zur startseite

zum archiv

zu den essays

 

 

Love Steaks

 

 

 

"Der Fuchs schläft nicht, er schlummert nur."

Kommt da etwas in Bewegung? Man staunt nicht schlecht, wenn man die deutschen Produktionen der letzten Wochen Revue passieren lässt - jenseits der "Berliner Schule" und dem notorischen Blockbuster-Zeug von Schweighöfer & Co. Da gibt es die üblichen Themenfilme, mal besser ("
Westen"), mal schlechter ("Zwischen Welten"), da gibt es formal Strenges ("Die Frau des Polizisten", "Kreuzweg") und das Spiel mit den Genres ("Banklady", "Das finstere Tal"). Dazu kommen noch Filme, die auf erfrischende wie hintergründige Weise mit dem Dokumentarischen im Fiktiven spielen, die Kapital aus der Durchmischung schlagen und damit an Filme von Klaus Lemke, Werner Herzog oder Alexander Kluge anknüpfen. Der aktuelle Klassenprimus ist dabei Jakob Lass' "Love Steaks" - ein Festival-Renner, der sogar Drehbuchpreise abräumt, obwohl er darauf besteht, ohne konventionelles Drehbuch entstanden zu sein. Und ohne Fördergelder! Die wurden schlicht durch Enthusiasmus ersetzt. Dreharbeiten als Klassenfahrt. Der Film erzählt einerseits eine klassische "Boy meets Girl"-Geschichte, nur eben verquer, gegen den Strich, voller Überraschungen und Leerstellen.

Es beginnt mit einer falschen Fährte. In der ersten Einstellung erwacht ein Stein am Ufer des Meeres zum Leben, reckt sich und streckt sich und enthüllt im Zwielicht des anbrechenden Tages, dass er im Besitz von etwas ist, was später im Film, wenn Neugier in Liebe umschlägt, noch zum Gegenstand einiger Diskussionen werden wird. Stichwort: Fleisch oder Blut. Nach diesem archaischen, fast schon mythologischen Auftakt, an den sich der Film erst ganz am Schluss erinnern wird, ändert sich der Tonfall abrupt. Regisseur Lass lässt seine Protagonisten innerhalb eines realen Settings mit engagierten Laiendarstellern improvisierend agieren, was den Film schöne Funken sprühen lässt. Die Dreharbeiten wurden in die Arbeitsabläufe des gewählten Drehorts integriert. Man hört auch, dass die Schauspieler in bestimmten Szenen nicht wussten, ob sie es mit Kollegen oder Laien zu tun bekamen. Man musste also bereit sein, vor laufender Kamera etwas zu riskieren.

Und die Geschichte geht so: Der junge, sanfte und mitunter etwas unbedarft wirkende Physiotherapeut Clemens tritt in einem gehobenen Wellness-Hotel seine erste Stelle an. Clemens muss sich in der neuen Umgebung erst noch orientieren, kommt offenbar direkt aus der Ausbildung, muss auf die herrschenden Usancen »eingestellt« werden und bekommt als Schlafplatz einen öffentlichen Abstellraum mit, immerhin, Meerblick zugewiesen. Es passt zu Clemens, dass er beim Feudeln des Spa-Bereichs wiederholt lang hinschlägt oder dass er nicht so recht weiß, wie er auf die plumpen Verführungsversuche einer älteren Kundin angemessen reagieren soll. Kurzum: man schaut Clemens gerne dabei zu, wie er mühsam versucht, seinen Alltag geregelt zu bekommen. Gleiches gilt für die junge Lara, die in der Küche des Hotelkomplexes arbeitet. Sie gibt sich taff und burschikos, um den rauen Umgangsformen ihrer männlichen Kollegen in der Küche gewachsen zu sein. Sie trägt gerne mal eine Maske. Lara scheint dauernd unter Strom zu stehen und was zu Beginn sehr keck erscheint, erweist sich im Verlauf des Films als drogeninduziert. Der stille, unauffällige Clemens, der nicht nur aufgrund seiner Hasenscharte kein Sprücheklopfer ist, fällt Lara schnell auf. Sie beginnt mit Clemens auf kindlich regressive Weise zu spielen, unterschätzt dabei aber dessen naive Ernsthaftigkeit, die Pädagogik hinter der Weichheit.

