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Lincoln

 

 

Silhouettenspiele

Steven Spielberg spürt Abraham Lincoln mit den Methoden eines schummrigen Piktorialismus nach.

In einer schönen Szene zu Beginn hält Abraham Lincoln (Daniel Day-Lewis) auf demokratische Weise Hof: Bei einem Besuch an der Front tritt er den Truppen auf Augenhöhe entgegen, befragt erst zwei junge schwarze, dann zwei junge weiße Soldaten nach ihren Befindlichkeiten und findet dabei genau das richtige Verhältnis von ehrlichem Interesse und jener Distanz, die vor anmaßender Kumpelei schützt. Die Kinofigur Lincoln (kanonisch geworden spätestens durch John Fords "Young Mr. Lincoln") ist ein Meister der Kommunikation, weil sie, eigentlich schon in ihrer leicht grotesken Statur und linkischen Gestik, zwar volkstümlich ist, aber nicht auf eine urwüchsige, sondern auf eine reflexive, oft explizit ironische, erkennbar: gemachte Art.

In Steven Spielbergs Biopic funktoniert Lincoln als Joker, den die Geschichte zieht, wenn es ansonsten nicht mehr weiter, nicht mehr vorwärts geht. Er sitzt oft etwas abseits, für die Kamera versteckt, und hört mit an, wie um ihn herum die Akteure sich ineinander und in ihre jeweiligen Interessen verkeilen und erst, wenn die Situation kurz vor der endgütligen Eskalation steht, greift er ein. Schon auch einmal mit einem kräftigen Faustschlag auf den Tisch, lieber jedoch mit einer leise, aber bestimmt vorgetragenen Wortmeldung, die aus den kleinteiligen Verfahrensfragen aussteigt und das Register wechselt, sich mal ins Grundsätzliche der politischen Moral vorwagt, mal ins Anekdotische ausweicht und jedenfalls immer das letzte Wort behält.

Diese Kommunikationskunst ist das, was den Film an Lincoln mit ziemlicher Ausschließlichkeit interessiert. Der Bürgerkrieg dringt nur zweimal kurz, eben einmal am Anfang und dann noch einmal kurz vor Schluss, direkt in den Film ein, die biografische Vorgeschichte bleibt ganz außen vor, beziehungsweise bei John Ford. "Lincoln" konzentriert sich auf einige wenige Wochen im Januar 1865, dreht sich um Lincolns Anstrengungen, den 13. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten, der die Sklaverei abschaffte, vom Repräsentantenhaus absegnen zu lassen. Die Tricks, die anzuwenden der Präsident sich dabei nicht zu schade ist, sind dem Ideal der Demokratie auch dann verpflichtet, wenn sie deren Verfahrensregeln ad absurdum zu führen scheinen.

"Lincoln" ist, mehr noch als die meisten früheren, stärker dem Melodramatischen verpflichteten und deshalb, bei allen Problemen, die so etwas mit sich bringt, wagemutigeren Historienfilme Spielbergs, klassisches, inhaltlich wie stilistisch risikoarmes middlebrow-Qualitätskino: Beliebte Schauspieler, anerkannte Meister ihres Fachs (Daniel Day-Lewis macht seine Sache gut, er wird sich seinen dritten Oscar redlich verdient haben), agieren in schicken Kostümen vor detailfreudig ausgestalteter Kulisse tendenziell erregungsarme Dramen aus, in denen die nationale Identität der Vereinigten Staaten auf konsens- und popkulturell anschlussfähige Weise Ausdruck findet, und aus denen sich vielleicht auch noch die eine oder andere Lektion für die Gegenwart extrahieren lässt, zum Beispiel hinsichtlich der Notwendigkeit, gelegentlich auch über Parteigrenzen hinweg zu einer Verständigung zu gelangen.

