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Man tänker sitt

 

 

 

Walden, Wurzeln, Bäume

In "Man tänker sitt" hilft angesichts der schwedischen Mittelschicht-Suburbia-Gegenwart nur noch ein Gang nach Walden mit Henry David Thoreau.

Ein schwedischer Vorort, Hecke an Hecke und Haus an Haus sitzt die Nachbarschaft in ihren Mittelschicht-Leben und spielt jene Normalität, die genau dann entsteht, wenn alle mitspielen und die immer vorhandenen Abweichungen durch Missachtung abstrafen oder gleich ganz ignorieren. "Man tänker sitt" nimmt diesen Ort, Hecke für Hecke und Haus für Haus, in den Blick, von draußen und drinnen, mit Perspektiven auf Terrassen und Gärten, Partys im Sommer und Joggen am Morgen, der graut. Allerdings in alles andere als normalisierender Absicht: es sind die Devianzen, die den Film interessieren. Und Devianz, so seine These, ist immer und überall, im eigenen Haus und in dem der freundlichen Nachbarn, ein Irrer, der das Hinterteil blank zieht, findet sich im Bach, der am eigenen Grundstück vorbeifließt und ganz bei Groschen ist auch der junge Vater nicht (ein Protagonist des Films), der seinem Sohn mitten auf dem Lidl-Parkplatz die Windeln wechselt.

Deviant ist auch Sebastian, die Zentralfigur von "Man tänker sitt", ein Elfjähriger, mit dessen Voiceover-Stimme der Film spricht. Allerdings sagt Sebastian seltsame Dinge, die stark abweichen von allem, was Elfjährige im richtigen Leben so sagen und denken. Um genauer zu sein: Sebastian nimmt das Motto des Films auf, das von Henry David Thoreau stammt. Es lautet: "Der größere Teil dessen, was meine Nachbarn gut nennen, halte ich in meiner Seele für schlecht; und wenn es etwas gibt, das ich bereue, dann ist es mit großer Wahrscheinlichkeit mein gutes Verhalten." Über die Mechanik der Gesellschaft spricht das Kind und über andere, einige Nasenlängen über seinem Kopf liegende Dinge. In seinem Tun allerdings versteht auch Sebastian was von Devianz, klaut die wertvolle Uhr aus der Schatulle der Mutter und lässt sie in den Abwasserkanal plumpsen. In Theorie und Praxis geht es also um das Porträt einer richtungslosen Gesellschaft, die in passiver Liberalität die Dinge treiben lässt, bis ein Unglück geschieht. Etwas merkwürdig bleiben die Gegenbilder, die "Man tänker sitt" entwirft: Mit Thoreau geht der Film waldenwärts in Richtung Wald und Gewässer.

Grün und Natur, dahin zieht es die Devianten, die es in den Zufahrtsstraßen, in den Gärten und auf den Terrassen des Kleinbürgeridylls nicht mehr aushalten. Erlösung oder Errettung jedoch verspricht auch dieser Ab- und Ausweg mitnichten. Der eine rudert im Kanu davon, der andere will sich auf der Suche nach irgendetwas im Boden vergraben. Nur führt das zu nichts, das Ende kann nur abrupt sein, ein gefrorenes Bild, das den Protagonisten ins Abseits stellt und in diesem Abseits stehen lässt, ohne dass irgendein Weg noch irgendwohin führt. Manches kommt dazu, das die Regie sehr ausdrücklich hinzutut, über den Thoreau-Kommentar deutlich hinaus. Dazu gehört die Musik, die das gelegentlich im Abendduster unscharf werdende Sommergeschehen choralisch in andere Sphären hebt. Einerseits werden außerdem einzelne Geräusche und Töne geradezu freigestellt, andererseits herrscht in manchen Situationen Schweigen und Stille. Auffällig und stark abweichend von der realistischen Beschreibungsnorm ist jedoch vor allem die Arbeit der Kamera. Was sie tut, ist in einem sehr buchstäblichen Sinn selbst deviant. Manchmal rückt sie den Figuren auf den Leib, an anderen Stellen aber schleicht sie eher tangential an ihren Gängen vorbei, ist ein Wesen für sich, dem zwischen der Handkameranähe und einer Überwachungskameradistanz von allen Seiten und auch von oben kaum etwas unmöglich scheint. Was so entsteht, ist ein eher videospielartiger Raum, in seiner Architektur bestimmt von willkürlich anmutenden Einstellungswechseln. Dazu passt eine Ranfahrt auf eine gezeichnete Skizze am Anfang, in der die Siedlung als Plan aufgemalt ist, mit einzelnen herausgehobenen Häusern und ihren Schicksalen darin.

Am interessantesten an dieser Skizze ist ihr Rand. Die akkurat verlaufenden Straßen und die an ihren Rändern liegenden Grundstücke scheinen ohne Anschluss an eine äußere Welt: naturhaft, organisch (oder gerade im Gegenteil mathematisch mandelbrotartig?) franst das aus in ein umgebendes Schwarzes. "Man tänker sitt" begreift, was er zeigt, strikt modellhaft. Dies ist gültige Beschreibung eines Gesellschaftausschnitts. Die laboratorienhafte Künstlichkeit der Anordnung wird an keiner Stelle geleugnet. Andererseits sorgt der fast schon luftdichte Abschluss des Psychodevianzszenarios dafür, dass vieles daran sich weniger im Wald am Rand eingräbt und/oder zu sich kommt, als dass es in der Beliebigkeit der Ausschnittwahl eher Luftwurzeln in recht abstrakt und leer (und gelegentlich ganz schön klischeehaft) bleibenden Gesellschaftsdiagnosebehauptungen schlägt.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

Man tänker sitt
Schweden 2009 - Regie: Fredrik Wenzel, Henrik Hellström - Darsteller: Sebastian Eklund, Jörgen Svensson, Hannes Sandahl, Marek Kostrzewski, Bodil Wessberg, Silas Francéen, Christina Hellström, Ola Stenbrink - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 76 min. - Start: 3.3.2011

 

 

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