Das Spiel verliert seine Unschuld, als die Machtverhältnisse innerhalb der Beziehung zu bröckeln beginnen. Clemens übernimmt die Initiative und macht sich daran, Lara zu retten. Was zunächst noch eine Wette ist, die Lara glaubt, souverän manipulieren zu können, wird spätestens dann ernst, als Clemens beginnt, die Kollegen in die Pflicht zu nehmen und entschieden eine störende Öffentlichkeit herzustellen. Vor dem Hintergrund der pointiert herausgestellten Reglementierungen und Rituale der gewünschten Dienstleistungen, die in einer »sprechenden« Parallelmontage von Massage- und Küchenbereich gipfeln, wirken die regressiven Spielchen wie ein übermütiger Protest. Was der Film durch seine genüssliche Ausstellung improvisierender Interaktion mit dem leitenden Personal noch unterstreicht, die abweichendes Verhalten gerne mal sehr selbstgefällig abstraft: "Der Fuchs schläft nicht, er schlummert nur. Egal, in welches Loch ihr euch verkriecht, ich finde euch."

So lädt der Film den Zuschauer zuvorkommend ein, sich zum Kumpel der rebellischen Kinder zu machen. Vergnügt schaut man den doppelbödigen Kinderspielen zu, die dann allmählich in einen sexualisierten Machtkampf übergehen, für den der Film dann nur noch eine rein filmische Lösung anbietet, deren stilisierte Drastik so recht gar nicht zum Ton des Films zu passen scheint, andererseits aber auf den Anfang des Films verweist. So erzählt "Love Steaks" ausgesprochen originell und sogar mit komödiantischem Impetus, der auch Momente des Slapsticks umfasst, vom Aufstand gegen Klassen- und Gender-Verhältnisse, die die Menschen auch im Wellness-Hotel krank machen. Doch dieser Aufstand findet im Kinderzimmer statt und hat letztlich wenig mehr anzubieten, als dem Zuschauer das gute Gefühl zu geben, für die geringen Unkosten einer Kinokarte Zeuge zu sein, wie ein Schamane eine Punkerin heilt, indem man am menschenleeren Strand mal so richtig die Sau rauslässt. In modischer Splatter-Zeitlupe.

Das Interessanteste an "Love Steaks", neben dem grandiosen Spiel der beiden Hauptdarsteller Lana Cooper und Franz Rogowski, ist die Tatsache, dass der Film fast schon als Befreiungsschlag abgefeiert wird. Was etwas verwundert bei einem Film, der damit hausieren geht, dass er improvisierend und ohne Drehbuch entstanden sei, während man beim Sehen statt der sogenannten Wirklichkeit eher das Rascheln der Stereotypen hört. Was sich auch nicht überhören lässt, wenn man sieht, dass jemand keck damit zu spielen beginnt. "Fogma" hin oder her, aber Aufbruch sieht hoffentlich etwas anders aus. Trotzdem ein guter Film, nur sollte man den Ball flach halten.

Benotung des Films: (7/10)

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: www.filmgazette.de

 

Love Steaks
Deutschland 2013 - 89 min. - Regie: Jakob Lass - Drehbuch: Jakob Lass, Ines Schiller, Timon Schaeppi, Nico Woche - Produktion: Ines Schiller, Golo Schultz - Kamera: Timon Schaeppi - Schnitt: Gesa Jäger - Musik: Golo Schultz - Verleih: daredo media / Ferleih - Besetzung: Lana Cooper, Franz Rogowski- Kinostart (D): 27.03.2014

 

 

 

zur startseite

zum archiv

zu den essays