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Löwenkäfig

Der argentinische Autorenfilmer Pablo Trapero sperrt in "Löwenkäfig" eine schwangere Frau in den Knast und hält zu den Klischees, die da lauern, halbe Distanz.

 

Wie konventionell im Vergleich mit einer derart unkonventionellen Hollywood-Komödie (gemeint ist „Topjob – Showdown im Supermarkt“ – Anmerkung der filmzentralen-Redaktion) doch ein argentinischer Autorenfilm sein kann. Die Rede ist von "Löwenkäfig", dem jüngsten Werk des von der Kritik viel gelobten Pablo Trapero. Seine Geschichte beginnt mit der Nahaufnahme einer erwachenden Frau. Julia hat Blut im Gesicht, Blut an den Händen, ihr Appartement ist verwüstet, sie geht unter die Dusche, dann ruft sie jemanden an, dann steht die Polizei vor der Tür. Was ist passiert? Ganz genau wird sich das im Lauf des Films nicht klären, eines aber steht fest: Ein Mann ist ermordet, Julia hat sein Blut an ihren Händen, sie erinnert sich nicht, sie kommt in den Knast unter Mordverdacht.

 

Dieser Knast ist ein ungewöhnlicher Ort. Julia nämlich wird untergebracht im Trakt für schwangere Frauen. Sie erwartet von dem Mann, den sie ermordet haben soll, ein Kind. In den anderen Zellen, die alle offene Türen haben und auf einen Gemeinschaftsflur gehen, sind weitere schwangere Frauen, vor allem aber Frauen mit kleinen Kindern untergebracht. Trapero rückt ihnen, rückt vor allem aber Julia (gespielt von seiner Ehefrau Martina Gusman) nahe. In der Zelle und unter der Dusche. Bei der Geburt ihres Sohnes Tomas, beim Ausgang im Gefängnishof. Leitmotivisch zeigt er dazwischen immer wieder Bilder von Mauern und Wachen, auch Totalen des Gefängnisses selbst.

 

Alles hat so seine Ordnung in diesen Bildern, die vor allem eines irritierenderweise sein wollen: handwerklich gelungen. So aber wird "Löwenkäfig" zum Film, der eine Extremsituation auf handwerklich gelungene Weise darstellt. Säuberlich ausgeleuchtet ist jede einzelne Einstellung, gebadet in warmes, nie zu helles Licht. Als Julia einmal in eine Isolierzelle gesperrt wird, sehen wir einen Lichtstrahl ins Dunkel fallen. Im Lichtstrahl flocken pittoresk Stäubchen. Was allerdings dazu führt, dass dieses Bild nichts über die Notlage der Figur sagt, sondern vor allem etwas über die Mühe, die der Kameramann auf diese Lichtkomposition verwendet hat.

 

Auch sonst strengt sich Trapero sehr an, der Zuschauerin und dem Zuschauer möglichst wenige Anstrengungen zuzumuten. Einen Eindruck davon zu geben, was es heißt, jahrelang - oder auch nur einen Tag - im Gefängnis zu leben, versucht er erst gar nicht. Schnell schneidet er immer zur nächsten Aktion. Alle Gefühle, die Julia hat, bleiben fasslich, alles ist immerzu lesbar. Und sicher, Trapero weiß um die Klischees des Frauengefängnis-Film-Genres. Umso erstaunlicher, dass er doch ständig auf sie zurückfällt. Catfights nackter Frauen unter der Dusche, lesbische Küsse, lüsterne Blicke. Alles ist da. Gerade mal um einen halben Schritt tritt der Film vom jeweiligen Klischee zurück und bedient es so mit einer Geste, die behauptet, er bediene es nicht. Was dabei herauskommt, ist, hart gesagt, Exploitation nach Autorenfilmart. Weniger hart gesagt: Ein Film, dessen Ambition vor allem dahin geht, keinesfalls unambitioniert zu scheinen. Gerecht wird Trapero seiner Geschichte, seiner Figur und deren Schicksal so weiß Gott nicht.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist am 3.6.2009 zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Löwenkäfig

Argentinien / Südkorea / Brasilien 2008 - Originaltitel: Leonera - Regie: Pablo Trapero - Darsteller: Martina Gusman, Elli Medeiros, Rodrigo Santoro, Laura García, Tomás Plotinsky, Leonardo Sauma - FSK: ab 12 - Länge: 113 min. - Start: 4.6.2009

 

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