Wie zuletzt zum Beispiel auch Clint Eastwoods historisches Biopic "J. Edgar" ist "Lincoln" ein Film, der sich, schon was die visuelle Gestaltung betrifft, lieber in der atmosphärischen Dämmerung der populären Mythologie umtut, als Licht ins Dunkel zu bringen (und dabei, anders als Eastwoods doch deutlich interessanterer, weil zutiefst bilderskeptischer Film, den Mythos voll und ganz beim Wort nimmt). Gerade die Szenen in Lincolns eigenen vier Wänden, in seinen privaten Rückzugsräumen, sind sparsam illuminierte Schattenkompositionen, Silhouettenspiele hinter halbdurchsichtigen Vorhängen. Schön anzusehen ist das durchaus (Kamera wieder einmal: Janusz Kaminski), es ist allerdings kaum von der Hand zu weisen, dass ein derartig schummriger Piktorialismus dazu beitragen kann, dass gewisse Aspekte des historischen Materials unterbelichtet bleiben, aus dem Bildraum entweichen zugunsten einer idealisiterten Ursprungserzählung.

Diejenigen, um deren Befreiung es gehen soll, bleiben in "Lincoln" jedenfalls bloße Stichwortgeber - und zumindest der wiederholte rückversichernde Seitenblick liberaler, wohlmeinender Redner auf die vereinzelten schwarzen, stummen Gesichter auf der Ballustrade des Parlaments hat etwas Obszönes. Das verbindet "Lincoln" mit "Django Unchained", dem anderen großformatigen amerikanischen Historienfilm im aktuellen Kinoprogramm. Spielbergs und Tarantinos Geschichtstransformationen mögen ansonsten noch so unterschiedlich funktionieren, zueinander finden sie in poetischen Konstruktionen, in denen die Befreiung der schwarzen Amerikaner aus der Sklaverei vor allem Sache einer Handvoll weißer Edelakteure ist.

Es geht offensichtlich nicht um eine radikale Revision der Überlieferung, sondern um kleine, eher kosmetische als chirurgische Eingriffe in die Symbolpolitik: zum Beispiel hinsichtlich der längst überfälligen kinematografischen Rehabilitierung des von D.W. Griffiths "Birth of a Nation" nachhaltig diffamierten radikalen Sklavereigegners Thaddeus Stevens. Derart gezügelten Ambitionen zum Trotz: Qualitätskino ist nicht gleich Qualitätskino. Um das zu erkennen, genügt ein Abgleich mit dem, was hierzulande angeboten wird, wenn gesellschaftliche Selbstverständigung via Blick in die Vergangenheit auf dem Programm steht. Das deutsche Qualitätsskino bindet seinen Großschauspielern Hakenkreuztücher an den Arm und lässt sie denselben anschließend zum Hitlergruß heben; das amerikanische klebt ihnen Bärte an, legt ihnen kluge Sätze über republikanische Ideale in den Mund und macht sie zu Gründungsvätern. Wenn man sich diese Differenz vor Augen führt, sieht man, was die Amerikaner noch immer an Spielberg und der Filmindustrie, für die er wie kein zweiter steht, haben, an einer Industrie, der es immerhin gelingt, aus einem zweieinhalbstündigen, äußerst dialoglastigen politischen procedural ein gut geöltes und alles in allem sehr integres Stück demokratiefreundliches Unterhaltungskino zu machen - und, wenn man sich das Einspielergebnis in den USA anschaut, sogar einen mittleren Blockbuster.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Lincoln
USA 2012 - 150 min.
Regie: Steven Spielberg - Drehbuch: Tony Kushner - Produktion: Steven Spielberg, Kathleen Kennedy - Kamera: Janusz Kaminski - Schnitt: Michael Kahn - Musik: John Williams - Verleih: 20th Century Fox - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Daniel Day-Lewis, Joseph Gordon-Levitt, Tommy Lee Jones, John Hawkes, Michael Stuhlbarg, Jackie Earle Haley, Jared Harris, Sally Field, Lee Pace, James Spader, David Strathairn, Julie White
Kinostart (D): 24.01.2013

  

 

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