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Limbo

 

 

Nakskov, 12665 Einwohner, ist die größte Stadt der dänischen Insel Lolland. Einst eine bedeutende Hafenstadt mit einer Werft als wichtigstem Arbeitgeber, ist Nakskov heute ein Zentrum der dänischen Zuckerindustrie. Auf dem Werftgelände werden heute Rotorenblätter für Windkraftanlagen gefertigt; die Landschaft ist agrarisch geprägt. Unablässig werden Zuckerrüben in der Zuckerfabrik angeliefert. In immer neuen dokumentarischen Fahrten durchmisst die Kamera in Anna Sofie Hartmanns Spielfilmdebüt eine industriell geprägte Topografie, die insbesondere Jugendlichen wenig mehr als ein paar Kneipen, Sportverein und eine Schwimmhalle zu bieten hat. Wiederholt kommt eine Gruppe von Kindern ins Bild, die sich mit ihren Fahrrädern spielerisch auf Supermarktparkplätzen und kaum befahrenen Straßen bewegen. Ja, der Film kommt sogar komplett ohne Eltern und Elternhäuser aus: alle Szenen spielen – mit einer Ausnahme – in öffentlichen Räumen – Klassenzimmern, Kneipen, Umkleideräumen, am Rande von Sportplätzen.

Eine Geschichte vom Erwachsenwerden in der Provinz: noch ist alles in der Schwebe, worauf der Titel des Films anspielt, aber der Countdown läuft bereits. Die wohl 17jährige Sara besucht die Abschlussklasse des örtlichen Gymnasiums. Es liegt auf der Hand, dass man nach der Schule anderswo studieren, arbeiten, leben wird. Die neue Lehrerin Karen kommt von den Faröern, hat auf dem Festland studiert und ist sehr engagiert. Sie lässt ihre Schüler im Kunstunterricht über Geschlechterrollen und Pornografie diskutieren und leitet auch die Theater-AG der Schule. Auf dem Programm stehen „Antigone“ und „Nora, ein Puppenheim“. Noras beste Freundin findet Karen etwas zu feministisch, aber Sara ist fasziniert. Einmal hilft sie Karen beim Streichen der Wohnung: eine erste private Begegnung, dann – spielerisch noch – ein Versuch zu flirten. Kurz darauf eröffnet Sara Karen, dass sie sich verliebt habe, was von der Lehrerin schlicht und einfach bestritten wird. Sara reagiert auf diese Zurückweisung verstört, zieht sich zurück und schwänzt die Schule.

Ein paar Tage später begegnen sich Sara und Karen eines Abends in einer Grünanlage. Es kommt zu einem kurzen Austausch, der in ein Blickduell mündet, jedoch nicht aufgelöst wird. In der folgenden Szene wird der Liebesgeschichte ihre Basis entzogen – und der Film verliert gewissermaßen seine Geschichte, geht aber trotzdem weiter. In der Schwebe bleiben so nicht nur die Gefühle der Figuren, sondern in der Schwebe bleibt auch das Verhältnis zwischen der Geschichte und ihrem atmosphärischen Hintergrund. Mitunter entwickelt die Kamera auch ein Eigenleben, wenn sie etwas entdeckt, was interessanter ist. Etwa, wenn ein Pizzabäcker seine Kunst zeigen darf oder Jugendliche Fahrrad fahren. Anna Sofie Hartmann hält die Dinge mit erstaunlicher Konsequenz auf Distanz, setzt auf Ellipsen, vermeidet Eindeutigkeiten, Erklärungen und dramaturgische Behauptungen. Und dennoch scheint hier jede Sequenz, jede Kamerabewegung und jede Einstellung wohl durchdacht und stets aufs Ganze bezogen. Der Zuschauer erhält genug Zeit, um sich zu den Bildern und Tönen zu verhalten, sollte aber trotzdem aufmerksam sein, um nichts zu übersehen oder überhören.

So wirkt das Blickduell zwischen Sara und Karen lange nach. „Limbo“ ist eine dffb-Produktion und man darin durchaus Spuren der „Berliner Schule“ ausmachen. In einem Gespräch mit Anna Sofie Hartmann, das im Presseheft abgedruckt ist, findet sich der schöne Satz: „Ich verstehe nicht, wann Intellektuell-Sein etwas Schlechtes geworden ist.“ Ihr, die selbst aus Nakskov stammt und von dort nach Aarhus und dann nach Berlin geflohen ist, gehe es um Atmosphärisches, das nicht durch Worte und Handlungen zu fixieren sei, sondern allein durch „Zeit zum Schauen“ erfahrbar werde. Wer sich diese Zeit nimmt, wird mit einem der schönsten Filme des Jahres belohnt.

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in: filmdienst

 

 

Limbo
Deutschland, Dänemark 2014 - 80 Min. - Kinostart(D): 24.09.2015 - FSK: ohne Altersbeschränkung - Regie: Anna Sofie Hartmann - Drehbuch: Anna Sofie Hartmann - Produktion: Nina Helveg, Ben von Dobeneck - Kamera: Matilda Mester - Schnitt: Sofie Steenberger - Darsteller: Sofia Nolsøe Mikkelsen, Annika Nuka Matthiasen, Mike Olsen - Verleih: Peripher

 

 

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