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Ludwig II. (2012)

 

 

 

 

Schon der Anfang zerstört die Hoffnung, es könnte sich bei der nach Käutner (fd 3818), Visconti (fd 30 173) und Syberberg (fd 17 917) vierten Verfilmung um eine Neuausrichtung des Mythos „Ludwig II. handeln: Der jungfräuliche Prinz reitet im weißen Hemd und im wilden Galopp durch die Landschaft, dicht gefolgt von seinen Erziehern. Vergeblich versuchen sie, ihn zur Rückkehr an den Hof zu bewegen, wo die Pflicht ruft und der autoritäre Vater darauf wartet, den übersensiblen Sohn mit Essensentzug und körperlichem Drill in seine Rolle als Landespatriarch zu disziplinieren. Damit ist die Route vorgegeben, und die einzige Überraschung des enttäuschend braven, 16 Mio. Euro teuren Idealistenporträts besteht darin, dass der von mehreren deutschen Fernsehanstalten sowie dem Österreichischen Rundfunk co-produzierte „Schinken“ hinter Viscontis Figurenzeichnung aus den 1970er-Jahren zurückfällt.

Während die Darstellung von Ludwigs Homosexualität damals in Deutschland nachträglich der Zensur zum Opfer gefallen war, erfährt sie in Peter Sehrs und Marie Noëlles Version eine seltsam unzeitgemäße Idealisierung. Nach einem romantischen Kuss mit einem Diener ereilen die jede Ambivalenz vermissende Ludwig-Ausgabe anno 2012 sogleich Gewissensbisse, und er verordnet sich und seinem Objekt der Begierde ewige Keuschheit, die er dank der einsetzenden Bauwut bis zu seiner Inhaftierung durchhält, als zwar übergewichtiger, aber bis auf seine narzisstische Selbstzentriertheit von keinerlei körperlichen Gebrechen geplagter Ex-Träumer. Dazwischen plant er, seine Truppen durch Orchester zu ersetzen und politische Konflikte dank der Kunst von Richard Wagner aus der Welt zu schaffen. Ein von seiner Mission kindlich überzeugter Friedensaktivist, den die Realität mit 21 Jahren einholt: Er muss in den Krieg gegen Preußen eintreten und sieht sich gezwungen, seinen Schützling Wagner auf Druck der düpierten Regierung ins Exil zu schicken. Das hindert ihn nicht daran, sich mit dem Erzfeind Frankreich zu verbrüdern und sein Vorbild Versailles in Gestalt luxuriöser Märchenschlösser nach Bayern zu importieren, in denen er sich mit privaten Opernaufführungen von lästigen Staatsgeschäften ablenkt.

Der hagere Sabin Tambrea, Mitglied des Berliner Ensembles, schlägt sich in seiner ersten großen Kinorolle eines so weltfremden wie größenwahnsinnigen Dandys wacker, auch wenn der Funken nicht recht überspringen mag. Neben der prächtigen Ausstattung und manch fulminant besetzter Nebenrolle (und damit ist nicht Hannah Herzsprung als Sissy gemeint, die zwar vom Kostüm her Romy Schneider nacheifert, aber Lichtjahre von deren abgeklärter Ausstrahlung in Viscontis Film entfernt ist) überzeugt einzig die Bildgestaltung von Christian Berger, der pralle Tableaus zaubert und Zitate von Caspar David Friedrich einschleust. So kommt es, dass man sich am Ende der schablonenhaften Inszenierung, als Ludwig mit seinem Arzt im See untergeht, achselzuckend von ihm trennt, wenn er sich wie ein gefallener Engel ins Reich der Hagiografie verabschiedet. Schade um den großen Außenseiter Ludwig, dem man eine mutigere und zeitgemäßere Rückkehr gewünscht hätte.

Alexandra Wach

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film Dienst 26/2012

 

Ludwig II.
Deutschland / Österreich 2012 - Regie: Peter Sehr, Marie Noëlle - Darsteller: Sabin Tambrea, Sebastian Schipper, Hannah Herzsprung, Edgar Selge, Friedrich Mücke, Justus von Dohnányi, Samuel Finzi - Prädikat: wertvoll - FSK: ab 6 - Länge: 136 min. - Start: 26.12.2012

  

 

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