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Mannheim - Neurosen zwischen Rhein und Neckar

 

In Mannheim regiert seit 1971 der „Naggabriggeblues“; vor ein paar Jahren kamen noch die Söhne Mannheims und die „Popakademie Baden-Württemberg“ hinzu. In der bodenständigen, multi-kulturell bunt durchmischten Rhein-Neckar-Metropole scheint der „freshe“ Pop-Diskurs der jungen Kreativen schwer angesagt. Es gibt aber auch Platz für Nischenkultur, wo Folk-Blues mit viel Gefühl und Gitarre im Mittelpunkt noch handgemacht wird.

Andererseits hört der von MTV weichgekochte Nachwuchs viel lieber aktuelle Crossover-Bands auch aus der örtlichen Pop-Schmiede mit lustigen Namen wie „Deine Mutter steckt den Kopf in den Topf“. Deren Sängerin ist die attraktive, sehr selbstbewusste und meinungsstarke Türkin Aylin, die in dieser konfliktreichen Stadt- und Popkomödie so etwas wie die gute Fee darstellt. Ihre lausige Ethno-Pop-Band hat einen Auftritt bei der Vernissage des weltbekannten Mannheimer Künstlers Goldmund Gerber ergattert. Doch Goldmund, der als Bohemién längst in Berlin-Mitte lebt, hat einen Bruder namens Peter, der seit Jahrzehnten den Blues hat, Blues spielt, die Jugend für ihren Musikgeschmack verachtet und zu unkontrollierten Wutausbrüchen neigt. Dieser Peter, stramm auf die 60 zugehend, träumt noch immer vom verdienten künstlerischen Durchbruch. Den könne man nicht erzwingen, aber, so denkt Peter, vielleicht erschleichen. Mit ihm zusammen spielen der jüngere Enzo, der seit Jahren an seinem Debütroman und der großen Liebe laboriert, sowie der mittelalte Mike in der Bluesband, der als Cineast und Musiker ein Kind der 1980er-Jahre geblieben ist, auch wenn er von seiner Partnerin Richtung Familiengründung gedrängt wird. Sowohl Enzo wie auch Mike werden von Aylin, die sich glücklicherweise auch in Sachen Film und Literatur auskennt, bestens beraten.

Etwas unbeholfen zwischen offenem Stadtmarketing und Generationenkomödie changierend, bringt „Mannheim – Der Film“ die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen und plädiert für Weltoffenheit, Toleranz und Pragmatismus. Die Blues-Opas müssen lernen, ihren „Bob-Dylan-Gedächtnispurismus“ (Mike), ihren „Arschhaus“-Kino- und Provinzsnobismus abzulegen. Sätze wie „Mannheim ist wie Berlin, nur ohne Schwaben!“, klingen in Aylins jugendlichen Ohren schwer nach Minderwertigkeitskomplex eines gescheiterten Künstlers: „Mit eurer handgemachten Musik könnt ihr vielleicht bei einem Nostalgiker wie Woody Allen mitspielen.“ Anderseits: Wer sich nicht von Aylin provozieren lässt, bekommt in ihr eine gute Zuhörerin mit Mut zur Kritik. Mehr jedoch nicht, denn der jungen Frau stehen nach eigener Ansicht alle Türen offen: ihre Band ist erfolgreich, Freunde in Berlin haben ein Modelabel gegründet und sie eingeladen, mitzumachen. Auch locken Manhattan oder Istanbul.

So schematisch, wie der via Crowdfunding finanzierte und mit viel Enthusiasmus realisierte Film von Thomas Oberlies seine zentralen Konflikte etabliert und in der Folge exekutiert, so leicht teilt er auch seine Poetik mit, die sich mit Enzos Roman-Projekt deckt. Gegenüber Aylin spricht der angehende Autor einmal davon, dass ein Ort die Menschen forme, die dort leben. Weil das so sei, werde der Ort der Handlung – Mannheim – folglich zu einem Charakter der Geschichte. Etwas Ähnliches muss auch den Machern von „Mannheim – Der Film“ vorgeschwebt haben. Aber es reicht dafür nicht aus, ein paar Figuren Dialekt vor schönen und prägnanten Stadtansichten sprechen zu lassen. So scheint der Film gleichzeitig zu viel und zu wenig zu wollen: Er zitiert den Auftakt von „Manhattan“ (fd 22 160) und „disst“ Woody Allen kurz darauf als Nostalgiker, lobt Pedro Almodóvar und Paul Morrissey, macht sich über die Toten Hosen und die moderne Kunst lustig, verfügt aber selbst über kein Gespür fürs Timing bei der Inszenierung und nur über sehr klischeehafte Figuren. „Gefühlt Mitte Zwanzig“ (fd 43 220), doch „Monnem“ ist nicht Brooklyn.

Ulrich Kriest

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: FILMDIENST 9/2016

 

 

 


Mannheim - Neurosen zwischen Rhein und Neckar

(Mannheim - Der Film) - Deutschland 2016 - Produktionsfirma: Van Scoter Film Prod. - Regie: Thomas Oberlies - Produktion: Andrew Van Scoter, Daniel Morawek, Jochen Koop - Buch: Daniel Morawek - Kamera: Sabine Berchter - Schnitt: Christoph Hensen - Darsteller: Selale Gonca Cerit (Aylin), Benedikt Crisand (Enzo), Volker Heymann (Goldmund Gerber), Rainer Lott (Peter), Constanze K. Langhamer (Nicole), Cris Cosmo (Paolo), Torsten Eikmeier (Mike), Petra Mott (Galeristin) - Start(D): 05.05.2016 - Länge: 84 Min. - FSK: ab 6; f - Verleih: Barnsteiner

 

 

 

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