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Love Alien

 

 

Warum finden manche Menschen keinen Partner, obwohl sie anscheinend nichts mehr als das ersehnen? Der Filmemacher Wolfram Huke macht sein eigenes Schicksal zum Thema und filmt sich ein Jahr lang mit viel Humor und Selbstironie beim Versuch, dem Fluch des Alleinseins zu entkommen. Ein Tagebuch-Film aus der Ich-Perspektive, der eindrucksvolle Bilder für das Unbehagen und den gesellschaftlichen Druck findet, der auf dem Protagonisten lastet.

Dem Filmemacher Wolfram Huke (Jahrgang 1981) brannte das Thema unter den Nägeln: das Lebensunglück von Menschen, die keinen Partner finden. Es gibt sogar Namen dafür: Dauersingle, Absolute Beginner.  Huke selbst ist ein Absolute Beginner; was lag also näher, als eine Art Tagebuch-Film aus der Ich-Perspektive zum Thema zu drehen? Der gebrochen narzisstischen Konstellation seines Films begegnet Huke mit einer großen Portion Selbstironie, die mitunter die grundsätzlich schmerzhafte Selbsterfahrung hintertreibt. Man denkt: Wer so knuffig und humorvoll wie Huke ist, für den müsste es doch... Doch dann bewegt sich die Kamera durch seine zugemüllte Wohnung, und plötzlich ändert sich die Einschätzung seiner Person. Weil dem Dauersingle auch ein soziales Gegenüber mangelt. Was tun? Guter Rat ist nicht teuer. Ausgangspunkt der intimen Langzeitbeobachtung ist Hukes 29. Geburtstag, Endpunkt sein 30.

Die Gesellschaft hält allerlei Ideen und Erklärungsmuster für Absolute Beginner bereit; manches davon kennt man aus dem Privatfernsehen. Huke probiert es mit Online-Dating, beherzigt den Ratschlag, doch mal unter Leute zu gehen und arbeitet im Fitness-Studio an seinem Körper. Er lässt sich in der Manier von „Das Model und der Freak“ von zwei Stylistinnen beraten, die genau zu wissen vorgeben, wie man sich gut verkauft, wenn man sich selbst als Produkt betrachtet. Schließlich konsultiert er auch noch eine Therapeutin, die mit einer gewissen Arroganz viel Hanebüchenes daherredet, aber schließlich eine unschöne Wahrheit formuliert: „Vielleicht wollen Sie ja gar keine Beziehung!“ Tatsächlich keimt sehr schnell der Verdacht, dass Huke gar nicht so unzufrieden ist mit seiner aktuellen Situation, dass seine Einsamkeit wohl real, aber eben nicht existentiell ist.

Dass sein Problembewusstsein, das auf den gesellschaftlichen Konformitätsdruck reagiert, vielleicht eine Fiktion ist, zeigt sich am pointierten Humor des Films. Am 29. Geburtstag gratulieren per Telefon nur die Großeltern, die schnell abgewimmelt werden, weil man sich nichts zu sagen hat. Der Smalltalk auf Partys ist enervierend. Am 30. Geburtstag, den Huke in einem Kloster in Österreich begeht, erreicht ihn eine Gratulationsmail einer Münchner Singles-Börse. Zum Höhepunkt gerät dann allerdings der Auftritt von Hukes Mutter, die sagt, dass „man“ schon häufig gewünscht habe, dass Wolfram „auch mal jemanden hätte“. Auf das Problem ihres Sohnes reagiert die Mutter, die Arme vor der Brust verschränkt, mit einer viel sagenden Kälte. Sie selbst sei nur Mutter geworden, weil es die vernünftigste Lösung für die ungewollte Schwangerschaft gewesen sei.

In Interviews, die Huke im Umfeld seines Langfilmdebüts gegeben hat, sagte er einmal, er wisse nicht, was er genau vermisse. Was er mit „Love Alien“ allerdings brillant eingefangen hat, sind die Prozesse, mit denen Normen vom Suchen und Finden der Liebe in die Körper der Individuen eingeschrieben werden. Man kann sich die Paranoia des Absolute Beginners sehr gut vorstellen, weil Wolfram Huke für das Unbehagen, das Defizitäre und den gesellschaftlichen Druck, der auf ihm lastet, eindrucksvolle Bilder findet.

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in: filmDienst 10/2013

 

 

Love Alien
Deutschland, 2012 - Produktion: Hochschule für Fernsehen und Film München (HFF)/Bayerischer Rundfunk - Regie: Wolfram Huke - Buch: Wolfram Huke - Kamera: Wolfram Huke - Musik: Benjamin Hansen, Wolfram Huke - Schnitt: Marion Tuor - Länge:75 Minuten - Verleih: FilmKinoText

 

 

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