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Le premier venu

Doppelter Pas de Deux in Richtung Zukunft

Als der Film beginnt, ist es schon losgegangen. Es liegt, als Ereignis, dessen Zeugen wir nimmermehr werden können, ein Akt vor dem Film, der alles Reden und Rechten und Hin und Her anzutreiben scheint, aus dem dieser Film zwei Stunden lang ausschließlich besteht. Camille (Clementine Beaugrand) und Costa (Gerald Thomassin) waren miteinander im Bett und etwas ist dabei passiert, für das Camille, als sie nun in einem Provinzstädtchen an der See aus dem Zug steigen, Costa zur Rede stellt. Hat er sie vergewaltigt? Wenn aber ja: Warum dann der eher spielerische als wütende Ton, mit dem Camille auf ihn einredet? Warum zeigt sie ihn nicht an, warum flirtet sie stattdessen mit ihm, warum insistiert sie so wenig dringlich auf Entschuldigungen, die er immer nur sehr halbherzig vorbringt? Warum folgt sie ihm wie eine Liebende einem Mann, der sich entzieht, und nicht wie eine Richtende einem Täter, den sie zur Strecke bringen will?

Das fragt man sich und eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Ein einziger Aufschub einer solchen eindeutigen Antwort ist dieser Film, nur dass in diesem Aufschub die Wünsche und Handlungen, die Verstrickungen und Konstellationen Zug um Zug, Schritt um Schritt sich immer weiter verkomplizieren, um dann zuletzt, Setzung eher als logische Konsequenz, sich zu einem doppelten Pas de Deux in Richtung Zukunft aufzulösen scheinen. Wer sein Herz an Handlungen hängt, die sich gängiger Logik beugen, den wird "Le premier venu" völlig ratlos lassen, denn dieser Film ist ein Spiel und ein Tanz, mit rein choreografischen und rein strategischen und insgesamt oft geradezu unerklärlichen Zügen. Mit zögerlichen, entschiedenen, rabiaten und zärtlichen Bewegungen vor und zurück und immer wieder seitwärts und manchmal, will es einem scheinen, auch im Kreis.

Weitere Figuren treten hinzu. Beinahe aus dem Nichts ein Polizist, Cyril (Guillaume Saurel), der dann jedenfalls der nicht wäre, der er scheint, wüsste oder erführe man, wer er ist. Gewiss ist er tatsächlich Polizist, ebenso gewiss entpuppt er sich aber etwas später im Tanz als Liebhaber der auch bald ins Spiel kommenden Vierten im Bunde, Gwendoline (Gwendoline Godquin), der einstigen Freundin von Costa, mit der dieser eine gemeinsame Tochter hat, Kim (Noemie Herbet). Die aber hat er nunmehr drei Jahre lang nicht gesehen. Ausgerechnet Camille, die alles arrangierende, die den ersten besten wählende und nach der Wahl sich zierende, die vom Polizisten Cyril in eindeutiger Absicht (als gäbe es dergleichen in diesem Film) verfolgte, die diesen Verfolgungen ein wenig, aber kaum einmal - doch einmal doch - mehr als nur dieses Wenige nachgebende Camille, ausgerechnet sie also setzt nun manches daran, Costa mit der Ex und der Tochter wieder zu versöhnen.

Das alles ist erst der Beginn. Weitere Figuren und Gegenstände kommen ins Spiel, als lägen sie von Anfang an, auf ihren Einsatz wartend, am Rand der Bühne bereit; als müsse Camille, die Regisseurin, der das Geschehen bald über den Kopf wächst, nur danach greifen. Costas Vater etwa, der eine merkwürdige Witzfigur ist. Ein Makler, dem Camille übel mitspielt, was er zweifellos nicht anders verdient. Eine Waffe, eine Taschenlampe, Plastikenten. Im Hintergrund, das muss man vielleicht auch wissen, liegt Doillons eigener Film "Le petit criminel" von 1990, in dem ein Cop und ein kleinkrimineller Teenager die Hauptrollen spielten - und den Kriminellen Marc spielte, wie nun den Costa, Gerald Thomassin. Dieser andere Film schwingt also als weitere Referenzebene zweifellos auch immer mit.

An einem Grundsachverhalt von "Just Anybody" ändert das aber nichts: Er schwebt über dem Nichts. Zum einen: Ja, er schwebt, eine wunderbar fluide Kamera (geführt von Helene Louvart) folgt den Bewegungen der Figuren mit einer geschmeidigen Mühelosigkeit, der nun als Zuschauer zu folgen ein großer Genuss ist. Und ja, er schwebt über dem Nichts. Nur zum Schein sind die Charaktere sozial situiert, Costa etwa am Rand der Gesellschaft, ganz ohne Geld. Vom Soziodram aber ist der Film, in dem Taten und Untaten seltsam konsequenzlos zu bleiben scheinen, Welten entfernt. Er scheint rein choreografisch-konstellativ zu denken, einerseits. Andererseits aber ist Doillon (Foto) - wie immer - vor allem daran interessiert, Menschen, denen er die vagabundierendsten Dialoge schreibt, sprechen zu sehen und innezuhalten im Sprechen und dann auch zu schweigen. Sie gehen zu sehen auf den Straßen, sie springen zu sehen über Hindernisse, sie einander umkreisen und küssen und mit einer Waffe bedrohen zu sehen.

Nicht der Sinn erdet, mit anderen Worten, diesen Film, der sich lustvoll verliert in der Welt, die er aus Worten, Bewegungen, Gesichtern herauferzählt, falls Erzählen hier überhaupt das richtige Wort ist. Worum es da nämlich geht, im einzelnen sowie im großen und ganzen, ist fast egal, die Geschehnisse in ihrer Unwahrscheinlichkeit sind nur Anlass für das, was in Wahrheit zählt: Eine Geste Costas, das Lächeln von Camille, das Schaufeln von Costas kleiner Tochter am Strand, während sie mit allem Ernst der Welt die Geschichte von dem Jungen berichtet, der ihr einen Brief schrieb und einer anderen nicht.

Ekkehard Knörer

Dieser Text ist zuerst erschienen in:www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

Le premier venu
Frankreich / Belgien 2008 - Regie: Jacques Doillon - Darsteller: Clémentine Beaugrand, Gérald Thomassin, Guillaume Saurrel, François Damiens, Jany Garachana, Gwendoline Godquin, Noémie Herbet, Alice Paulicevich - Fassung: O.m.U. - Länge: 121 min. - Start: 3.2.2011

 

  

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