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Die letzte Versuchung Christi

Dieser Film war eine Herzensangelegenheit des skeptischen Katholiken Scorsese und konnte erst im zweiten Anlauf gegen die Widerstände christlicher Fundamentalisten verwirklicht werden. Jesus ist in Scorseses Film sowohl Gottes Sohn als auch Mensch. Die göttliche Natur stellt der Film nicht in Frage. Sein eigentliches Thema aber ist der Mensch Jesus, der sündigt, zweifelt und schuldig wird. Jesus ist Versuchungen ausgesetzt, bis hin zu jener letzten Versuchung am Kreuz.

 

Der Film folgt weitgehend den aus der Bibel bekannten Stationen. Gegenstand jeder Interpretation sollte aber immer der Inhalt des Films bleiben. Diese an sich selbstverständliche Forderung muss beim vorliegenden Werk extra betont werden, denn zu leicht gerät man in ganz andere Argumentationen. Es geht also weder darum, was der biblische Jesus gesagt und getan hat, noch geht es darum, inwieweit der Jesus in Scorseses Film dem biblischen Jesus entspricht und am wenigsten darf es darum gehen, den Film gegenüber den religiösen Meinungen amerikanischer Bibelchristen zu rechtfertigen. All diese Diskussionen verstellten und verstellen den Blick auf ein originelles und herausforderndes Jesusbild.

 

Der Jesus in Scorseses Film ist nie fertig, er hat keine Lehre, sondern er bleibt bis zum Ende ein Suchender. Der eigentliche Kern seiner Lehre, oder besser: seiner Haltung, besteht darin, dass er sich gegen die Lüge wendet, gegen Lüge und Heuchelei in jeder Ausprägung. Jesus will das Wahre und er zweifelt bis zuletzt, ob er es gefunden hat. Dies ist kein abgeklärter Jesus, der die Wahrheit gepachtet hat, dies ist ein verzweifelter Jesus, der sich gegen seine Zweifel immer wieder neu behaupten muss. Dies ist ein sehr menschlicher Jesus: „Mir fehlt der Mut. Ich kämpfe, stehle nicht, weil ich Angst habe. Angst - Etwas anderes findest du nicht in mir.“ Angst ist ein Zeichen des Menschseins, sie zu überwinden aber auch.

 

Am Beginn des Films finden wir einen Jesus (Willem Dafoe), der seine Berufung als Fluch empfindet. Er zweifelt, ob es Gott oder Satan ist, der ihn als Gottes Sohn bezeichnet. Im Laufe des Films wird er mit verschiedenen Positionen konfrontiert. Der Film vertritt dabei nie eine Botschaft - Schlüsse zu ziehen überlässt er dem Zuschauer. Statt einer fertigen Lehre zeigt der Film eine Entwicklung. Jesus’ erstes öffentliches Auftreten ist ein spontaner Akt der Mitmenschlichkeit. Als eine aufgebrachte Menge die Prostituierte Maria Magdalena (Barbara Hershey) steinigen will, tritt Jesus dieser Menge entgegen. Wer noch nie gesündigt hat, der solle vortreten. Diese berühmte Szene beinhaltet alles, was diesen Jesus ausmacht: Mitmenschlichkeit, Bewusstsein der eigenen Fehlbarkeit und mutiges Auftreten gegen Unrecht und Selbstgerechtigkeit. Seine eigentliche Lehre ist die Tat.

 

An diese Stelle schließt sich Jesus’ erste Rede an, die ihren Text aus der biblischen Bergpredigt nimmt. Es ist eine unbeholfene, tastende Rede. Jesus sucht nach Worten und findet nicht immer die besten. Er muss sich erst in Schwung reden. Seine Rede bietet eine naive Liebesethik und sie ist ein Plädoyer für die Gerechtigkeit und gegen die Reichen. Doch er wird missverstanden. Die Menge strömt aus, um die Reichen zu töten, nur einige bleiben als Jünger zurück. Der wichtigste von ihnen ist Judas.

 

Judas (Harvey Keitel) ist die zweite zentrale Figur des Films. Er ist ein Revolutionär, der Palästina von der römischen Besatzung befreien will. Bei seinem ersten Auftritt lernen wir ihn als jemanden kennen, der bereit ist für seine Ziele zu töten. Er scheint die gleichen Ziele zu haben wie Jesus, nur seine Mittel sind andere. Er kämpft für Freiheit und Gerechtigkeit, und wenn es sein muss mit Gewalt. Doch Judas ist auch ein Intellektueller, aber kein Ideologe. Selbstzweifel sind ihm nicht fremd und er ist bereit, sich überzeugen zu lassen. Er wird zum ständigen Begleiter Jesus’, einem Begleiter, der Jesus nicht einfach folgen will, wie die anderen Jünger, sondern der von ihm überzeugt werden will. Er fordert Jesus ständig und will Antworten. Er ist es auch, der Jesus zwingt, sich über sich selbst klar zu werden. „Was für ein Mensch bist du? Sag mir das Geheimnis“, verlangt er von Jesus. „Erbarmen mit allen Menschen, mit allem. Alles ist ein Teil Gottes“, antwortet Jesus. „Ich begleite dich, bis ich dich verstehe. Wenn du vom Pfad abweichst, töte ich dich“, antwortet Judas. Er ist ein freier Mann, der nicht die andere Wange hinhält. Erst muss man den Körper befreien und dann den Geist. Erst kommt die Seele, hält Jesus dagegen. Und auf die Frage, wie der Mensch geändert werden soll, antwortet er: „Mit Liebe.“

