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Lone Survivor

 

Heldenkörper im Gegenlicht

Brutalstmöglich befreit Peter Berg das Kriegsfilmgenre in "Lone Survivor" von allen Ambivalenzen.

Wie sehr man sich daran gewöhnt hat, dass Kriege im Kino im Modus der Ambivalenz verhandelt werden, bemerkt man vielleicht erst, wenn ein Film mit diesem impliziten Konsens bricht. Womit nicht gesagt werden soll, dass die vielen anderen, politisch verhältnismäßig komplex argumentierenden Kriegsfilme, die in den USA und anderswo in den letzten Jahren produziert wurden, nicht auf mehr oder weniger eindeutige ideologische Gehalte hin dekonstruiert werden könnten. Aber dafür sind interpretatorische Anstrengungen notwendig - und durchaus auch eine interpretatorische bias, die idealerweise mitreflektiert werden sollte.

Jetzt aber "Lone Survivor", inszeniert von Peter Berg, der spätenstens seit "Hancock" (2008) zu den schlechtesten Big-Budget-Regisseuren Hollywoods zählen darf. Sein neuer Film macht schon im videoästhetisch hässlichen Prolog (und erst recht im noch viel blöderen Epilog ), in dem die Jungs von Nebenan zu betörend flächiger Musik bei der soldatischen Ausbildung und der Körperstählung gezeigt werden, klar, worum es geht: um ein Heldendenkmal; wobei das mit dem "denk" im -denkmal nicht allzu ernst genommen werden sollte. Der ältere Ausdruck "Heldenmal", ohne "denk", trifft es besser, auch, weil da die Verletzung, die Wunde mitschwingt, die in "Lone Survivor" noch einmal lustvoll aufgerissen wird, aber nur, weil das richtige Heilungsmittel eh immer schon bereit steht: in letzter Instanz ist dieses Heilungsmittel Hollywood selbst, sein Starsystem vor allem, die Schmerzen werden durch Übertragung auf andere, geschmeidigere Körper gelindert, die Wunden endgültig zugenäht.

Wenn die Fiktion übernimmt, werden die Bilder sofort slick, Afghanistan sieht super aus, ein perfekt ausgeleuchteter Abenteuerspielplatz; ansonsten ändert sich nicht viel, den patriotischen Auftrag haben eh alle Beteiligten internalisiert, die Kameraführung bleibt sinnfrei hektisch, die Jungs von Nebenan bleiben die Jungs von Nebenan. Ganz um Ambivalenzen kommt man im Kino nie herum, nicht einmal in "Lone Survivor", zum Beispiel: Die Navy SEALs, die im Mittelpunkt des Films stehen, sind zwar überprofessionelle harte Kerle, eine echte Killer-Elite, aber deswegen noch lange keine tumben Rednecks - sie unterhalten sich über Coldplay-Konzerte und Innenarchitektur, einer hat sogar ein "Anchorman"-Poster über dem Feldbett hängen. Eine andere leichte Irritation: Ihre Gesichtsbehaarung unterscheidet sich nicht grundsätzlich von der der Taliban-Kämpfer, auf die sie angesetzt sind.

Die entscheidende Differenz zu anderen Kriegsfilmen der jüngeren Vergangenheit ist, dass es "Lone Survivor" nicht darum geht, diese Ambivalenzen aufzufalten, sondern darum, sie stillzustellen, in fast schon religiös überformten Bewegungs- und Schmerzensbildern. Der Film ist um eine einzige, hoffnungslos überproduzierte, endlos zerdehnte Actionszene herum gebaut, auf die die Erzählung ohne Umwege zusteuert: Nachdem die Soldaten lange genug als ideale Schwiegersöhne vorgeführt wurden, erhalten einige von ihnen, unter ihnen Marcus Luttrell (Mark Wahlberg), den Auftrag, den Toptaliban Ahmad Shah zu exekutieren. Bevor sie aktiv werden können, begegnen sie im Wald unweit eines Dorfes drei Ziegenhirten.

