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Das Leben ist ein Roman

Unvorstellbar, daß das Drehbuch, sofern es je in einer „einreichbaren" Form existierte, von einem deutschen Gremium gefördert worden wäre. Zu konfus, zu irr und versponnen sieht das aus, was »Das Leben ist ein Roman« erzählt. Resnais' Drehbuchautor Jean Gruault, der für Rivette, Rossellini, Godard und Truffaut gearbeitet hatte, bevor er »Mon Oncle d' Amerique« schrieb, berichtete über die Entstehung von »La vie est un roman«; „Am Anfang gab es ein Bild, das war Forbeks Modell. Wir wußten doch nicht genau, ob es ein Palast sein sollte, eine Stadt, ein Land; auf jeden Fall aber ein Ort, den die Figur beschlossen hatte, als seinen verborgenen Garten zu errichten." Der verborgene Garten, der 'hortus conclusus’, ein Topos von biblischem Alter, hat in der Malerei des Mittelalters und in der Literatur der deutschen Romantik eine zentrale Rolle gespielt: als Ort religiöser Kontemplation, in Madonnenbildern vor allem, dann, bei den Romantikern, der Stätte der Begegnung mit Poesie und Weisheit, als Schauplatz einer inneren Wandlung und Erneuerung.

 

Resnais nimmt diesen Topos inhaltlich kaum noch ernst; er dient ihm, im technischen Sinn, zur Herstellung einer Einheit des Orts, den er zeitlich auf drei verschiedene Ebenen aufteilt. Eingangs, und in diesem Punkt entspricht die Struktur des Films offensichtlich der Chronologie seiner Entstehung, enthüllt jener Forbek, ein zu Geld gekommener Graf, sein Modell: eine Mischung aus Burg und Schloß, konzipiert als „Tempel der Glückseligkeit" für die Freunde des Bauherrn. Forbeks Sendungsbewußtsein und erst recht sein hybrider Plan dienen freilich einem konkreteren Zweck; er will sich einer Frau bemächtigen, die einen anderen liebt. Das Bauwerk wird 1919 fragmentarisch fertiggestellt, ein bizarres Kauderwelsch von Formen und Stilen, verrückt, verspielt, megaloman. Forbek lädt seine Freunde ein und will mit ihnen, hermetisch von der Außenwelt abgeschlossen, ein Experiment durchführen. Sein Ziel ist die Erschaffung eines neuen, harmonischen Menschen. Die feierlich zelebrierte Durchführung trägt Merkmale des Mysteriums und der Scharlatanerie. Fernöstliches Personal verabreicht geheimnisvolle Getränke, dann ein Bad. Die Frau, um die sich alles dreht, verweigert diese rituelle Wiedergeburt, ihr Geliebter kommt dabei ums Leben.

 

Die zweite Ebene spielt in der Gegenwart. Im Schloß hat sich inzwischen das „Institut Holberg" einquartiert, ein gräßlich modern geführtes Internat; gräßlich modern sind auch die renommierten Spezialisten, die sich dort zu einem Colloquium über die Erziehung zur Imagination treffen und - wieder - von der Erschaffung neuer, glücklicher Menschen reden. Die Drogen und Rituale von 1919 sind nun zu Worten und Phrasen geworden. Während eine naive Frau von der reinen Liebe singt, bekennen sich die Männer zynisch zum sexuellen Pragmatismus. Die pädagogischen Konzepte, die das Colloquium diskutiert, sind eine lächerliche Farce.

 

Am wenigsten infantil verhalten sich die Kinder. Angeregt von der Architektur des Schlosses erfinden oder projizieren sie eine eigene Geschichte: die dritte Ebene des Films. Sie führt zurück in archaische Zeiten, in die Welt von Sagen, Märchen und Mythen. Es geht um einen bösen Tyrannen und eine schöne Prinzessin, um Fabelwesen und einen rettenden Helden, der sich als Befreier zum neuen Herrscher erklären läßt. Die Motive von Liebe und Macht, von Verfügbarsein und Verfügbarmachen, von Manipulation mit angeblich bester Absicht, von mangelnden Übereinstimmungen zwischen Tagen und ihren Erklärungen, durchziehen den ganzen Film. In den Bildern und Szenen dieses Märchenspiels sind sie am handgreiflichsten.

