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Le weekend

 

 

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Lustige Sache, das. Wer Zeit hat, sollte mal etwas im Netz bummeln gehen! "Le weekend" von Roger Mitchell, Drehbuch: Hanif Kureishi, ist ein absoluter Liebling der Kritik: 100% bei Rotten Tomatoes. Sieht man den Trailer, wird dort die Erwartung auf eine durchaus schwungvolle (sofern es die alten Knochen noch zulassen!) und wohl auch irgendwie romantische Komödie geweckt, die, hoppla, in Paris spielt. Paris mit großem "P" - hoher Wiedererkennungswert für Paris-Liebhaber. "Zu touristisch!", nennt Meg das Kind einmal ganz offen beim Namen. Weniger euphorisch stolpert dann der solcherart ins Dunkle gelockte Endverbraucher ins Freie, der auf der Leinwand ganz andere Dinge gesehen hat als die Kritiker:
a grumpy old couple, das sich das Leben routiniert zur Hölle macht, "largely cliche-ridden, depressing and slightly distasteful" (amazon.co.uk).

Also denn: "Le weekend" ist der filmische Lackmustest für gealterte Paare, die vielleicht doch neugierig sind, was die Zukunft vielleicht noch bereit halten mag. Meg und Nick gönnen sich ein Wochenende in Paris, wohin sie einst ihre Hochzeitsreise führte. Sie eine Biologie-Lehrerin, er ein Hochschuldozent für Philosophie - die Kinder sind aus dem Haus, der Ruhestand ist nur noch eine Armlänge entfernt. Doch die Uhr lässt sich nicht zurückdrehen, 30 Jahre Ehe haben ihre Spuren hinterlassen - und Meg und Nick sind natürlich viel zu klug, um davon wirklich überrascht zu sein. Mal ist Paris heruntergekommen, mal zu teuer, mal zu touristisch.

Die beiden funktionieren als Paar ganz wunderbar, wenn man bereit ist zu akzeptieren, dass mit romantischen Aufschwüngen kaum mehr zu rechnen ist. Selbst die Streitkultur des Paares zeugt von großer Vertrautheit. Doch zeigt die Routine mitunter Risse, die den Blick freigeben auf die Enttäuschungen und Defizite, die sich in die Beziehung eingekerbt haben. Nicht immer ist es lustig, das Gegenüber emotionale Kälte spüren zu lassen. Nicht immer ist es lustig, die bürgerliche Etikette am Essenstisch auch noch im 60. Lebensjahr pubertär hinter sich zu lassen. Meg wirkt etwas frischer als Nick, der unbeweglich erscheint und - nicht grundlos, wie man später erfährt - etwas zu sehr auf Sparsamkeit bedacht ist. Kurzum: die Darstellung dieses bestens eingespielten Teams ist so unsentimental, dass sie schon fast wieder sentimental ist, wie es Peter Bradshaw im "Guardian" auf den Punkt gebracht hat.

Doch gerade, wenn man anfängt, sich zu langweilen, läuft Morgan, ein ehemaliger Studienkollege von Nick, in den Film. Morgan ist von aufdringlicher Freundlichkeit, ein Kosmopolit mit Geschmack, ein Bestseller-Autor und Star der akademischen Welt, ein Pop-Philosoph mit einer sehr attraktiven, viel jüngeren Ehefrau und einem exquisiten Hipster-Bekanntenkreis. In einem schlechten Film würde die Begegnung mit dem erfolgreichen Pendant Nick die Gelegenheit geben, sich selbstmitleidig über die eigene Mittelmäßigkeit klar zu werden. Aber wir sind schon weiter!

Und so wird es viel komplizierter, als sich Morgan öffentlich als Fan von Nick zu erkennen, der ihm viel, ja, fast alles zu verdanken habe. Nick sei es einst gewesen, der Morgan als intellektueller Mentor aufs richtige Gleis setzte. Nick, der manchmal noch die Songs von Nick Drake hört, reagiert auf derlei Avancen komplett unroutiniert - und wird dadurch wieder für Meg interessant, die zuvor heftig mit einem jüngeren Mann geflirtet hatte. Dass Nick darauf wiederum mit kaum unterdrückter Eifersucht reagiert, erstaunt ein wenig, zeigt aber, wie unsicher Nick im Innersten ist.

Man wird im Verlauf des Films das Gefühl nicht los, dass die Beziehung von Meg und Nick ihre Kraft aus der Dynamik zweier Menschen schöpft, die sich eigentlich nicht mögen, aber gelernt haben, trotzdem miteinander zu leben. Fraglich, wohin diese Kraft fließt, wenn Arbeitsleben und Kinderaufzucht erledigt sind. Dass Nick gerade Ärger an der Uni hat, weil er eine farbige Studentin mit den Worten "Wenn Sie so viel Zeit für Ihr Studium aufbringen wie für Ihre Haare, hätten Sie vielleicht eine Chance, Ihrem Milieu zu entkommen." provoziert hat, lässt die Zukunft nicht rosarot erscheinen.

Benotung des Films: (7/10)

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: www.filmgazette.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 
Le weekend
Großbritannien 2013 - 93 min. - Regie: Roger Michell - Drehbuch: Hanif Kureishi - Produktion: Louisa Dent, Bertrand Faivre, Philip Knatchbull, Kevin Loader, Rosa Romero, Sue Bruce Smith - Kamera: Nathalie Durand - Schnitt: Kristina Hetherington - Musik: Jeremy Sams - Verleih: Prokino - Besetzung: Jeff Goldblum, Jim Broadbent, Lindsay Duncan, Olly Alexander, Xavier De Guillebon, Brice Beaugier, Marie-France Alvarez, Denis Sebbah, Sébastien Siroux, Lee Breton Michelsen, Charlotte Léo - Kinostart (D): 30.01.2014

 

 

 

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