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Leb wohl, meine Königin!
Untergehendes Begehren
Während draußen, im Juli 1798, das Volk die bisherige Ordnung zu Fall bringt, zieht sich der verliebte Kamera-Blick in die weibliche Intimsphäre der Königin Marie Antoinette, ihrer favorisierten Herzogin und ihrer jungen Vorleserin zurück. Ein mutmaßlich fiktionaler lesbischer Begehrensraum wird so im starbesetzten Historienfilm „Leb wohl, meine Königin“ zum Instrument queerer Geschichtsschreibung.
Aufblende. Versailles, der 14. Juli 1789, der Ort, das Datum kurz als Schriftzug im Bild, erwacht wird am französischen Hof. Nichts wird groß etabliert, Weltgeschichte ja, aber nur flüsternd, auch die Uhr schlägt leise, die Uhr später Dingsymbol, hier erst einmal nur goldene Uhr, es ist früher Morgen, um sechs. Der Blick geht nicht in die Höhe, nicht in Richtung Königin oder König oder Französische Revolution, sondern unter die Kleidung, die Stiche der Flöhe, später treten dann auch noch auf: tote Ratten. Sidonie Laborde (Léa Seydoux), Marie-Antoinettes Vorleserin, kratzt sich am Arm und ahnt nichts vom Untergang ihrer Welt. Mit diesen ersten Bildern ist alles, eine Zeit, ein Milieu, der Hof von Versailles, wie auf einen Schlag da, mühelos-unangestrengt, es klopft an der Tür und die Verhältnisse beginnen sich nun, Zug für Zug, ohne große Erklärung zu erhellen. Leb wohl, meine Königin ist ein Kostümfilm, der seine Kostüme, die Fremde, die die Vergangenheit ist, von Anfang bis Ende mit Leichtigkeit trägt.
Ein einziger
Schwenk, der zur Titelsequenz wird: Er führt vom grauen Pöbel vor
dem goldenen Zaun um das Schloss von Versailles zu von rechts in Reih und Glied
ins Bild marschierenden uniformierten Musikanten. Schnitt, Titeleinblendung,
die Musikanten marschieren auf die Kamera zu durchs sich öffnende goldene
Tor des Schlosses, die schmutzige Masse zum einen, die saubere Ordnung zum anderen,
das ist in nuce und in Bildopposition der Konflikt, während die Bewegung
der Kamera klar macht, dass sich der Film nicht für die Revoltierenden,
sondern für den Hof, gegen den revoltiert wird, interessiert. Aber auch
da wieder nicht in klassenkämpferischer Weise. Das Porträt ist gerade
und ausdrücklich nicht politisch vorstrukturiert. Es fällt ein anderer
Blick, und weil dieser Blick anders fällt, wird auch die politische Geschichte
anders erzählt.
Sidonie Labordie
ist die, deren Blick der Film unterstellt ist; sie ist die, deren Blick er sich
wie ein Liebender anschmiegt, gleich zu Beginn in einer schnellen Schritts Richtung
Gemächer der Königin eilenden Subjektiven, und man weiß ja,
dass Benoît Jacquot ein Regisseur ist, der seine Darstellerinnen – wie
sonst vielleicht nur Rudolf Thome – bedingungslos verehrt und begehrt. (In Interviews
versichert er, dass das auch für seine Darsteller gelte, aber im Zentrum
stehen die selten – kein Geringerer als Xavier Beauvois spielt hier als Louis
XVI eine ausgesprochene Nebenrolle.)
Das darf man
nicht übersehen: Der Film erzählt vom Begehren, aber bei Jacquot begehrt
immer auch der Film selbst. Er begehrt Sidonie, die reine Erfindung ist, eine
Hinzufügung zur sonst grosso modo und mit manchen Freiheiten wahren Geschichte, und zwar begehrt
er sie im Körper von Léa Seydoux, mädchenhaft frühreif,
die Haare meist hochgesteckt, die leise Zahnlücke, das zu Grimassen fähige,
von frech zu verstockt und zurück huschende, etwas puppenhafte Gesicht.
Er begehrt Marie-Antoinette, also Diane Kruger, die in blonder Hingestrecktheit
wie auch sonst immer etwas zu sehr den Eindruck macht, sie hätte für
jede Szene eifrig geübt und dann noch diesen Eindruck aus ihrem Spiel eifrig
wegzutrainieren versucht. (Keiner sagt, dass der Kritiker mitlieben muss.) Und
er begehrt Virginie Ledoyen als die dunkelhaarige Favoritin und vielleicht auch
Geliebte der Königin, Gabrielle de Polignac, die undurchsichtig und hochmütig
ihr Spiel treibt mit allen, traditioneller Darstellung nach ein besonders schlimmer
Fall von Ancien-Régime-Entitlement-Hochnäsigkeit.
