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Let's
make money"
Kapitalismuskritik
goes Stammtisch
"Let's make money" verfolgt,
auf wessen Kosten der Westen seinen Reichtum vermehrt. Bei aller Aktualität
des Themas - der Film verwechselt oft Komplexität mit Beliebigkeit.
Ist das nun genau der richtige oder gerade
der falsche Zeitpunkt, diesen Film ins Kino zu bringen? Einerseits kann man
nur staunen über die Zielsicherheit, mit der der Dokumentarist Erwin Wagenhofer
pünktlich zur Finanzkrise einen Film in die Kinos bringt, der die verheerenden
Auswirkungen des internationalen Finanzhandels zum Gegenstand hat. Immerhin
hat Wagenhofer das Projekt bereits vor zwei Jahren in Angriff genommen, zu einer
Zeit also, als die meisten Börsenindizes dieser Welt sich noch gegenseitig
mit Wachstumsraten übertrumpften. Andererseits haben sich die Dinge in
jüngster Zeit bekanntlich gegen die Intention des Filmtitels entwickelt:
nicht "Let's make money", sondern Geldvernichtung in unerhörten
Dimensionen.
Daduch wirkt der Film mitunter ungewollt
veraltet. Wagenhofer geht noch von der Prämisse eines ungebrochenen Selbstvertrauens
unter Fondsmanagern und Großinvestoren aus, für die es keinerlei
Zweifel an den segensreichen Kräften des Neoliberalismus geben kann. "In
Indien schreit keiner nach dem Staat, hier ist Selbsthilfe angesagt, hier geht's
um die Wirtschaft", preist beispielsweise der österreichische Industrielle
Mirko Kovats die Mentalität in den sogenannten "Emerging Markets".
Dass in Zeiten der Krise der derart geschmähte Staat als letztes Auffangnetz
vor der Pleite selbst unter Hayek-Anhängern wieder angesagt sein kann,
ist eine Erkenntnis, die vom Film nicht mehr eingeholt wird.
Dabei reiht "Let's make money"
atemlos Beispiel an Beispiel. Von der geplatzten Immobilienblase in Spanien,
die ganze Küstenabschnitte mit leerstehenden Bauruinen verschandelt, über
die Steueroase Jersey im Ärmelkanal bis zu den miliardenschweren Subventionen
für US-amerikanische Baumwolle, die den Bauern in Burkina Faso keine Chance
auf dem Weltmarkt lässt, wird kein Schauplatz der Globalisierung ausgelassen.
Angesichts der Vernetzung der Ströme
von Finanzen, Waren und Dienstleistungen ist eine solche Tour de Force über
alle Kontinente hinweg wohl unumgänglich. Umso dringender wäre es
gewesen, im Überblick die Komplexität des Phänomens nicht zu
unterschlagen. Wenn Wagenhofer aber den Verkauf der Wiener Tram an einen privaten
US-Investor, die Schutzzölle für Agrarprodukte in den Industriestaaten
und die Situation der Obdachlosen in New York naht- und unterschiedlos aneinanderreiht,
verwechselt er Komplexität mit Beliebigkeit.
In der Hingabe an die schiere Materialfülle
reduziert er sein Anliegen auf immer dieselbe Botschaft: Der Westen vermehrt
seinen Reichtum auf Kosten der so genannten Dritten Welt, die neoliberalen Pofiteure
privatisieren die Gewinne und sozialisieren ihre Verluste. Beides ist gewiss
zutreffend, nur als Erkenntnis nicht sonderlich originell. Mehr noch, die eigentlich
entscheidenden Fragen bleiben ausgeblendet: wie es soweit kommen konnte und
welche Rolle wir - die westliche Gesellschaft - in dem Ganzen spielen.
Durfte sich der Zuschauer in Wagenhofers
Erfolgsdoku "We
feed the world" nämlich
noch an seine eigene Nase fassen und musste versprechen, fortan beim Einkauf
die Trinität aus regional, öko und fair gehandelt zu respektieren,
so beiben ihm derartige Handlungsgebote dieses Mal erspart. "Schuld"
sind, so suggeriert es der Film, immer nur
die anderen, nie der kleine Mann respektive die kleine Frau mit ihrem bescheidenen
Aktienportfolio.
Gerne jedoch hätte man etwa von den
Verantwortlichen der Stadt Wien erläutert bekommen, weshalb sie sich darauf
eingelassen haben, ihre traditionsreiche Straßenbahn erst zu verkaufen,
um sie anschließend wieder anzumieten. Das bleibt aber aus, und so verfestigt
der Film den mit Stammtisch-Niveau kompatiblen Eindruck, "die da oben"
seien entweder korrupt, dumm oder gutgläubig bis zur Einfältigkeit.
So erfährt man wenig Neues. Der als
"Wirtschaftskiller" vorgestellte John Perkins hat seine Geschichte
vor ein paar Jahren bereits in einem Buch vermarktet (das im Übrigen ebensowenig
neue Fakten präsentierte). Einzelne Beispiele, die für sich genommen
interessant sind, werden lediglich angerissen, bevor es weitergeht zum nächsten
Gesprächspartner. Die sagen mitunter Absonderliches, aber der Interviewer
Wagenhof hakt nicht nach, weil er darauf vertraut, dass sie sich in ihrem Gerede
selbst entlarven. Damit aber macht der Film es sich zu einfach.
Dietmar Kammerer
Dieser
Text ist zuerst erschienen in der taz
Let's
make Money
Österreich
2008 - Regie: Erwin Wagenhofer - Fassung: mehrsprachig m.d.U. - Länge:
110 min. - Start: 30.10.2008
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