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Der letzte Tempelritter

 

 

 

Durch ein von Hexen, Tod, Teufel und anderen Spezialeffekten besiedeltes Mittelalter jagt Dominic Sena in "Der letzte Tempelritter" Nicholas Cage und Ron Perlman.

In Sachen Geografie-Kenntnis immerhin ist "Season of the Witch" auf Shakespeare-Niveau. Ganz so, wie in dessen Wintermärchen Böhmen ein "country near the sea" ist, kraxeln hier Nicholas Cage und Ron Perlman an der steirischen Steilküste vor brandendem Ozean. Die beiden sind bzw. waren Kreuzritter, die angesichts des im Namen Gottes auch von ihnen selbst angerichteten Blutbads den Moralischen kriegten und kurzerhand desertierten. Als ex-christliche Ronins auf eigene Rechnung ziehen sie nun gegen Gott, Hexen, Tod, blasenwerfende Mönche und andere Teufel. Zur Bewährungsprobe kommt es sehr bald. Es ist Mittelalter und also Pest, eine Hexe, die vielleicht keine ist, wird in hoch gelegene Finsterburg verbracht, wo aus einer christlich-magischen Handschrift - ach egal, irgendwie so.

So ziehen Cage, der nicht mehr jung ist, aber das Geld (Steuergeschichten) trotzdem braucht, und Ron Perlman (als der Schöne) und Claire Foy (als das Biest) durch den finsteren Wald. Ein paar weitere Männer sind als Kanonenfutter für allfällige Actionsequenzen im Schlepptau und bleiben nach und nach auf der Strecke. Über Abgründe wird gerollt am gespanntesten Seil, Visionen werden gehabt mit tödlichster Folge. Lieblos plündernd zog Drehbuchautor Bragi F. Schut durchs Mittelalter-Fantasy-Arsenal und schnappte sich, was bei drei nicht auf dem Regal war. Unter Dominic Senas durchs Kameraquerlegen und ständige Aufbrausen der Aktionen keineswegs weniger mediokrer Regie geht es dahin, die Musik schwillt ab und an in den engen Grenzen des Kompositionstalents von Atli Örvarsson.

Cage, dessen Rollen des letzten Jahrzehnts man recht klar nach der letztlich eher willkürlichen Darstellung im manischen und depressiven Register unterscheiden kann, ist hier leider in letzterem unterwegs. Die güldenen Ringellöckchen überm Ritterornat reißen's nicht raus und sichtlich denkt der Schauspieler stets an was Schöneres, während er die dämlichen Dialogzeilen spricht. Perlman neben ihm ist glücklos für das zuständig, was Herr Schut für Humor hält. Eine ganz besondere Schau sind die unzähligen CGI-Effekte, die so ziemlich aussehen wie gemalt. In dem Fall kein Kompliment, denn so eine schwache Sehnsucht (credo quia absurdum) nach Digitalrealismus spürt man noch unterm Sepiaanstrich, der die Bilder ohnehin alle ins künstlich Edelschmutzige auswäscht.

Die Frage, was ein Film wie dieser hier soll, kann nur die danach sein, im Rahmen welcher Hollywood-Ökonomie er Sinn macht. Geschnürt hat das Paket die Firma Relativity Media, ein in sich selbst noch einmal ausdifferenzierter Independent mit allerdings engsten Banden zu diversen Großstudios von Universal bis Sony. Relativity Media ist kein Filmstudio im engeren Sinn, sondern ein obligatorischer Passagepunkt für Risikokapital, zu dessen Quellen der Ex-Venture-Kapitalist und Neo-Mogul Ryan Kavanaugh wundersam Zugang besitzt. (Ein hoch instruktives Porträt von Kavanaugh findet sich in der Zeitschrift Esquire. Snippet: "I'm not in this for the art, you know? I don't care about awards. I want to make money. I want to own a business.Ē)

Zu den inzwischen schon reichlich vielen Erfolgsstücken von Relativity gehören sämtliche jüngeren Judd-Apatow-Produktionen (der bedankt sich stets für ihm gewährte Freiheiten; hält der Misserfolg an, den der Flop seines letzten Werks "Funny People" signalisierte, ist es mit denen aber sehr sicher schnell vorbei); es findet sich jedoch, Award-Interesse oder nicht, auch Oscarware wie "Social Network" und "The Fighter" darunter. Geld ist eben in beide Richtungen blind für ästhetische Qualität. Der verblüffende Erfolg von Relativity - die Firma existiert erst seit 2004 - ist Konsequenz der Umstrukturierung der Studios, die sich wiederum dem Zusammenbruch ihrer Finanzierungssysteme verdankt. Die großen Studios haben ihre eine Weile lang (nicht zuletzt dank sprichwörtlichem stupid German money) blühenden eigenen Independent-Arme weitgehend aufgegeben und sourcen die Produktion vor allem von Filmen mittlerer Budgetgröße aus.

So hat Relativity unter anderem die auf Horror spezialisierte Unterfirma Rogue des Universal-Independent-Sublabels Focus gekauft (Backkatalog inklusive). Und für die werden jetzt mit Finanz-, aber nicht Kunstsachverstand Pakete geschnürt. Wie das "Season of the Witch"-Paket aussah, liegt auf der Hand. Nicholas Cage ist noch immer so was wie ein halbwegs verlässlicher Star, nicht mehr in großen Dimensionen, aber für ein paar Millionen über sein Gehalt hinausgehendes weltweites Einspiel sicher noch gut - eine Mehrwertabschöpfung, die in Cages finanziell prekärer Zwangslage sicher erst recht funktioniert.

Regisseur Dominic Sena durfte vor zehn und mehr Jahren mal auf den Aufstieg ins große Blockbuster-Fach hoffen. Daraus wurde nichts, er ist als einer, der nicht mehr viel zu erwarten, dafür aber zu fürchten hat, aus der Mittelschicht ins Direct-to-video-Proletariat abzurutschen, sicher nicht sonderlich teuer. Dazu ein Drehbuch eines jungen und hoffnungsvollen Autors, ein aufstrebender weiblicher Jungstar; Ron Perlman als günstiger B- oder C-Darsteller obendrauf.

Viel Geld für die Digitaleffekte oder die Trailer ist bei einem Budget von 40 Millionen Dollar verständlicherweise nicht mehr übrig. Aber wen kümmert's. US-Einspiel bisher rund 25 Millionen, der Rest kommt weltweit und im - und sei es noch so schrumpfenden - Home-Video-Markt wieder rein. Summa summarum: gesundes Business, I donít care about awards.

Ekkehard Knörer

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

Der letzte Tempelritter
USA 2010 - Originaltitel: Season of the Witch - Regie: Dominic Sena - Darsteller: Nicolas Cage, Ron Perlman, Claire Foy, Stephen Campbell Moore, Stephen Graham, Ulrich Thomsen, Robert Sheehan, Christopher Lee - FSK: ab 16 - Länge: 95 min. - Start: 24.3.2011

 

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