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Love (2015)


 


Goldrichtige Doppeldeutigkeit

Kein anatomisches Detail bleibt ausgespart in Gaspar Noés pornografischer Erinnerungslawine "Love".

"Wenn du einmal tot bist, bleiben mir diese Bilder von dir", sagt der Amerikaner Murphy (Karl Glusman) in einer raren Kopulationspause zu seiner französischen Freundin Electra (Aomi Muyock). Der Blick der Liebenden geht dabei durch ein Stereoskop und richtet sich auf ein paar mehr oder weniger explizite Fotografien. Räumlich zeichnet sich Electras Körper vor dem Hintergrund ab, vermeintlich zum Berühren nah. Murphys philosophisch-todessehnsüchtiges Geraune wird von ihr jedoch glattweg abgetan: Electra denkt nicht daran, dereinst tot sein zu müssen, will lieber leben, sich ausprobieren, Drogen nehmen und vor allem immer weiter vögeln: Letzteres ausgiebig mit Murphy, der großen Liebe, aber auch mit anderen, ihrem Ex, zu zweit, zu dritt, zu Dutzenden in einem Sexclub, mal ohne und mal gemeinsam mit ihrem Freund, der bei aller dräuenden Übellaunigkeit die Chance auf zusätzliche Bettgespielinnen nicht verstreichen lassen möchte. Alles kann, aber eines muss: Recht schön abwechslungsreich soll es bitte bleiben, dieses Leben.

Doch schon der Anfang von "Love", der einmal mehr in einem Film von Gaspar Noé eigentlich das Ende ist, hatte vorweggenommen, dass die folgenden und sehr langen 135 Minuten Dauerexzess keinen guten Ausgang nehmen werden: Murphy "fucked it all up", wie er selber in goldrichtiger Doppeldeutigkeit resümiert, während seine katerschweren Augen über die bürgerliche Wohnblockhölle wandern, die inzwischen zu seinem Gefängnis geworden ist. Zu dieser Welt gehören nun seine Freundin Omi (Klara Kristin), das gemeinsame Kind mit Namen Gaspar (!) und sehnsüchtige Erinnerungen an die wilde Zeit mit Electra, über die Murphy erfährt, sie sei spurlos verschwunden. Böser Clou des Ganzen: Freundin und Kind sind in Noés Film die zynischen Mutationen lange zurückliegender Lust, denn mit Omi, erfährt und sieht man später, hatten Murphy und Electra einst einen Dreier. Aus der anschließenden Affäre zwischen Omi und Murphy entstand nach einem geplatzten Kondom das Kind.

Murphys Gesetz weiß schließlich nicht nur, dass schiefgehen wird, was schiefgehen kann, sondern auch, dass aus Spaß schnell Ernst wird, dann "Gaspar" heißt und auf wackeligen Beinchen zu Papa in die Badewanne tapst. Jetzt ist Electra in Eifersucht abgerauscht und es helfen nur noch von ihr hinterlassene, krümelige Drogenreste, um bei Murphy eine spielfilmlange, kein anatomisches Detail aussparende Erinnerungslawine an straffe nackte Körper im goldroten Pornolicht, an Dreier, wilden Klo-, ruppigen Hintertreppen- und schrägen Shemale-Sex loszutreten. Dazwischen immer wieder: Schreien, Kratzen, Hauen. Alles am Anschlag.

Man möchte eigentlich glauben, dass irgendwo in "Love" ein Film sich versteckt hält, der klüger und aufregender ist als dieses öde alternierende Dauerrammeln und Eifersuchtsgezänk, das zu sein er vorgibt. Dass Gaspar Noé, ein echter Hau-den-Lukas der alten Berserker-Schule, hier in 3D gedreht hat, dass Penisse und Brüste, Haare und Gliedmaßen lebensecht in den Kinosaal ragen, einmal sogar Sperma in Zuschauerrichtung spritzt, und dass dieser ganze, unendlich lange Sex oft ausgesprochen schön gefilmt und intensiv zelebriert wird, all das könnte bedeuten, dass "Love" eigentlich auf etwas Anderes hinaus will. Vielleicht ja auf eine Art digitales Reliquiar im Stile von Murphys Stereoskop, angefüllt mit bewegten 3D-Bildern, die so perfekt plastisch erscheinen, dass man fast an ihnen nachzuspüren meint, wie das eigentlich nochmal war mit dem ersten Hautkontakt, mit der Liebe erstem Kuss. Überhaupt "erstes Mal": Liebe gibt es in "Love" vor allem in ihrer ziemlich hysterischen, spätpubertären Gestalt, in der alles ein einziges Sich-Verzehren ist und jedes Abweichen vom Ewigkeitsanspruch der Zweisamkeit durch galliges Ins-Gesicht-Spucken zornesrot bestraft wird. Kein Wunder also, dass das Fremdgehen Murphys in dieser (eigentlich kreuzbiederen) Aufgeblasenheit gar nicht anders als strafend im auslaufenden Sperma des gerissenen Kondoms enden kann.

So viel heilig-romantischer Ernst könnte unter bestimmten Voraussetzungen erträglich sein, Noé aber torpediert die Leidenschaften auch noch durch einen ziemlich bizarren Akt der Selbstdekonstruktion: Murphy, dieser etwas stumpfe, mitunter aggressive ganze Kerl mit Dauererektion, der Filme dreht, von Kubrick schwärmt und sich in seinem Kind plötzlich als kleiner Spießer im Werden wiederfinden muss - dieser Murphy ist natürlich Gaspar Noé selbst. Der inszenierte Selbsthass indes strahlt über, färbt mit milchgrauem Schleier auf alles ab, was hier gesagt, getan und gelebt wird, und lässt aus den großen Liebeswallungen die Luft wie aus einer Gummipuppe. Wenn das Ende des Films den Zauberanfang der gerade gefundenen Liebe zwischen Murphy und Electra idealisiert, traut man den Bildern schon lange nicht mehr über den Weg. "Einmal will ich einfach einen sentimentalen Sexfilm drehen", sagt Murphy irgendwann. Mit "Love" ist Gaspar Noé nicht einmal das gelungen.

Janis El-Bira

 

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

 

  

Love (2015)
Frankreich 2015 - 134 Min. - Kinostart(D): 26.11.2015 - FSK: keine Jugendfreigabe - Regie: Gaspar Noé - Drehbuch: Gaspar Noé - Produktion: Gaspar Noé, Rodrigo Teixeira, Edouard Weil, Brahim Chioua, Vincent Maraval - Kamera: Benoit Debie - Schnitt: Gaspar Noé, Denis Bedlow - Darsteller: Karl Glusman, Benoit Debie, Klara Kristin, Aomi Muyock, Vincent Maraval - Verleih: Alamode Film

 

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