 

Jesus bleibt immer ein Suchender. Vom kämpferischen Johannes erfährt er, dass die Liebe nicht genug ist. Gott verlangt den Zorn, denn wie kann man Ungerechtigkeit lieben? Jesus weiß keine Antwort, er reagiert hilflos. Wie soll er die Menschen retten? Soll er alles umstürzen, was ungerecht ist? Soll er ihre Seelen befreien? Die Alternative heißt: Liebe oder die Axt.

 

Um sich klar zu werden, geht Jesus in die Wüste. Hier wird er sich seiner Macht bewusst, indem er drei Versuchungen durchläuft. Zuerst erscheint ihm eine Schlange, die ihn aus seiner Einsamkeit befreien will. „Die Welt muss nicht gerettet werden. Rette dich“, sagt sie ihm. Als nächstes erscheint ein Löwe, der an Jesus’ Herz appelliert, an seinen Machtwillen, und ihm die Möglichkeit aufzeigt, die Welt zu erobern. Als letztes erscheint das Feuer und gibt Jesus die ultimative Versuchung: „Du bist Gott. Du gibst Leben und nimmst es.“ Jesus findet einen Apfelbaum, dessen Äpfel Blut enthalten und er findet eine Axt.

 

Der Film zeigt uns nun einen anderen Jesus. „Ich glaubte an die Liebe, jetzt glaube ich an das“, sagt er und zeigt seinen Jüngern die Axt. Er geht jetzt in die Offensive, treibt Teufel aus und heilt Kranke. Wir sehen einen kämpferischen und selbstbewussten Jesus, aber auch einen Jesus, der lebensfroh und ausgelassen feiern kann. Jesus wird sich seiner Macht bewusst, und ist selber erstaunt über seine Möglichkeiten: Er hat sogar Macht über Leben und Tod. Bei der Erweckung des Lazarus von den Toten scheint Jesus selbst erschrocken über seine Tat und ob eine solche Tat überhaupt zulässig ist, denn was er da erweckte ist eine Art Zombie.

 

Nach dem Einzug in Jerusalem kommt es zur Konfrontation mit den Hohepriestern. Diese stehen für das Gesetz, die althergebrachte Tradition. Doch diese Tradition ist längst zur Haarspalterei erstarrt und zur Heuchelei. „Ich werfe das Gesetz weg. Ich habe ein neues Gesetz und eine neue Hoffnung“, hält Jesus dagegen. „Ich bin der Heilige der Gotteslästerer“. Er stellt sich gegen die Priester und er randaliert unter den Händlern und Wechselstuben im Tempel. Die Menschen sind fasziniert von diesem Jesus aber sie missverstehen ihn völlig: „Heile mich!“, „Mach mich reich!“, rufen sie ihm zu.

 

Judas glaubt, dass nun die Revolution beginnen wird. Nach einem neuen Tumult, bei dem auch römische Soldaten aufmarschieren, steht die Situation auf der Kippe. Doch Jesus ist im Zweifel, er sieht die gespannte Situation, die Gewalt, die zur Entladung drängt. Ist es das, was er will, was er soll? Es ist zumindest das, was Judas will. „Gib ihnen ein Zeichen! Alles wartet!“, zischt er Jesus zu. Und Jesus betet zu seinem Gott: „Herr ich hoffe, das ist es, was du willst. Lass mich hier schnell sterben, solange ich die Kraft habe.“ Doch dies wäre die falsche Lösung. Jesus beginnt an den Händen zu bluten, wie stigmatisiert, und er wird zur Enttäuschung der Menge weggeführt.

