Watney
(The Martian) - USA 2015 - 138 Min. - Kinostart(D): 08.10.2015 - FSK: ab 12 Jahre - Regie: Ridley Scott - Drehbuch: Drew Goddard, Andy Weir - Produktion: Mark Huffam, Simon Kinberg, Michael Schaefer, Ridley Scott, Aditya Sood - Kamera: Dariusz Wolski - Schnitt: Pietro Scalia - Musik: Harry Gregson-Williams - Darsteller: Matt Damon, Jessica Chastain, Kristen Wiig, Jeff Daniels, Michael Peña, Sean Bean, Kate Mara, Sebastian Stan, Aksel Hennie, Chiwetel Ejiofor, Mackenzie Davis, Donald Glover, Nick Mohammed, Chen Shu, Eddy Ko - Verleih: Fox Deutschland

 

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