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Der letzte Wolf

 



Jean-Jacques Annaud demonstriert den Chinesen mit "Der letzte Wolf", wie man eigene historische Verfehlungen in Erkenntnisgeschichte umdeutet.

Mit "Der letzte Wolf" erzählt Jean-Jacques Annaud, der französische Meister des menschelnden Postkarten-Arthaus-Bombastkitschs, eine Art umgekehrte Pocahontas-Geschichte in der mongolischen Steppe, wie sie auch das amerikanische Kino mit Filmen wie "Der mit dem Wolf tanzt" oder "Avatar" von Zeit zu Zeit erzählt: Es geht um eine Begegnung der Kulturen, in der sich nicht etwa die vermeintlich primitive Kultur an der dem eigenen Verständnis nach höher stehenden, modernen Kultur infiziert, sondern ganz im Gegenteil der Quasi-Abgesandte der zweiteren die Seiten wechselt. Im Jahr 1967, dem zweiten Jahr von Maos Kulturrevolution, meldet sich der chinesische Student Cheng Zhen (Shaofeng Feng) freiwillig zum Dienst, um den Bauern der Inneren Mongolei die hochchinesische Sprache und einen ganzen Koffer voll Bücher mit den Errungenschaften jüngster politischer Theorie zu bringen, mit dem höhergeordneten Ziel, das Hinterland nach und nach in die Infrastruktur und Logistik des maoistischen Imperiums einzugliedern.

Doch der auf zwei Jahre angelegte Aufenthalt wird zum spirituellen Erweckungserlebnis, das sich an ein konkretes Schwellenereignis knüpft: Allein in der Steppe, sieht sich der Student mit einem Rudel Wölfe konfrontiert, dem er nur durch eine List in letzter Sekunde entkommt. In den Wolken offenbart sich ihm daraufhin das Antlitz einer mongolischen Geistergottheit, der er, so der Patriarch eines mongolischen Yurtendorfes später, sein Leben verdanke. Was folgt ist die Öko-Variante eines mythisch verbrämten Stockholm-Syndrom-Narrativs: Der Student verliebt sich in das wilde, freie Leben der Wölfe, möchte gar ein Wolfsbaby aufziehen, geht beim Patriarchen in die Lehre, was Wissen und Pflege des ökologischen Gleichgewichts betrifft, und erlebt die Planvorgaben der chinesischen Zentralregierung, die irrsinnig in die Natur eingreifen wollen, mehr und mehr als großen Irrtum. Spätestens als es den Wölfen an den Kragen gehen soll, wechselt Cheng Zhen endgültig die Seiten. Prächtige Bilder von weiten mongolischen Landschaften und agilen Wölfen in Slow-Mo-Aktion fallen dabei ab.

Wie landet eigentlich ein französischer Arthaus-Blockbuster-Filmemacher wie Jean-Jacques Annaud bei einer rein chinesischen Produktion in der mongolischen Steppe unter Wölfen? Zumal, da der Regisseur wegen "Sieben Jahre in Tibet" (1997) lange Zeit eine unerwünschte Person in China war? In Interviews erklärt Annaud nicht ohne Eitelkeit, dass die chinesischen Produzenten aus freien Stücken auf ihn zugegangen seien, um ihn für diese Verfilmung eines in China immens populären Romans zu gewinnen, weil man in China selbst nicht in der Lage sei, "solche Filme zu drehen". Wer einmal chinesischen Blockbuster-Bombast gesehen hat und überdies die Sensibilitäten des chinesischen Arthaus-Kinos kennt, weiß, dass das, gelinde gesagt, diplomatische Schmiere ist. Inhaltlich habe man ihm völlig freie Hand gelassen, so Annaud mit merklichem Stolz weiter - lediglich eine Liebesszene sei um einen kurz aufblitzenden nackten Busen "erleichtert" worden. Manch ein Kritiker staunte daher, wie kritisch die Machbarkeitsideologie, die der maoistischen Dienstbarmachung der Natur und deren Kreisläufe zugrunde liegt, dargestellt werde: Die proletarischen Schwarzmäntel Maos sind eindeutig die Bösen. Dass es bei einem von Anfang an als Auftragsarbeit angelegten Projekt vielleicht auch gar keinen Grund mehr geben muss, die Produktion in ihrem Verlauf zu lenken, fällt offenbar keinem auf.