Auf alle drei
wirft Jacquot mit Romain Windings lebendiger Kamera liebende Blicke und mischt
sich so in ihren eigenen Liebende-Blicke-Verkehr. Sidonie liebt die Königin,
die Königin liebt Gabrielle und was genau Gabrielle fühlt, denkt und
will, bleibt eher unklar. Statt Politik und Geschichte also Liebe oder jedenfalls:
Durchs Politische kreuzt die Liebe, das eine ist vom anderen hier nicht zu trennen.
Zweimal noch tritt die Objektivität des Historischen auf im eingeblendeten
Datum, der 15. und der 16. Juli im Jahre des Herrn 1789. Die Bastille ist erstürmt,
der Hofstaat geht nach und nach in Auflösung über, der König
berät und doch bleibt all das Hintergrund für die Dreiecksgeschichte,
die wiederum ständig auf Sidonie perspektiviert.
Sidonie ist
Fiktion (aus der Romanvorlage von Chantal Thomas), aber als Fiktion ist sie
auch Agentin einer anderen Wahrheit: Sie quert die Geschichte und queert sie.
Sie gehört zum minderen Adel, ist der Königin als Vorleserin zu Diensten,
darf dabei aber doch mehr als eine Bedienstete wagen. Dieses ganze innere Regiment
aus Schleusen, gewinkten Befehlen der wie stets großartigen Noémie
Lvovsky, Blicken zu Boden und verstohlen nach oben, das Lesen aus richtigen
Büchern und falschen, das Eilen durch Gänge, das von Kerzen beleuchtete
Spiel aus Lichtern und Schatten, Gabrielles Nacktheit im Schlaf, die vorbeitreibende
Ratte, das Glück, Beachtung zu finden, das Unglück, nicht beachtet
zu sein, dieses ganze schöne, lässig entfaltete Universum aus Konkretionen:
In all diesen wunderbar unterbetont hingetupften Details ist "Leb wohl,
meine Königin" ganz virtuoses Kammerspiel und eleganter Kostümfilm.
Es bleibt aber
die Frage, wie sehr es eine politische Deutung ist, wenn Jacquot hier behauptet,
dass die politische Perspektive nicht die einzig mögliche ist. Implizit
sagt er: Was aus Sicht der Beteiligten hauptsächlich stattfand, waren die
Liebe, das Leben. Die Haupt- und Staatsaktionen, die, wie jeder weiß,
den einen oder anderen Kopf kosten werden, sind das Schauspiel dahinter. Wahrscheinlich
ist das wahr, ohne die Wahrheit übers Geschehen zu sein. Eine Subjektive,
die ihr Recht hat, der Sidonie-Blick gegen die Politorthodoxie, das Sidonie-Begehren
gegen die Hierarchie und die Heteroliebe. Dies alles formuliert mit dem seinerseits
liebenden Blick des Regisseurs, des Films auf seine Figuren, ihre Wörter
und Körper, von angenehmer Stofflichkeit alles. Und doch fragt man sich,
was sonst daraus folgt, denn wer sich in etwas so Großes und Bedeutendes
und Weltgeschichtliches wie „Versailles, 14. Juli 1789“ hineinschreibt, setzt
sich, ob er will oder nicht, unter den Druck, zwischen den toll gemachten Konkretionen
und dem Queeren von Liebe und Politik eine Linie, eine These zu finden, die
mehr sagt als: Das war der Stoff, aus dem der Alltag war, von sechs Uhr morgens
bis in die Nacht, selbst in den Tagen der Revolution. Diese Linie und diese
These finde ich nicht, darum hat mich der Film in letzter Instanz (und erst
in dieser) dann doch ein wenig enttäuscht.
P.S.: Jeder
der Filme von Benoît Jacquot seit "Villa Amalia" verlangt nach einem Postscriptum, das eigentlich in die
Kritik selbst mitten hineingehört, so wie die Tonspur, auf der die Musik
spielt, immer mitten im Film ist. Wie nämlich die frei weit ins Schroffe
und Eigenständige drängende Musik von Bruno Coulais – der sonst von
Schlöndorffs Ulzhan bis Selicks Coraline gekonnte, aber keineswegs experimentelle
Soundtracks komponiert – mit den Einstellungen korrespondiert, ist einzigartig
zur Zeit, höchstens an Christoph Hochhäuslers Arbeiten mit Benedikt
Schiefer könnte man denken. Mit Untermalung und Illustration hat das nichts
zu tun; es ist ein Wechselverkehr: Die Bilder und Stimmungen des Films reagieren
auf die im vorhinein komponierte Musik von Coulais, die auf die Vision des Regisseurs
vom späteren Film reagiert. Was dabei so alles passiert, wäre einmal
die genaue Beschreibung Einstellung für Einstellung wert.
Ekkehard Knörer
Dieser Text ist zuerst erschienen in: Sissy
Zu
diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
Leb wohl, meine Königin!
Frankreich / Spanien 2012 - Originaltitel: Les adieux
à la reine - Regie: Benoît Jacquot - Darsteller: Léa Seydoux,
Diane Kruger, Virginie Ledoyen, Xavier Beauvois, Noémie Lvovsky, Michel
Robin, Vladimir Consigny - FSK: ab 6 - Länge: 100 min. - Start: 31.5.2012
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