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Madame Bovary


 


Weitgehend Ton in Ton und außerdem eng am Text bleibt Sophie Barthes' bierernster Weltliteratur-Relaunch "Madame Bovary".

Laut imdb hatte Mia Wasikowska vor dem hier besprochenen bereits in vier anderen Historienfilmen mitgewirkt, die im 19. Jahrhundert spielen. Beim Nachzählen komme ich nur auf drei - und auch das nur unter der Voraussetzung, dass "Alice in Wonderland" als Historienfilm durchgeht. Freilich ist das konkrete Setting in dem Fall gar nicht so entscheidend: Die schlanke, blasse, hochgewachsene, zartgesichtige, auch sonst zerbrechlich anmutende Wasikowska fügt jedem Film, in dem sie auftaucht, einen gewissen viktorianischen Charme hinzu.

Wenn man sie dann auch noch in oft wechselnde, stets matt glänzende, faltenreiche Kleider steckt, abwechselnd durch herbstliche, nicht mehr ganz opulente Kulturlandschaften eilen und in großbürgerlich möblierten Repräsentationsräumen herumstehen lässt; wenn man sie dann außerdem gelegentlich melancholische Blicke aus Fenstern hinaus beziehungsweise in Spiegel hinein werfen lässt; wenn man dann noch jede Menge flirrende Klaviermusik auf die Tonspur klatscht und neben einer Handvoll profilloser Schönlinge auch Arthauskino's favorite charming weirdo Paul Giamatti castet; dann wird, so dürfte die Kalkulation der Produzenten gelautet haben, schon niemand die Frage stellen, warum die Welt eine weitere geradlinige, bierernst gemeinte Adaption von Flauberts "Madame Bovary" braucht.

Tatsächlich bleibt nicht nur alles geradlinig, bierernst und stilistisch derart konservativ, dass man sich fast (aber nur fast) nach Wasikowskas vorheriger, sich immerhin noch einige ästhetizistische Mätzchen erlaubender Klassikeradaption "Jane Eyre" zurücksehnt, sondern auch Ton in Ton. Wasikowskas blaues Kleid passt ein wenig besser als das rote zu den Wiesen und Wäldern, durch die sie hüpft. Männer sind Schweine, manche große, andere noch größere. Die Sexszene mit dem zweiten, jüngeren Liebhaber hat etwas mehr Drive als die mit dem aristokratischen ersten - natürlich erst recht mehr als die mit dem Provinzarztehemann, der im Bett wie auch sonst überall nichts anderes liefern kann als brave, langweilige Pflichterfüllung. Aber zu größeren Ekstasen lässt sich ohnehin auch der Film nicht hinreißen. Die Ödnis des Landarztlebens bleibt Behauptung, und schon deshalb auch die Sehnsucht nach Glamour und Abenteuer, die aus ihm erwachsen soll.

Manchmal greift der Film tonal doch komplett daneben und unterlegt zum Beispiel eine Treibjagd, die der Bovary als Inbegriff der Weltläufigkeit erscheinen soll, mit weltschweren Chorälen. Wenn dann auch noch ein in die Enge getriebener Hirsch eine pathosgesättigte Großaufnahme erhält, scheint es kurz, als könnte diese Geschmacksentgleisung den Film dauerhaft und vielleicht sogar auf interessante Art aus dem Gleichgewicht bringen. Aber in dem Moment, in dem der Edelmann zum tödlichen Schlag ausholt, schneidet der Film vorsichtshalber doch lieber weg. Der grundlegende Modus des Films ist simpel: weiter im Text.

Wasikowska gibt sich Mühe, die Innerlichkeit, die ihr das in den Intrigenspielen der flaubert'schen (bei Flaubert freilich komplett nebensächlichen) Plotoberfläche sich verhaspelnde Drehbuch verweigert, sozusagen mit der Brechstange zu erzwingen, durch eher aufdringlich theatrale Schauspieltechnik. All das Zittern und Augenaufreißen läuft leider auch dem Viktorianischen bis fast Gespenstischen an ihr zuwider. Aber im Zweifelsfall zieht die Regisseurin Sophie Barthes ihrer Hauptdarstellerin sowieso lieber ein neues Kleid an, als ihr einmal frei und gerade heraus ins Gesicht zu blicken. Weltliteratur, reformuliert als Kleiderständer: Wenn es am Ende bergab geht mit der Bovary, kann man das vor allem daran ablesen, dass sie ihr Dekolleté nicht mehr wie am Anfang offenherzig rund, sondern spitz und zugeknöpft trägt.

Lukas Foerster

 

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

 

  

Madame Bovary
Großbritannien 2014 - 118 Min. - Kinostart(D): 17.12.2015 - FSK:  ab 6 Jahre - Regie: Sophie Barthes - Drehbuch: Felipe Marino, Sophie Barthes - Produktion: Sophie Barthes, Felipe Marino, Jaime Mateus-Tique, Joe Neurauter - Kamera: Andrij Parekh - Schnitt: Mikkel E.G. Nielsen - Musik: Evgueni Galperine, Sacha Galperine - Darsteller: Mia Wasikowska, Ezra Miller, Paul Giamatti, Logan Marshall-Green, Rhys Ifans, Laura Carmichael, Henry Lloyd-Hughes, Morfydd Clark, Richard Cordery, Olivier Gourmet, Luke Tittensor - Verleih: Warner Bros. GmbH

 

 

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