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LOS

 

 

 

 

Die Freiheit, der Wirklichkeit von Los Angeles beim Wirklichsein zuzusehen, lässt einem James Benning mit "LOS".

 

Zwei grandiose, seit Jahrzehnten vorangetriebene Projekte amerikanischer Landvermessung im Dokumentarfilm gibt es. Sie sind, wodurch sie sich bestens ergänzen, ganz unterschiedlicher Machart. Auf der einen Seite Frederick Wiseman, der mit epischem Atem und in zugleich ganz elastischen und geradezu lyrisch durchryhthmisierten großzügigen Einzelporträts Innenansichten von US-Institutionen entwirft, vom Gefängnis zum Sozialamt, vom Militär bis zum Kaufhaus und so weiter.

 

Ganz anders verfährt James Benning in seinem Projekt. Er führt seine Kamera nicht da hin, wo die Menschen mikrokosmisch aufführen, was als ganzes dann Gesellschaft heißt. Sie, seine Kamera, ist anders als die Frederick Wisemans, auch kein bisschen beweglich. Vielmehr pflanzt Benning sie hin und da steht sie dann, rührt sich nicht vom Fleck und nimmt auf, was vor ihre Linse kommt. (Und was ihr ans Mikrofon weht. Ganz gelegentlich inszeniert Benning diesen Weltausschnitt auch - siehe "One Way Boogie Woogie". In der Regel aber nicht.)

 

Wie üblich, also dokumentarisch, verfährt Benning auch in "LOS", einem bereits 2000 entstandenen Film, der nun vom Berliner Arsenal-Verleih mit einigen, wenigen Kopien (oder mit nur einer, ich weiß nicht) auf Deutschlandreise geschickt wird. Der Titel steht für Los Angeles, denn in der Stadt und ihrem Umland stand die Kamera diesmal herum. Nun steht und fällt ein solches Verfahren mit der Entscheidung für diese, nicht jene Kameraposition: die Wahl des jeweiligen Bildausschnitts also, die Rahmung. Das ist der (dokumentar)fotografische Zug an Bennings Filmen. Das Bild ist nicht inszeniert, aber durch die Ausschnittswahl komponiert im ein für allemal entschiedenen Zugriff auf die Wirklichkeit. Und Benning ist ein toller Fotograf, eigentlich könnte man sich, stünde sie still, jede Einstellung seiner Filme auch an die Wand hängen. Allerdings gehörte sie da wirklich nicht hin.

 

Sondern ins Kino. Denn die Wirklichkeit, die ins Bild kommt, darf sich bei Benning, anders als in aller Regel in der Fotografie (bedingte Ausnahme: Langzeitbelichtung), Zeit lassen, und zwar: zu tun, was sie will. Meistens tut sie natürlich nichts Spektakuläres. Sondern: Jogger joggen am Wohnviertel-Straßenrand. Flugzeuge sind im Anflug, darunter der Straßenverkehr. Wasser fließt. Ein Gefängnis steht da, Menschen davor. Hispano-Amerikaner spielen Fußball. Ein DKNY-Plakat dominiert das Bild, in dessen linkem Drittel auf einer ganz gewöhnlichen Straße dennoch ganz gewöhnliche Autos fahren. Und so weiter.

 

Faszinierend ist, wie Benning das Beliebige, das Exemplarische und das ganz und gar Individuelle, auch: die reine Form und den reinen Inhalt, durch sein Verfahren zwanglos zusammenführt. Weder sind die Alltagsszenen von Straßen und Menschen, die man hier sieht, in einem auch nur halbwegs ernst zu nehmenden Sinn respräsentativ für Los Angeles und Umgebung. Dennoch hat, weil von Benning mit so immenser Präzision komponiert und gewählt, jedes Einzelbild seine sofort einleuchtende Gültigkeit. Und so beliebig das Verfahren - Kamera irgendwo hinstellen - prinzipiell scheint; so summarisch hier ein Stadt-Bild entsteht: Es atmet doch jede der Szenen auf berührende Weise Individualität, Einmaligkeit und dadurch auch Freiheit. Das Schöne ist auch, dass man diesen Bildern und diesem Film mit Thesen, stadtsoziologischer oder anderer Art, gar nicht kommen muss und doch, durch schieres Sehen, etwas vom Leben im hier und jetzt festgehaltenen Moment erfährt.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

LOS

USA 2000 - Regie: James Benning - Darsteller: Dokumentation - Länge: 90 min. - Start: 15.10.2009

 

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