"Operation Red Wings", die Kriegsepisode, auf der "Lone Survivor" basiert, wurde 2005 in der amerikanischen Presse ausführlich behandelt: Die Soldaten ließen die Hirten am Leben, im Wissen, damit nicht nur ihre Missionsziel, sondern auch ihr Leben zu gefährden. Luttrell, der einzige Überlebende des anschließenden Gefechts mit Talibankämpfern, wird nicht müde, diese Entscheidung zu bedauern - unter anderem in einem gemeinsam mit Patrick Robinson verfassten Buch, auf dem der Film basiert. Dieser macht nicht einmal allzu viel Aufhebens um moralische Grundsatzfragen, und sich deshalb auch nicht unbedingt mit Luttrells Position gemein. Man merkt aber bald, warum er das nicht tut: Der Punkt ist nicht so sehr, dass in jedem Ziegenhirten ein Terrorist steckt, sondern, dass man diesen Afghanen eben doch an der Nasenspitze ablesen kann, ob sie auf der guten oder auf der bösen Seite stehen - also wird es im Zweifelsfall schon die richtigen treffen.

Aus der sicheren Distanz deutscher Kinosäle sind die Qualen, die der Film bereitet, eh eher ästhetischer Natur. Die erwähnte zentrale Actionszene vor allem: Fünf amerikanische Bartträger werden da von einer unüberschaubaren Zahl afghanischer Bartträger einen Berghang herunter gehetzt, kein Ende nimmt das, nicht das Herumgeballere, nicht die begleitenden dämlichen Sprüche ("I'm the Reaper!") vor allem nicht das Herunterfallen, wieder und wieder krachen die Körper durch Büsche und auf Felsen. Die Kamera kennt nur zwei Modi: entweder ist sie extrem nah dran an den Körpern, aber auf eine ziemlich indifferente Art, die sich nie so recht entscheiden kann zwischen einem fetischistisch-pornografischen Blick auf blutendes Männerfleisch und hektischen Subjektivierungen, Überidentifizierungen, zum-Navy-SEAL-werden; oder sie schwingt sich per Helikopter auf zu Postkartenpanoramen. Was die Kamera nicht kennt: Einstellungen, die Menschen als Handelnde, als Subjekte, als Individuen mit Entscheidungsspielraum zeigen. Besonders schlimm sind die Märtyrerszenen, bei denen der Film das eh nur vorgetäuschte Tempo ganz rausnimmt, die Musik anschwellen lässt (das ist eh das einzige, was sie macht, von Anfang bis Ende: schwellen), die eh schon allgegenwärtigen lens flares endgültig Überhand nehmen, die geschundenen Heldenkörper im Gegenlicht verewigt, einbalsamiert werden.

"Gut gemacht" zu sein, bescheinigt ein großer Teil der Kritik diesen Actionszenen. Gott weiß, welche Maßstäbe man anlegen muss, um zu einem solchen Urteil zu gelangen; vielleicht ja tatsächlich dieselben, nach denen Leni Riefenstahl "geniale Bilder" erschaffen hat - und nicht etwa blueprints für besonders armselige Werbeästhetiken und potthässliche Musikvideos. Um nicht falsch verstanden zu werden: Faschomonumental wird es nur selten, insgesamt geht es bei Berg stilistisch in eine andere, fragmentarischere Richtung - und so schlimm wie Nazipropaganda ist "Lone Survivor" sowieso nicht, dafür sorgt schon der prollige vibe, der durch den ganzen Film schwingt und der das alles auf ein wenig menschlichere Maße zurecht stutzt (was sich freilich, für sich selbst genommen, auch wieder schlimm genug anhört: "I'm a hard bodied, hairy chested, rootin' tootin' shootin', parachutin' demolition double cap crimpin' frogman. There ain't nothin' I can't do. No sky too high, no sea too rough, no muff too tough."). Aber ein nicht nur als Gesamtprojekt, sondern auch auf der unmittelbaren Erfahrungsebene fast schon überwältigend obszöner Film ist das schon schon, von der ersten bis zur letzten Sekunde.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

  

Lone Survivor
USA 2013 - 122 Minuten - Kinostart(D): 20.03.2014 - FSK: ab 16 Jahre - Regie: Peter Berg - Drehbuch: Peter Berg - Produktion: Sarah Aubrey, Randall Emmett, Akiva Goldsman, Norton Herrick, Barry Spikings - Kamera: Tobias A. Schliessler - Schnitt: Colby Parker Jr. - Musik: Steve Jablonsky - Darsteller: Mark Wahlberg, Taylor Kitsch, Emile Hirsch, Eric Bana, Ben Foster, Alexander Ludwig, Scott Elrod, Ali Suliman, Eric Steinig, Rohan Chand, Yousuf Azami, Sammy Sheik, Frank Powers, Dan Bilzerian, Corey Large

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