Dass man Annaud mit diesem Stoff gut locken kann, liegt auf der Hand: Naturkitsch und triviale Wildtier-Mythologisierungen, die auf eine Erhabenheit der Tiere zwar zielt, sie sich dabei aber bloß spekulativ einverleibt, bilden die Leib- und Magenspeise im Motivhaushalt des Regisseurs. Entsprechend interessiert sich Annaud für Politik nur sehr beiläufig, solange es genug saftig grüne Landschaften und majestätisch strahlende Himmel gibt. Was in "Der letzte Wolf" greift, kennt man auch aus der Mythenmaschine des amerikanischen Kinos und aus den Mechanismen politischer Folklore: Die eigenen historischen Verfehlungen werden zur Erkenntnisgeschichte umgedeutet, man selbst geht ein bisschen auf im Anderen, dem man zuvor ans Leder gegangen ist, und tritt als demonstrativ geläutertes Wesen aus dieser Transformation hervor. Wohl auch deshalb ist es für den Film wichtig, dass der Student eben nicht zwangsweise in die Provinz abkommandiert wurde, sondern aus Gründen des Idealismus. Auch Rambo, der letzte große, mythische Krieger des US-Kinos, musste ein Stück weit zum Vietcong-Guerillero werden, um die USA am Ende mit sich versöhnen zu können (dass er in der literarischen Vorlage deutsch-indianischer Abstammung ist, legt ihm noch die Spuren zweier anderer großer Auseinandersetzungen der USA in den Gencode).

Was dabei im konkreten Fall bei Annaud herauskommt, ist Kitsch an der Grenze zur Erträglichkeit, der in seiner Einfältigkeit auch vor plumpsten performativen Widersprüchen nicht Halt macht: Wenn der Patriarch dem Stadtbewohner die Tragödie der Mongolen erklärt, nämlich dass deren Geschichte nie von ihnen selbst, sondern stets von deren Eroberen geschrieben wurde, interessiert sich Annaud vor allem für den prächtigen Sonnenuntergang, der die Kulisse dieses Gesprächs bildet, und verwechselt seinen Film wahrscheinlich sogar wirklich mit dem Einlösen der in dieser Ansprache artikulierten Bitte, man möge die Geschichte der Mongolen doch bitte einmal aufrichtig erzählen.

Wie "Der mit dem Wolf tanzt" schon kein Film über die amerikanischen Ureinwohner war, ist auch "Der letzte Wolf" vor allem die Projektion eigener Sehnsüchte auf das Andere, diesmal im vermittelten Blick auf die Wölfe gedoppelt: Diese, heißt es an einer Stelle, seien die wahren Lehrmeister des Menschen. Sie hätten Dschingis Khan einst das Handwerk der Kriegskunst gelehrt und bildeten so etwas wie die ideale Gesellschaft. Warum? Sie fügen sich dem großen Plan und leisten den Anweisungen ihrer Anführer Folge. Annaud widerspricht nicht.

Thomas Groh

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

 

 

 
Der letzte Wolf
(Le dernier loup) - China, Frankreich 2015 - 121 Min. - Kinostart(D): 29.10.2015 - FSK: ab 12 Jahre - Regie: Jean-Jacques Annaud - Drehbuch: Jiang Rong, Jean-Jacques Annaud, John Collee, Alain Godard, Lu Wei - Produktion: Yin Cao, Xavier Castano, William Kong, La Peikang, Alan Wang, Jianshai Xu, Duojia Zhao - Kamera: Jean-Marie Dreujou - Schnitt: Reynald Bertrand - Musik: James Horner - Darsteller: Shaofeng Feng, Shawn Dou, Ankhnyam Ragchaa, Yin Zhusheng, Basen Zhabu, Baoyingexige - Verleih: Wild Bunch Germany

 

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