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The Look of Love

 


Ein Biopic von Michael Winterbottom über einen englischen Selfmademillionär aus der Softsexindustrie: worauf die Welt nicht gewartet hat. Das muss nicht gegen "The Look of Love" sprechen, suspendieren wir also die Frage nach dem Wozu und blicken unvoreingenommen nach der Habenseite. Der verdiente Comedian Steve Coogan spielt Paul Raymond, der in den Sechzigern und Siebzigern des 20. Jahrhunderts zu einem der reichsten Männer Großbritanniens aufstieg und aufgrund seiner unzähligen Besitzungen im gleichnamigen Londoner Ausgehviertel einst den Beinamen "King of Soho" trug. Coogans schauspielerisches Repertoire ist eingeschränkt, innerhalb dieser engen Grenzen aber umso ausgeprägter. Sein über Jahrzehnte kultiviertes Alter ego, der derangierte Funk- und Fernsehmoderator Alan Partridge, scheint darum immer wieder hinter dem ansonsten etwas farblosen Protagonisten durch. Auch Coogans andere Schautalente, zum Beispiel das zur Stimmimitation, dürfen sich vereinzelt in den Vordergrund drängen, ohne inneren Grund: "The Look of Love" ist eben ein Vehikel. Auch das nicht für sich ein Problem, aber man merkt bereits: Die Problempotenziale beginnen sich zu häufen.

Das Biopic ist, noch in den besseren Fällen, ein ungeliebtes Filmgenre. Am gelebten Leben erweist sich das Spielfilmformat allemal als ungenügend, zu schnell ist es vorüber, zu dicht drängen sich die bestimmenden Ereignisse, als dass für das Unbestimmte, Folgenlose noch Zeit bliebe. Zu diesem oft sehr flachen Determinismus, der so einfältig ist, wie es Hollywood-Dramaturgien sonst zu Unrecht nachgesagt wird, kommen manieriertes Spiel und allerlei Gesichtsprothetik: Erst im Rückgriff auf sie meint man den singulären Persönlichkeiten, um die es geht, in ihrer Singularität gerecht werden zu können. In Wirklichkeit sind es regelmäßig gerade solche einem allzu buchstäblichen Ähnlichkeitsideal verpflichteten Hilfskonstruktionen, die dem eh schon mitgenommenen Genre sein letztes Quäntchen Würde rauben und es in die Nähe des Camp rücken (Daniel Day Lewis mit falscher Nase). Bessere Regisseure als Michael Winterbottom, zum Beispiel Jim McBride mit seinem Jerry-Lee-Lewis-Film "Great Balls of Fire", haben sich den eingeborenen Hang des Biopic zum Camp ganz zu eigen gemacht. Winterbottom besetzt seine Hauptfigur zwar mit einem Comedian, scheint es im Großen und Ganzen aber doch ernst zu meinen: Die Problemzone wächst weiter.

Das Biopic ist ein ungeliebtes Filmgenre und doch entstammt ihm unter anderem der Film, der lange Jahre als "bester Film aller Zeiten" geführt wurde. Gänzlich frei von Camp-Anwandlungen ist Orson Welles' "Citizen Kane" zwar auch nicht. Aber er hantiert mit den Bausteinen des Genres maximal raffiniert und vor allem von Ähnlichkeitsverpflichtungen relativ entbunden: Welles' Titelfigur ist dem realen Vorbild William Randolph Hearst nur entfernt nachempfunden, sollte ihm aber nicht bis auf die erkennungsdienstlichen Daten gleichen. Das filmische Leben des Charles Foster Kane ist in den Details fabuliert und erscheint paradoxerweise gerade darum nicht so lächerlich überdetermimiert wie die wirklichkeitsnahen Lebensläufe des echten Biopic. Wofür "Rosebud" steht, wird man schließlich erfahren. Aber nur, weil er auch dann noch ein Geheimnis bleibt, wenn man den Schlüssel zu Kanes Leben in Händen zu halten meint, vermochte der Film so nachhaltig zu fesseln.

