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The Limits of Control

Balsam auf die vom Genrekino malträtierte Seele! Und mein allerneuester Lieblingsfilm. Jim Jarmusch („Broken Flowers“) beginnt gleichwohl wie in einem Actionfilm. Die Kamera verfolgt den Helden (Isaach de Bankolé) in einem dieser supermodernen Flughafengebäude. Großaufnahmen auf die Stufen der Rolltreppe, glitzernden Scheiben, Blicke auf Leute in der Wartehalle, Anzugträger im Gangsterlook mit weißem Hemd und Schlips, dunkle Sonnenbrillen. Gleich muss es knallen, denke ich. Und genau das ist mein Problem. Die vielen Kameraeinstellungen bauen eben nicht eine Action auf. Sie enden in einem rätselhaften Gespräch mit zwei Wartenden, die unseren Helden, der nichts sagt und im weiteren Verlauf des Films auch nichts sagen wird (ein „no“ vielleicht, nicht mehr), - die ihn also mit philosophischen Weisheiten über Universum, Wirklichkeit und Tod versorgen und das doppelt. Wir hören jeden Satz vom einen auf spanisch, vom anderen auf englisch und verstehen alles, weil der Untertitel ihn zum Dritten auf deutsch bringt. Was will der Autor uns damit sagen? Die beknackte Lehrerfrage ist für den Arsch, weil Jarmusch es hinkriegt, dass ich mir selbst was sage. Spätestens dann, wenn später im Film diese Sätze schön plausibel werden, gewaltig gesungen, die Seele aus dem Leib herausgeschrieen von einem Flamencosänger.

 

Gut. Sind die vom Mainstreamkino verschuldeten Wahrnehmungszwänge erst mal abgebaut, lebt's sich in Jarmuschs Film völlig ungeniert. Auch haben wir die Zweckmäßigkeitsarchitektur der Abfertigungshallen längst verlassen und atmen in den Stadt- und Landschaftstotalen Südspaniens auf. Unser schweigsamer Held-mit-dem-unklaren-Auftrag fährt von einem Treffpunkt zum anderen. Von Madrid nach Sevilla und diversen Orten dazwischen. Wer jetzt meint, das könnte ein Roadmovie sein: falsch! Benutzt wird nicht das Auto (den Blick auf das nächste davor gerichtet), sondern der Zug. Entspannt, den Blick auf unendliche Horizonte gerichtet, wenn nicht auf das Universum. Was will der Ort mir sagen? Und nicht: was will ich dem Ort sagen? – Was geschieht, wenn man hinsieht, hinhört, beobachtet? Wahrnehmungserweiterung natürlich. „The Limits of Control“ wirkt wie eine Droge. Nebenwirkung: der Filmkritiker kann die Handlung nicht wiedergeben. Der Filmheld belässt es beim Beobachten. Sex ist nicht drin. Allenfalls mit der schönen nackten Frau was Schönes von Schubert hören. Nebeneinander auf dem Sofa. Die verblüffende Tilda Swinton tritt als verführerische vollblonde Zwanzigjährige auf. Weiter nix.

 

Was also haben wir davon? Dank expandierter Wahrnehmung kann der gewaltbereite (Staatsstreich-?, Mafia-?)Boss stranguliert werden. Bill Murray röchelt: „Eure Wirklichkeit ist von der Bohéme vergiftet“, dann wird er unwirklich. Und wir finden uns in einer radikal vergrößerten Filmwirklichkeit wieder.

 

Dietrich Kuhlbrodt

          

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Konkret 6/09

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

The Limits of Control

USA 2009. R, B: Jim Jarmusch. P: Stacey Smith, Gretchen McGowan. K: Christopher Doyle. Sch: Jay Rabinowitz. M: Boris. A: Eugenio Caballero. Pg: PointBlank/Focus Features/Entertainment Farm. V: Tobis. L: 116 Min. FSK: 12, ff. Da: Isaach de Bankolé, Bill Murray, Tilda Swinton, John Hurt, Gael García Bernal, Alex Descas, Luis Tosar, Paz de la Huerta, Hiam Abbass.

                                

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