zur startseite

zum archiv

zu den essays

 

The Look of Silence

 



Joshua Oppenheimer wendet sich in "The Look of Silence" noch einmal den indonesischen Massakern der 1960er Jahre zu.

Eine Familiengeschichte. Im Zentrum steht Adi, ein Indonesier in seinen Vierzigern. Sein Bruder Ramli war im Zuge des Massakers, das die Armee des späteren Diktators Suharto 1956/66 an tatsächlichen oder vermeintlichen Mitgliedern der kommunistischen Partei verübt hatte, ermordet worden. Adi, äußerlich stets ruhig und gelassen, alles andere als ein Schmerzensmann, lebt mit seinen uralten Eltern in ärmlichen Verhältnissen. Die Mutter spricht ruhig, aber bestimmt und unversöhnt über die blutige Vergangenheit. Oft wird gezeigt, wie sie den Vater pflegt. Der ist bis fast auf die Knochen ausgemergelt, kann nicht mehr selbständig laufen, er erinnert sich zwar noch an die Popsongs aus seiner Jugend und kann sie sogar noch nachsingen, erkennt aber kaum noch etwas in seiner gegenwärtigen Umgebung, seine eigene Familie schon gar nicht. Je nachdem, wen man fragt, ist er zwischen 16 und 140 Jahre alt. Wie als hätten die Schrecken der überindividuellen Geschichte die individuelle, biografische Zeit aus den Angeln gehoben.

Adi sucht die Männer auf, die seinen Bruder getötet, oder zumindest dabei geholfen haben. Den meisten scheint es ökonomisch deutlich besser zu gehen als seiner eigenen Familie, aber alle leben sie in der Nachbarschaft, begegnen den Angehörigen ihrer Opfer tagtäglich auf der Straße, erinnern sich und summen dieselben alten Lieder; auch sein eigener Onkel war, erfährt man später, als Gefängniswärter an den Taten beteiligt war. Da Adi als Optiker arbeitet, hat er einen Vorwand für seine Besuche, er setzt den Tätern Spezialbrillen auf, die zur Kalibrierung von Sehhilfen dienen. Der metaphorische Mehrwert der entsprechenden Filmszenen ist erstmal offensichtlich - oder vielleicht doch gar nicht unbedingt. Schließlich ist das Erschreckende an "The Look of Silence", wie schon am vielbachteten Vorgänger "The Act of Killing", dass die Mörder von damals ganz und gar nicht den Eindruck haben, etwas verbergen zu müssen.

Sie reden ganz offen über ihre Taten, brüsten sich, die atheistischen Kommunisten, die mit den Frauen ihrer Freunde geschlafen, aber nie die Moschee besucht hätten, auf möglichst sadistische Weise ermordet zu haben. Freilich gibt es im neuen Film eine entscheidende Ergänzung, die verhindert, ihn als exotistische Freakshow zu rezipieren und damit von sich selbst wegzustoßen: Einmal wird ein ziemlich unfassbarer NBC-Nachrichtenbericht aus dem Jahr 1967 in den Film eingeflochten, der zeigt, dass seinerzeit auch im amerikanischen Network-Fernsehen Lynchmorde an Kommunisten wenn nicht gefeiert, so doch ganz unverblümt beschrieben und nonchalant gerechtfertigt werden konnten.

Einer der Täter hat sogar ein Buch über die Ereignisse geschrieben, aus seiner, also der Helden- und Mörderperspektive. Versehen mit Zeichnungen, die er stolz in die Kamera hält. Nur in dieser Episode schließt "The Look of Silence" direkt an "The Act of Killing" an. Der Vorgängerfilm stand ganz im Zeichen der Täter und ihrem in doppelter Hinsicht offensiven Umgang mit der Vergangenheit: Mit Kunstblut und B-Movie-Rhetorik durften sie sich da vor der Kamera des Regisseurs Joshua Oppenheimer entblößen. Im weniger exaltierten, eher melancholisch gefärbten, durch fast schon sediert anmutende Alltagsaufnahmen rhythmisierten Nachfolger gibt es weitaus weniger Schockeffekte. Man lernt zwar, dass menschliches Blut zugleich salzig und süß schmeckt, ansonsten halten Adi wie Oppenheimer den Exhibitionismus der Mörder im Zaum. Dennoch geht es, glaube ich, nicht darum, wie manchmal zu lesen ist, die Perspektive umzudrehen - wie sollte das auch gehen, die Toten sind und bleiben tot. Adi ist nicht einfach ein Surrogat für die Toten, eher ist er ein zusätzlicher Aufnahmeapparat, der diesmal zwischen Oppenheimers Kamera und die Täter geschaltet wird und der dadurch die Anordnung grundlegend verändert (zum Beispiel auch: intimisiert). Vielleicht fasst das den Unterschied zwischen den Filmen: Handeln wird durch Sprechen und vor allem durch Blicken ersetzt.

Beide Filme Oppenheimers sind dabei mehr performativ als diskursiv, mehr moralisches Experiment als historische Untersuchung. Das heißt auch: Eher, als dass sie zum genauen Hinschauen, zur Investigation ermuntern, stehen Adis Brillen für den Akt des Blicks selbst. Mehrmals zeigt Oppenheimer, wie sich Adi im Fernsehen jene Reinszenierungen ansieht in der die Täter ihre Taten noch einmal gestisch nachvollziehen. Den selbstsicheren Blick der Täter in Richtung Kamera interpretiert er als Selbstschutzmaßnahme: Gerade weil sie nicht mit ihrer Vergangenheit klar kommen, wirken sie so emotionslos, vermutet er einmal. Es braucht, lautet dann die Schlussfolgerung des Films, doch noch einen anderen Blick als nur den der Kamera. Ein Angehöriger der Opfer tritt den Tätern gegenüber, sie müssen seinen, er muss ihren Blick aushalten. Und tatsächlich verläuft jede Begegnung ein wenig anders - freilich gibt es nur eine einzige Szene, in der sich die Blicke gegenseitig erkennen; kein Täter, aber doch die Tochter eines Täters kann nicht einem Opfer, aber doch dem Sohn eines Opfers in die Augen blicken und um Verzeihung bitten.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de  

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 
The Look of Silence
Großbritannien, Dänemark, Norwegen, Indonesien 2014 - 103 min. - Regie: Joshua Oppenheimer - Drehbuch: Joshua Oppenheimer - Produktion: Signe Byrge Sørensen - Kamera: Lars Skree - Schnitt: Nils Pagh Andersen - Musik: Seri Banang, Mana Tahan - Verleih: Koch Media - FSK: ab 12 Jahren - Kinostart (D): 01.10.2015

 

zur startseite

zum archiv

zu den essays