zur startseite

zum archiv

zu den essays

Like Father, Like Son


 


Verführung zur Selbstaufgabe

Das aktuelle japanische Kino ist im Westen vor allem für seine Extreme bekannt: Auf der einen Seite der überbordende Wahnsinn von Takashi Miike bis Shion Sono, auf der anderen Seite die perfekt konstruierten, beseelten Schmuckstücke des Studio Ghibli. Mit seinem neuen Film "Like Father, Like Son" schlägt der hierzulande noch eher als Geheimtipp gehandelte Regisseur Hirokazu Kore-eda nun einen Bogen zu einer älteren Form der japanischen Filmkunst: den bedächtigen Familiendramen des Kino-Großmeisters Yasujiro Ozu.

Von Anfang an legt der Regisseur in "Like Father, Like Son" nämlich großen Wert auf sorgsame Konstruktion der filmischen Räume, ohne dabei jedoch in visuellen Kapriolen zu schwelgen. Die Bilder, meisterhaft eingefangen von Debüt-Kameramann Mikiya Takimoto, strahlen eine minimalistische Eleganz aus, funktionieren in perfekter Zusammenarbeit mit dem treffsicheren Set-Design. Das ist insofern wichtig, als "Like Father, Like Son" eine klassische Zwei-Welten-Geschichte erzählt: Da ist einerseits das Ehepaar Ryoto und Midori, er erfolgreicher Geschäftsmann, sie eine scheinbar perfekte Hausfrau und Mutter, andererseits das chaotische Pärchen Yukari und Yudai, die sich und ihre drei Kinder mehr schlecht als recht mit einem kleinen Gemischtwarenladen über Wasser halten. Charakterisiert werden diese beiden sozialen Kosmen ohne viele Worte durch die jeweiligen Räume, die sie im Film einnehmen: das geometrische Luxusappartement hier, die mit Nippes gefüllte, enge Familienwohnung da. Die beiden Familien kommen miteinander in Berührung, als ein plötzlicher Telefonanruf ihre Welten kollidieren und verschwimmen lässt: Sie erfahren, dass ihre sechsjährigen Söhne bei der Geburt vertauscht wurden.

Viele andere Filme haben in diesem Thema bereits Nährboden für überkandidelte Komödien gefunden. Kore-eda geht einen anderen Weg: Er nähert sich dem Thema mit aller Ruhe, aber auch mit unerbittlicher Wachsamkeit für die psychologischen Abgründe, die sich zwangsläufig auftun. Gleich zu Anfang informiert der Anwalt des Krankenhauses die Elternpaare, dass sich in solchen Fällen beinahe 100 Prozent der Betroffenen für einen Austausch der Kinder entscheiden. Die "Blutsverwandschaft" sei schließlich stärker als bloße Sozialisation. Auch das Umfeld von Ryoto und Midori, denen der Film größtenteils folgt, rät ihnen dazu, den kleinen Keita gegen ihren "echten" Sohn "umzutauschen".

Nun entwickelt sich der Film vor allem zu einem Psychogramm des kühlen Managers Ryoto, bei dem die drastische Situation lang verborgene Konflikte zu Tage fördert. Seine erste Reaktion nach der Offenbarung seiner "falschen" Vaterschaft ist von grausamer, sich selbsterfüllender Logik: "Das erklärt also alles!" Schon zuvor hat Kore-eda subtil angedeutet, dass der karrieregeile Vater von der zärtlichen und eben kindlichen Art seines Sohns Keita enttäuscht ist. Ständig stellt er ihm Aufgaben, "Missionen", die sein Erwachsenwerden beschleunigen sollen. Die perfide Möglichkeit, das Kind, das man selbst großgezogen hat, nach ganzen sechs Jahren und vollkommen "offiziell" als etwas Fremdes zu erkennen, löst in dem unsicheren Ryoto eine Krise aus - sein kaltes, nervöses Verhalten stößt uns als Zuschauer ab, aber nur, weil es so authentisch, ja nachvollziehbar erscheint. Denn zu erkennen, dass sein Kind nicht wirklich sein Kind ist, heißt schließlich einen Teil des Selbst zu verlieren - ob die Blutsverwandschaft dabei aber der entscheidende Faktor ist, stellt Kore-eda deutlich in Frage.

Schließlich muss sich Ryoto den ungelösten Problemen mit seinem eigenen Vater stellen, um durch sein paradoxes, geschäftsmäßiges Verhalten nicht die Möglichkeit, ein Vater zu sein, für immer zu verlieren. Das läuft am Ende vielleicht ein bisschen zu glatt und zu rund ab, um nachhaltig zu überzeugen. Insgesamt aber ist "Like Father, Like Son" ein mit großer Konzentration durchgespieltes Familienstück und ein handwerklich tadelloser Film, der an die klassischen Zeiten rigoroser kinematischer Raumkonstruktionen anschließt.

Benotung des Films: (7/10)

Tim Lindemann

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: www.filmgazette.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

Like Father, Like Son
OT: Soshite chichi ni naru - Japan 2013 - 120 min. - Regie: Hirokazu Kore-eda - Drehbuch: Hirokazu Kore-eda - Produktion: Matsuzaki Kaoru, Taguchi Hijiri - Kamera: Takimoto Mikiya - Schnitt: Kore-Eda Hirokazu - Musik: Takeshi Matsubara, Junichi Matsumoto, Takashi Mori - Verleih: Arrow Films - Besetzung: Masaharu Fukuyama, Yôko Maki, Jun Kunimura, Kirin Kiki, Machiko Ono, Isao Natsuyagi, Lily Franky, Jun Fubuki, Megumi Morisaki - Kinostart (D): 25.09.2014

 

zur startseite

zum archiv

zu den essays