zur startseite

zum archiv

zu den essays

Der letzte der Ungerechten



Claude Lanzmann spricht in "Der letzte der Ungerechten" mit Benjamin Murmelstein, dem Judenältesten von Theresienstadt.

Zu Beginn steht Claude Lanzmann auf dem Bahnhof des Dorfes Bohušovice. Bis Juni 1943 wurden alle mit dem Ghetto Theresienstadt in Verbindung stehenden Züge hier abgefertigt. Von Bohušovice aus mussten die Gefangenen zu Fuß das Lager erreichen, während in ihrem Rücken vom selben Bahnhof schon die Transporte in die Vernichtungslager abgingen - "nach dem Osten", wie der offizielle Sprachgebrauch der Nazis euphemisierte. Lanzmann steht hier im Jahr 2013, bald 90-jährig, zwischen den Gleisen und liest und spricht gegen die lärmend einfahrenden Züge der tschechischen Eisenbahn an. Dann geht er einige Schritte über den Bahnsteig, hinaus aus dem Bild und wie hinein in den historischen Raum, den sein Film für die nächsten fast vier Stunden öffnen wird.

Immer wieder tritt Lanzmann in "Der letzte der Ungerechten" auf diese Weise hinter der Kamera hervor. Er bewegt sich, kaum vom Alter gebeugt, auch durch jene Orte der Erinnerung, die keine Gedenkstätte überbaut hat, die von keiner Infotafel an ihren geschichtlichen Platz verwiesen werden. Oft zeigt er dann auf einen unscheinbaren, grasüberwucherten Hügel, eine bröckelnde Mauer, einen Waldpfad. Lanzmann liest dazu aus Zeugenberichten, bis aus den Hügeln, Mauern und Waldwegen die Orte der Galgen, Massenerschießungen und Todesmärsche werden. Das ist und war schon immer etwas Anderes als die reine oral history, auf die seine Filme wegen der Dominanz langer Interviews manchmal verkürzt werden. Vielmehr wird das Zeugenwort konsequent vom Dokument zur Kunst verdichtet und der Künstler, Lanzmann selbst, denkt sich und sein Vorgehen darin mit, zeigt, erklärt und stellt sich aus.

In "Der letzte der Ungerechten" gelingt das auch deshalb so ungeheuer faszinierend, weil den Zusammenhalt des Films das lange Gespräch mit einem Mann bildet, der ebenfalls ein Meister der schonungslosen Ausdifferenzierung des eigenen Selbst ist. Der Mann ist Benjamin Murmelstein. In Theresienstadt war er der letzte "Judenälteste", also Inhaber eines von den Nationalsozialisten zwangsweise bestimmten Verwaltungsamtes für die besetzten Gebiete. Während alle seine Vorgänger in dieser Funktion ermordet wurden, hat Murmelstein die Shoah überlebt. Diese Tatsache und die Art, wie er seine Aufgaben versah, brachten ihm in der Nachkriegszeit großes Misstrauen bis hin zu offenem Hass ein. Denn Murmelstein hatte entschieden, dass nur das abwägende Paktieren mit dem Teufel ihn selbst und Hunderte anderer mit Glück vor dem sicheren Tod würde retten können.

"Der Judenälteste ist ein Karnevalsprinz", sagt er zu Anfang, "eine Spottgestalt." Und wie der Karnevalsprinz wusste auch Murmelstein, dass dieses Amt außergewöhnliche Freiheiten mit sich brachte. Er nutzte sie, indem er trickste, verhandelte und dort mit den Nazis an einem Tisch saß, wo er für sich und die anderen Gefangenen auf eine Verbesserung der Lebensbedingungen und letztlich das Entkommen vor der Deportation "nach dem Osten" hoffen durfte. "Mit Toten kann man keine Propaganda machen", erklärt er. Entsprechend kurbelte Murmelstein den nationalsozialistischen Propagandaapparat selbst mit an und half bewusst, die Lüge vom "Modell-Ghetto" Theresienstadt aufrecht zu erhalten. Die schreckliche Logik im Vorhof zur Hölle: "Wenn sie uns zeigen wollen, können sie uns nicht umbringen."

Lanzmann hatte Murmelstein in den Siebzigern während der Arbeit an seinem epochalen Film "Shoah" (1985) eine Woche lang in dessen Wohnung in Rom besucht. Ursprünglich mit der Idee angereist, das Interview für "Shoah" verwenden zu können, kehrte er zurück mit der Einsicht, dass das Gespräch zu sehr aus dem Rahmen falle. Es ist ein Glücksfall, dass er es nun, rund fünfundzwanzig Jahre nach Murmelsteins Tod, zu einem eigenständigen Film erweitert hat, der nahtlos das Jahrzehnte alte Gespräch mit Bildern aus dem Heute verbindet. Nicht nur, weil es über Stunden in Bann hält, den enorm charismatischen, in Wort und Leib fülligen Murmelstein sprechen zu hören und zu sehen, sondern weil er und Lanzmann sich fortwährend bespiegeln, entgegensetzen, ergänzen. Lanzmann, dessen Stimme unverändert bebt vor Wut, wenn er vor der Festungsmauer des heutigen Terezín aus Zeugenberichten liest. Murmelstein, der im kleinschrittigen Pragmatismus des vorgeblichen Mittuns die Macht in der Ohnmacht gefunden hat, und dafür von den einen als Held gefeiert, von anderen als Kollaborateur verachtet wurde.

Indem sie gemeinsam Ambivalenzen offenlegen, verwandeln sich Lanzmann und Murmelstein immer weiter aufeinander hin, erscheinen wie Don Quijote und Sancho Panza und schließlich wie zwei Gesichter desselben widerständigen Künstlers. Keine Kunst mit Kompromissen, kein (Über)Leben ohne sie. Am Ende laufen beide Männer im letzten Sonnenlicht des Tages durch die Ruinen des Forum Romanum. Murmelstein spricht Lanzmann mit "lieber Freund" an und schiebt gleich schelmisch hinterher, er möge sich dadurch bitte nicht beleidigt fühlen, es sei schließlich bloß eine Floskel. "Das hoffe ich nicht", antwortet dieser sehr ernst.

Janis El-Bira

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Die DVD ist ab rund 15 Euro im Handel. Daneben ist der Film auch in einigen wenigen Kinos in Deutschland zu sehen. 

 

 

Der letzte der Ungerechten

(Le dernier des injustes) - Frankreich, Österreich 2013 - 220 Min. - Kinostart - 07.05.2015 - Regie: Claude Lanzmann - Drehbuch: Claude Lanzmann - Produktion: David Frenkel, Danny Krausz, Jean Labadie, Kurt Stocker, Manfred Fritsch - Kamera: Caroline Champetier, William Lubtchansky - Schnitt: Chantal Hymans - Mitwirkende: Claude Lanzmann, Benjamin Murmelstein

 

zur startseite

zum archiv

zu den essays