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Liberace - Zuviel des Guten ist wundervoll

 

 

Steven Soderberghs "Liberace" verweigert den  mehrheitsgesellschaftlichen Ausgleich zur Egoshow des homosexuellen Starpianisten (hier Michael Douglas).

"Liberace - Zuviel des Guten ist wundervoll" ist Steven Soderberghs erster Film nach dem selbsterklärt letzten Film, entstanden nach dem offiziell verkündeten, immer wieder aufgeschobenen Ende seiner Regiekarriere; gedreht ist er fürs Fernsehen (genauer für den Bezahlsender HBO), wo für den kinomüden Vater einer bestimmten Idee von amerikanischem Independentkino nun wohl eine neue Zeitrechnung anbricht: Für die Miniserie "The Knick", die 2014 beim HBO-Tochtersender Cinemax starten soll, zeichnet Soderbergh nicht nur als Koproduzent verantwortlich, sondern er wird auch bei allen Folgen Regie führen. (Eine interessante Entwicklung, die zu einem neuen Standard werden könnte: Auch bei der kommenden HBO-Serie "True Detective" wird ein (relativ) namhafter Filmemacher, Cary Fukanaga ("Sin Nombre", "Jane Eyre"), bei sämtlichen Folgen der ersten Staffel die Regie übernehmen.)

Wenn der in den USA dem Vernehmen nach nur als Fernsehfilm realisierbare "Liberace" in Europa einen regulären Kinostart bekommt, dann deshalb, so wird kolportiert, weil die Verfilmung von Scott Thorsons gleichnamigen Memoiren über sein gemeinsames Leben mit dem Entertainer Liberace "zu schwul" sei für Hollywood. Auf den ersten Blick erstaunt diese Behauptung, später versteht man, wie sie gemeint sein könnte: Es gibt in dem Film so gut wie keinen mehrheitsgesellschaftlichen Ausgleich zur goldblattumrankten Egoshow des homosexuellen Starpianisten. An der Hand von Liberaces langjährigem Lover Scott (Matt Damon) entführt uns Soderbergh in Liberaces Privatreich, ein schwules Xanadu, ein "closet" von palastartigen Ausmaßen, und wird es im weiteren Verlauf nur selten wieder verlassen. An diesem Ort, und nicht an den nicht minder exaltierten Bühnendarbietungen, für die Liberace berühmt war, findet der Film seinen eigentlichen Gegenstand. Eine Weile vermögen die überkandidelten Interieurs und mit Diamantimitaten (aus österreichischer Fertigung) besetzten Nerzmäntel auch den Blick aufzureizen, irgendwann ist man an das Blendwerk aber gewöhnt und wird auf die Geschichte zurückgeworfen. Und die ist in ihrer fast buchhalterisch berechneten Aufstieg-und-Fall-Logik so egal, dass man es nicht lange in einem Raum - möge er noch so wahnhaft verkitscht sein - aushält mit ihr. Schade, dass Soderbergh so wenig zu Liberaces Schaustellertum einfällt, so bleibt sein Beiname, "Mr. Showmanship", eine ungenutzte Gelegenheit. Schade vor allem deswegen, weil Soderbergh zuletzt, im Stripper-Drama "Magic Mike", ehrliche und dennoch betörende Bilder für die Knochenarbeit am Spektakel fand.

Trotzdem ist "Liberace" ein interessanter, und stellenweise brillianter Trip durch die schwule Kulturgeschichte der späten 1970er Jahre. "It's funny that the crowd would like something this gay", sagt Scott als er Liberace zum ersten Mal in Aktion sieht. Sein Freund weiß es besser: "They have no idea he's gay". Der Film setzt 1977 ein und endet mit Liberaces Tod infolge seiner Ansteckung mit dem AIDS-Virus. Kurz bevor wir ihn ein letztes Mal, stark abgemagert und bettlägrig zu Gesicht bekommen, verweilt die Kamera auf einer Zeitungsschlagzeile die den Tod Rock Hudsons beklagt. Wie Hudson gehörte Liberace zu einer Generation schwuler Kulturindustriearbeiter, die gezwungen waren, aus ihrem Begehren ein Geheimnis zu machen, während seinem wesentlich jüngeren Partner Scott (in Wirklichkeit war der zu Beginn ihrer Beziehung noch minderjährig) bereits die Option offensteht, etwas unbefangener mit seiner Sexualität umzugehen (Scotts Ziehfamilie zum Beispiel ist allem Anschein nach über seine Bisexualität im Bilde). Aus diesem feinen Unterschied in der schwulen Sozialisation, den Soderbergh aufmerksam aus kleinen Gesten ableitet, ergibt sich eine wirre Psychodynamik - Liberace will für Scott "father, lover, best friend" sein.

Rob Lowe legt einen durchgeknallten Auftritt als Schönheitschirurg hin, der wegen zu vieler Facelifts die Augen nicht mehr zubekommt. Und auch Soderbergh selbst zeigt die Operationen, denen sich Liberace und Scott zum Zweck einer phänotypischen Angleichung (der eine soll jünger, der andere mehr wie Liberace aussehen) unterziehen, ohne mit der Wimper zu zucken: Das Skalpell schneidet ins Fleisch, eine Hand klappt ein Stück Gesichtshaut um, als wäre es das Verdeck eines Cabriolets. Ein bisschen zu einseitig interessiert sich "Liberace", wie der Originaltitel "Behind the Candelabra" schon suggeriert, für die Wahrheit hinter (oder im Fall der OP: unter) dem Anschein, ein bisschen zu simpel bleibt der Begriff, den sich Soderbergh vom schönen Schein macht. Das Kino und Soderberghs eigene Kinofilme wissen mehr darüber.

Nikolaus Perneczky

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

 

 

Liberace - Zuviel des Guten ist wundervoll

(Behind the Candelabra) - USA 2013 - 118 Minuten - Start(D): 03.10.2013 - FSK: ab 12 Jahre - Regie: Steven Soderbergh - Drehbuch: Richard LaGravenese, Scott Thorson, Alex Thorleifson - Produktion: Susan Ekins, Gregory Jacobs, Michael Polaire - Kamera: Steven Soderbergh - Schnitt: Steven Soderbergh - Musik: Marvin Hamlisch - Darsteller: Matt Damon, Michael Douglas, Rob Lowe, Dan Aykroyd, Boyd Holbrook, Debbie Reynolds, Caroline Jaden Stussi, Scott Bakula, Max Napolitano, Paul Reiser, Kiff VandenHeuvel, Nicky Katt, Cheyenne Jackson, Eddie Jemison, Tom Papa

 

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