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The Legend of Tarzan 

 

 

 In David Yates' "The Legend of Tarzan" fliegen einem leider nur gelegentlich digitale Weltpartikel um die Ohren.

Warum im Jahr 2016 eine neue Tarzan-Version drehen? Am ehesten noch, hatte ich mir angesichts der ersten Ankündigungen überlegt, um endlich stereoskope Lianen-Urwald-Action inszenieren zu können. Tatsächlich dürften die Lianen das eine genuin filmische Element gewesen sein, das nötig war, um eine ansonsten weitgehend austauschbare Pulp-Erzählung (selbst im Werk seines Erfinders Edgar Rice Burroughs gibt es interessantere Figuren als den im Urwald von Affen großgezogenen geborenen Lord Greystroke) in einen genuinen Kinostoff zu verwandeln: Der Bildraum wird von den Lianen gleichzeitig erschlossen, dynamisiert und gesprengt. In Tarzan-Filmen, zumindest in guten, sieht man nicht, wo und wie die organischen Kordeln befestigt sind, mit deren Hilfe der Held durch die Gegend schwingt; die Welt ist aus den Angeln gehoben - weil es gerade keinen archimedischen Punkt gibt.

Die 3D-Technik ist offensichtlich wie dafür gemacht, dieses entgrenzende Moment der Lianen-Action noch einmal zu intensivieren. Tatsächlich war schon "Avatar", der Durchbruchsfilm der aktuellen Stereoskopiewelle, ein inoffizieller Tarzan-Film, und zwar in mindestens zweierlei Hinsicht: Als postkoloniale Fantasie, die von der Sehnsucht des modernen, zivilisatorisch überformten Subjekts spricht, im kulturell, wenn nicht gleich biologisch Anderen aufzugehen; und eben als immersives Dschungelspektakel, als Abfolge wilder Verfolgungsjagden über, unter und vor allem inmitten üppiger Tropenvegetation. An exotischen, beziehungsweise eben gleich außerirdischem Getier vorbei durchs Blätterwerk Pandoras zu schwingen, fliegen, krachen, heißt dank der wiederentdeckten Tiefendimension eben auch: Rechts, links, oben, unten schießen in einem fort digitale Weltpartikel an einem vorbei, so lange, bis irgendwann rechts nicht mehr von links, oben nicht mehr von unten zu trennen ist.

In diesen stets gleichzeitig chaotischen und eleganten Bewegungskaskaden lässt Cameron den reaktionären Schematismus seines Plots hinter sich. Die 3D-Technik addiert nicht etwa eine Dimension zu den zweien des alten, flachen Kinos hinzu, sondern sie löscht alle Dimensionalität aus. Zumindest, wenn sie konsequent zu Ende gedacht wird. Das haben nach "Avatar" nicht mehr allzu viele Filme versucht, und auch der von "Harry Potter"-Regisseur David Yates verantwortete "The Legend of Tarzan" hat nicht allzu viele Ambitionen in diese Richtung. Die recht wenigen Szenen, in denen sich der Titelheld in das Urwalddickicht hineinwuchten, sich den geschickt modulierten Fliehkräften ausliefern darf, sind zwar tatsächlich die stärksten des Films; aber dennoch sind das nicht mehr als halbwegs kompetent durchexerzierte Pflichtübungen, streng eingetaktet in den Spektatkelkatalog des Films: Zwei, drei Minuten grünlich leuchtender Bewegungsrausch, ok, abgehakt, schnell weiter im Text. (Der recht umfangreich und umständlich geraten ist. Ein rarer genialer Moment früh im Film weckt zwar die Hoffnung, der Plot sei in drei mit einem Stock in den Sand gezogenen Linien bereits hinreichend umrissen; aber leider hält sich niemand an diese Skizze.)

"The Legend of Tarzan" ist die erste live-action-Kinoversion des Stoffes seit den 1990ern; dazwischen liegen gleich mehrere Animations-Tarzans. Wobei diese Unterscheidung angesichts der weit fortgeschrittenen CGI-Technik längst nur noch bedingt sinnvoll ist. Vielleicht besteht die einzige echte Differenz inzwischen darin, dass live-action-Filme enger mit dem Starsystem, und deshalb auch mit der celebrity culture verzahnt sind. Der neue Tarzan (sieht gut aus: Alexander Skarsgård) war vorher ein Vampir in der HBO-Serie "True Blood". Die neue Jane (sieht auch gut aus: Margot Robbie) kennt man vielleicht aus "The Wolf of Wall Street". Gleich zwei Nebendarsteller hat es aus dem auf den ersten Blick nicht unbedingt benachbarten filmischen Universum Quentin Tarantinos in den Dschungel verschlagen: Christoph Waltz gibt als Bösewicht Léon Rom eine diesmal besonders lustlose Variation jenes distinguierten Zynikers, an dem sich inzwischen so ziemlich die ganze Welt sattgesehen haben dürfte; Samuel L. Jackson als Tarzan-Sidekick George Washington Williams ist zum Glück ein etwas anderer Fall.

Jacksons Figur ist einerseits mit von der Partie, um das (eher so halb durchdachte) revisionistische Projekt des Films zu plausibilisieren: Die bei Burroughs und in der Mehrzahl der Filme tief in rassistischen Projektionen verstrickte Tarzan-Figur soll zum Kämpfer wider die Sklaverei umgedeutet werden. Andererseits ist Jackson die Aufgabe übertragen, das Publikum - die Handlung kommentierend, das Postkartenafrika bestaunend, sich vor wilden Tieren fürchtend und dennoch mutig dem Ungewissen entgegen schreitend - in den Film hinein zu geleiten. Was dringend notwendig ist, weil die beiden nominellen Hauptfiguren offensichtlich nur zum Anschauen da sind. Insbesondere der gern halbnackt agierende Tarzan bleibt den gesamten Film über ein nordischer Übermensch der entrückteren Sorte, selbst eine Serie aufdringlicher Rückblenden verschafft ihm kaum Inidividualität. Nicht selten, und eben auch in den Lianen-Szenen, bleibt die Kamera lieber bei dem mit einigem Sicherheitsabstand hinterher schwingenden Jackson. Der das alles kaum weniger routiniert herunterrockt als Waltz; aber dessen noch in den generischsten Grundsituationen nuancenreiches Spiel wenigstens etwas Wärme und Orginalität in einen ansonsten in gelackt vor sich hin rotierender Professionalität erstickenden Blockbuster schmuggelt.

Lukas Foerster

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

 

The Legend of Tarzan
USA 2016 - 110 Min. - FSK: ab 12 Jahre - Kinostart(D): 28.07.2016 - Regie: David Yates - Drehbuch: Stuart Beattie, Craig Brewer, John Collee, Adam Cozad - Originalautor: Edgar Rice Burroughs - Produktion: David Barron, Mike Richardson, Alan Riche, Jerry Weintraub, David Yates - Kamera: Henry Braham - Schnitt: Mark Day - Musik: Mario Grigorov - Darsteller: Alexander Skarsgård, Margot Robbie, Christoph Waltz, Samuel L. Jackson, Casper Crump, John Hurt, Djimon Hounsou, Ella Purnell, Simon Russell Beale, Lasco Atkins, Mark Preston, Rory J. Saper, Osy Ikhile, Cali Nelle, Alex Ferns - Verleih: Warner Bros. GmbH

 

 

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