An "Citizen Kane" zu denken wird man von "The Look of Love" immer wieder und nicht gerade subtil aufgefordert. Auch hier wird in Rückblenden erzählt, statt in die Schneekugel schauen wir über die Schulter des gealterten Paul Raymond in einen Fernseher, auf dem die Höhe- und Wendepunkte seines Lebens in mehr oder weniger chronologischer Folge ablaufen, versetzt mit ein paar achronologischen Loops (zum Zeitkristall reichen diese entzauberten TV-Schaltkreise jedoch nicht hin). Zwischen den Lebensabschnitten schneidet Winterbottom auf emphatische Nahaufnahmen von Coogans altgeschminktem Gesicht, was nachdenklich stimmen soll, vor allem aber Coogans darstellerische Begrenztheit ausstellt.

Irgendwie ist es auch egal, Winterbottom interessiert sich ohnehin kaum für die bei Welles entlehnten Motive und Verfahren. Wichtiger als der mal nostalgische, mal ernüchternde Fernsehblick auf die Vergangenheit ist die auf diese Rahmung noch einmal aufgepfropfte Szene am Anfang und am Ende des Films, in der Raymond sich mit seiner Enkelin durch Soho kutschieren lässt. Das Mädchen nennt Hausnummern, Raymond gibt zur Antwort, ob die jeweils bezeichnete Immobilie ihm gehört oder nicht (Spoiler: Das meiste gehört ihm). Raymonds Rosebud-Moment - es geht um Vaterliebe und Zuckerbäckerei - geht ganz in dieser privaten Monopoly-Partie auf, so wie überhaupt die Leidenschaften, die ihn aufwühlen, sich als sonderbar kleinformatig herausstellen. Die Schlüpfrigkeit der Liebe anstelle ihrer Freiheit, Besitzstandswahrung statt Besessenheit - vielleicht sind das auch einfach die englischen Pendants der großen amerikanischen Leinwandgefühle. In seinen besten Momenten leidet der Film nicht einfach an dieser Schmalspurigkeit, sondern er handelt von ihr. (Aber gibt es das in "The Look of Love" überhaupt, beste Momente?)

Womit Raymond sein Geld verdient, ist dem Film nicht ganz egal, aber sich richtig einlassen auf die softpornografischen Geschmacklosigkeiten mag sich Winterbottom auch wieder nicht (das wäre die ausgeschlagene Camp-Option). "The Look of Love" weicht dem Schund aus, versieht einschlägiges Bildmaterial, wo es partout nicht zu beschönigen ist, mit beweglichen grafischen Elementen. Vermutlich kristallisiert sich in ihnen der ominöse Look, von dem im Filmtitel die Rede ist. Ein, zwei Mal darf, sehr verhalten, unter der Gürtellinie gewitzelt werden, die weiblichen Hauptdarstellerinnen haben Nacktszenen zugesagt, die also auch gedreht wurden. "Carry On", mag die Regieanweisung gelautet haben. Nur: Wozu?

Nikolaus Perneczky

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

The Look of Love
(The Look of Love) Großbritannien/USA, 2013 - Produktion: Revolution Films/Baby Cow Prod./FIlm4/StudioCanal - Produzent: Melissa Parmenter, Alice Dawson, Josh Hyams - Regie: Michael Winterbottom - Buch: Matt Greenhalgh - Kamera: Hubert Taczanowksi - Musik: Antony Genn, Martin Slattery - Schnitt: Mags Arnold - Darsteller: Steve Coogan (Paul Raymond), Anna Friel (Jean Raymond), Tamsin Egerton (Fiona Richmond), Imogen Poots (Debbie Raymond), Chris Addison (Tony Power), James Lance (Carl Snitcher), Matthew Beard (Howard Raymond), Simon Bird (Jonathan Hodge), Liam Boyle (Derry) - Länge: 99 Minuten - Verleih: Alpenrepublik - Start(D): 29.08.2013

 

 

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