 

Wie das Schloß dem Modell entspricht, so entspricht der Film dem Schloß: die gleiche schillernde Uneinheitlichkeit. Scharlatanerie und Mysterium, abenteuerlich und banal. Wie das Leben, von dem der Titel sagt, es sei ein Roman? Ein Dialogsatz erneuert diese „These", ein nächster dementiert sie.

 

Resnais hat die drei Ebenen nur stilistisch, aber nicht chronologisch voneinander abgehoben und durch die Montage die unterschiedlichen Zeiten ineinander verwoben zum simultanen Ereignis, in dem vor allem die Leitmotive Kontinuitäten herstellen. Das Märchenspiel wird in statischen Einstellungen, die jeweils etwa eine halbe Minute dauern, interpunktierend zwischen das Geflecht der anderen beiden Ebenen geschnitten. Die Szenen von 1919, in dunkle, schwere Farben getaucht, schwarz, kupfer und altrosa vor allem, mit sehr eleganten Kamerabewegungen, ist auf Kodak-Material gedreht worden: eine Mischung aus Expressionismus und Jugendstil, belebt von der Spannung zwischen Licht und Dekor. Die Szenen aus der Gegenwart, auf Fuji-Material gedreht, wirken dagegen flach und verwaschen bunt, zerfahren von der Kamera und den Bewegungen der Figuren. Es sind Bilder der Auflösung; aus dem archaischen Ernst des Märchenspiels wird 1914 flunkernde Magie, und 1983 übertreffen die Erwachsenen die Kinder an Infantilität und Oberflächlichkeit. Mit den drei unterschiedlichen Ebenen erzählt Resnais wohl auch ein Stück Filmgeschichte, in deren einzelnen Kapiteln sich unterschiedliche Genres andeuten: Musical und Melodrama, Realistisches und Märchenhaftes. Auch 1983 sieht man ein Modell: es imitiert nicht mehr Kunst, sondern Natur, und dient Unterrichtszwecken. Das Leben ist ein Roman, aber der Roman ist Imitation, wie der Film, wie dieser labyrinthische, ironische, verrückte, triviale, kluge und geschwätzige, verwirrte, irritierende, vergnügliche Film.  

 

Hans Günther Pflaum

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: epd Film 2/1984

 

Das Leben ist ein Roman

LA VIE EST UN ROMAN

Frankreich 1983. Regie: Alain Resnais. Drehbuch: Jean Gruault. Kamera Bruno Nuytten. Schnitt: Albert Jurgenson, Jean-Pierre Besnard. Musik: M. Philippe Gerard. Ton: Pierre Lenoir. Bauten: Jacques Saulnier, Enki Bilal. Kostüme: Catherine Leterrier. Produktion: Philippe Dussart/Soprofilms/1Fideline Films/ Films A2/Les Films Ariane/Filmedis. Gesamtleitung: Arlette Danis. Produzent: Philippe Dussart. Verleih: Concorde. Länge: 3038m (111 Min.). FSK: ab 6, ffr. Kinostart: 13.1.1984. FBW-Prädikat: wertvoll. Darsteller: Vittorio Gassmann (Walter Guarini), Ruggero Raimondi (Michel Forbek), Geraldine Chaplin (Nora Winkle), Fanny Ardant (Livia Cerasquier), Pierre Arditi (Robert Dufresne), Sabine Azema (Elisabeth Rousseau), Robert Manuel (Georges Leroux), Martine Kelly (Claudine Obertin), Samson Fainsilber (Zoltan Forbek), Veronique Silver (Nathalie Holberg).

 

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