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Maidan

 

Als nicht allzu neugierig erweist sich, einigen schönen Einstellungen zum Trotz, Sergei Loznitsas Chronik des "Maidan".

Seit der Euromaidan-Proteste, die sich im November 2013 an umstrittenen politischen Entscheidungen des damaligen ukraninischen Präsidenten Wiktor Janukowytsch entzündeten, sind meine Facebook- und Twitterstreams, man kann es kaum anders sagen, ukraineverseucht. Die sozialen Medien haben ohnehin die Eigenschaft, das innere Bescheidwissertum ihrer Nutzer nach außen zu kehren; so viele Geopolitik-Instantexperten wie die Ereignisse in der Ukraine haben aber nicht einmal die diversen Krisen im Nahen Osten hervorgebracht.

Vielleicht auch deshalb hat mich "Maidan", die bislang meistbeachtete filmische Bearbeitung der Proteste, erst einmal sehr für sich eingenommen. Dem schlicht-sachlichen Titel entsprechend konzentriert sich der Regisseur Sergei Loznitsa ganz auf die Grundfunktion des dokumentarischen Kinos: auf die Aufzeichnung. Die Kamera speichert eine Ansicht eines bestimmten Ortes zu einer bestimmten Zeit, das Mikrofon den zugehörigen Sound. Darüber hinaus gibt es nicht viel, vor allem keine Hintergründe. Eine Handvoll über den Film verteilter schlichter Texttafeln zeichnen den Ablauf der Ereignisse im Winter 2013/2014 kursorisch nach, ansonsten bleibt der Film kommentar- und auch interviewfrei, besteht ausschließlich aus einer Aneinanderreihung fast durchweg unbewegter Einstellungen, die Loznitsa und zwei seiner Mitarbeiter während der Aueinandersetzungen auf dem Maidan gefilmt haben.

Dass Loznitsa auf die Interpretation von Satellitenbildern und Spekulationen über amerikanische, wenn nicht gleich ostküstenamerikanische Maidan-Hintermänner verzichtet, ist ihm natürlich ohnehin hoch anzurechnen. Aber auch darüber hinaus hilft einem die schlichte Form, die er wählt, sich von jenen kognitiven Schubladen frei zu machen, die einem Facebook und Twitter antrainieren. Denn schon die Frage, ob es sich bei den Protestierenden nun um aufrechte Demokraten handelt oder ob nicht doch eher rechte Sektoren den Ton angeben, bleibt den Bildern äußerlich. Position bezieht der Film lediglich über die Positionierung der Kamera; die bleibt stets auf Seiten der Protestierenden, die Polizisten erscheinen lediglich als eine düstere, kaum bewegliche Mauer aus Schilden und Helmen. Ansonsten sorgt die starre Halterung der Kamera dafür, dass man zwar mittendrin, aber trotzdem nicht immersiv mit dabei ist. Die wenigen, kurzen Szenen, in denen Loznitsa die Kamera doch bewegt, destabilisieren die Form nicht, sondern machen sie erst als Form sichtbar.

Wie gesagt: Erst einmal ist mir eine solche Dekontextualisierung, ist mir Loznitsas unbedingte Konzentration auf den Wert der filmischen Einstellung sympathisch. Allerdings ist ein solches dokumentarisches Konzept eben auch darauf angewiesen, dass die derart freigestellten Einstellungen komplex, abgründig, reichhaltig genug sind, um den Film aus sich selbst heraus zu tragen. Im Fall von "Maidan" bin ich mir da nicht immer so sicher. Loznitsas Bilder sind fast durchweg außergewöhnlich schön, insbesondere in den apokalyptischen Passagen nach der Eskalation. Aber sie sind, scheint mir, nicht allzu neugierig. Vor allem zu Beginn des Films ist mir das aufgefallen. Da konzentriert Loznitsa sich auf die logistischen Aspekte der Proteste: Nahrung wird zubereitet und verteilt, Metallgerüste werden auf- oder abgebaut, und auch die Steine, die im Straßenkampf gegen die Cops benötigt werden, wollen erst einmal aus dem Bordstein herausgeklopft werden. Ein vielversprechender Ansatz, eigentlich, aber um die prozessualen Dimension des Maidan geht es dabei nicht wirklich, dazu bleiben die entsprechenden Einstellungen nicht lang genug stehen. Und zwar enthalten sie viele interessante Details, aber nie scheint sich der Film allzu sehr für ein bestimmtes Detail zu interessieren.

Es gibt wunderbare Momente. Einmal findet Loznitsa eine schauderlich-schöne, surreal anmutende Einstellung, in der ein Dudelsackspieler einer infernalischen Feuerbrunst entgegen pfeift. Ein andermal nimmt er einem alle Sicherheiten, wenn er durch die Fenster eines vermutlich ausgebrannten Busses hindurch eine Auseinandersetzung zwischen Polizisten und Demonstranten filmt; der Straßenkampf entgrenzt sich in eine einzige wogende Menschenmasse, die sich nicht länger in einem definierbaren physischen Raum situieren lässt. Toll ist auch eine Totale des Maidan aus der Vogelsperspektive, von der man zuerst annehmen kann, dass sie die rauchverhangene Ruhe nach dem Sturm zeigt, bevor man die Lichtspuren der Molotowcocktails sieht und erkennt, dass man sich immer noch inmitten der Hitze des Gefechts befindet.

Was bleibt, ist ein Querschnitt, dem, einigen gelungenen Bildideen zum Trotz, etwas Beliebiges (böswilliger: Coffeetablebuchartiges) anhaftet. Erst ganz zum Schluss, in einer Passage, die den Opfern des Maidan gewidmet ist, gewinnen die Bilder an Prägnanz und auch an Zusammenhalt. Zum einen, weil sich erst da die christliche Grundtönung, die der Film von Anfang an hat, konkretisiert. Zum anderen, weil "Maidan" plötzlich eine spezifische, existentielle Erschütterung, die Trauer um den Verlust menschlichen Lebens, greifbar macht. Von den letzten Minuten her betrachtet erscheint der ganze Film wie eine Totenmesse, aus der heraus sich erst das revolutionäre Kollektiv formt.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 
Maidan

Ukraine, Niederlande 2014 - 130 Min. - Kinostart(D): 03.09.2015 - Regie: Sergei Loznitsa - Produktion: Maria Baker, Sergei Loznitsa - Kamera: Sergei Loznitsa, Serhiy Stetsenko - Schnitt: Danielius Kokanauskis, Sergei Loznitsa

 

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