 

In Gesprächen mit Judas erläutert Jesus seine Einsicht. Das nächstliegende ist nicht die Lösung, ein Umsturz würde nichts ändern. Jesus will das Innere der Menschen erreichen. Er glaubt jetzt seine Aufgabe zu kennen, dass er nämlich am Kreuz sterben muss, und zwar freiwillig. Nur dadurch ist es möglich den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen. Judas ist aufgebracht. Jeden Tag kommt Jesus mit einem anderen Plan, erst Liebe, dann die Axt und jetzt will er sterben. Diese Gespräche gipfeln in der letzten Aufgabe, die für Judas vorgesehen ist: Er muss sein Versprechen halten, er muss Jesus töten. „Würdest du es an meiner Stelle tun?“, fragt Judas. „Nein“, antwortet Jesus. „Daher gab Gott mir die leichtere Aufgabe, am Kreuz zu sterben.“ In der Getsemaneh-Szene wird die Verzweiflung dieses Jesus spürbar. Er wollte nicht auserwählt werden und er will nicht sterben, doch er wird tun, was er für seine Aufgabe hält.

 

Nach seiner Verhaftung steht Jesus in einer Schlüsselszene vor dem römischen Statthalter Pilatus (David Bowie). Pilatus wird als gelangweilter Rationalist dargestellt, die religiösen und ideologischen Streitigkeiten der Juden interessieren ihn nicht. Paradoxerweise ist Pilatus der einzige, der wirklich versteht, was Jesus will. Er erkennt, dass dieser unbedeutende Wanderprediger für Rom viel gefährlicher ist als die jüdischen Freiheitskämpfer. „Es ist eine Sache, das Leben der Menschen verändern zu wollen, aber du willst ja sogar ihre Gedanken und Gefühle verändern“. Dies erkennt er als gefährlichste Idee, gerichtet gegen Rom und gegen die bestehende Welt, denn Rom wünscht keine Veränderung.

 

Die Kreuzigung wird eher summarisch dargestellt, Scorsese verzichtet auf ein Schwelgen in Grausamkeiten. Die Szene ist realistisch und unwirklich zugleich, was z.B. in der leuchtenden Farbgebung zum Ausdruck kommt. Mitten in der Agonie kehrt plötzlich Ruhe ein und ein Mädchen, das sich als Schutzengel (Juliette Caton) vorstellt, steht vor dem Kreuz. Jesus’ Vater ist der Gott des Erbarmens nicht der Bestrafung, sagt sie. Gott hat Jesus nur auf die Probe gestellt. Jesus steigt vom Kreuz: „Ich muss nicht geopfert werden?“ - „Ich bin nicht der Messias.“ Er wirkt erleichtert und befreit.

 

Die folgenden Szenen laufen ab wie im Zeitraffer. Maria Magdalena pflegt Jesus gesund und wird seine Frau. Wir sehen, wie Jesus mit ihr schläft, wie sie schwanger wird und wie sie stirbt. Der rätselhafte Schutzengel, der sich als Bote Satans entpuppen wird, ist bei allen Szenen immer dabei. Maria (Randy Danson), die Schwester des Lazarus wird Jesus’ neue Frau. Die titelgebende letzte Versuchung Christi besteht darin, ein ganz normales, irdisches Leben zu führen, ein einfacher Mensch zu sein, kein Auserwählter.

 

Wir sehen schließlich Jesus inmitten mehrerer Kinder, wie er dem Apostel Paulus (Harry Dean Stanton) begegnet. Paulus predigt die bekannten Lehren von Gottes Sohn, jungfräulicher Geburt, Kreuzigung und Auferstehung. Als Jesus ihn einen Lügner nennt, hält Paulus dagegen: „Sieh die leidenden Menschen, ihre einzige Hoffnung ist der auferstandene Jesus, Wenn ich dich kreuzigen muss, um die Welt zu retten, werde ich es tun.“ Als alter Mann erlebt Jesus die Zerstörung Jerusalems und jetzt, als er im Sterben liegt, kommen seine Jünger zu ihm. Judas nennt ihn einen Verräter: „Dein Platz war am Kreuz. Du verkrochst dich in das Leben eines beliebigen Menschen.“ Wenn Jesus so stirbt, dann gibt es kein Opfer, aber auch keine Erlösung."

 

Die ganze Szenenfolge erweist sich nachträglich als Vision, als eine Möglichkeit, die durchaus sein könnte und in Jesus’ Macht stünde. Doch er weist sie jetzt zurück und akzeptiert seine Rolle: „Ich bin bereit, ich will der Messias sein.“ Der Film kehrt zur Kreuzigung zurück, und Jesus stirbt am Kreuz mit seinen letzten Worten: „Es ist vollbracht.“

 

Siegfried König

 

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

Die letzte Versuchung Christi

The Last Temptation of Christ

USA 1988. Regie: Martin Scorsese, Buch: Paul Schrader nach Nikos Kazantzakis, Kamera: Michael Ballhaus, Schnitt: Thelma Schoonmaker, Musik: Peter Gabriel, mit Willem Dafoe, Harvey Keitel, Barbara Hershey, David Bowie, Verna Bloom, Harry Dean Stanton, Randy Danson, Juliette Caton.

 

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