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Lass uns’n Wunder sein 

Nach knapp fünf Minuten rammt der Sprecher des Off-Kommentars von Stefan Pauls Musik-Dokumentation erst einmal einen Pfahl in die Erde, damit der Zuschauer die Bedeutsamkeit des Folgenden nicht etwa unterschätzt: „Rio Reiser und Ton Steine Scherben waren die absolute deutsche Kultband in den 70er und 80er Jahren.“ Aha, denkt man sich, und während man sich noch über die merkwürdige Wortkombination von „absolut“ und „Kult“ wundert, schweift der Blick zum Regal mit den Platten von Can, NEU!, Kraftwerk, Palais Schaumburg, Einstürzende Neubauten oder F.S.K. ... Aber okay, es geht hier um Rio Reiser, den früh verstorbenen Sänger der Berliner Band Ton Steine Scherben, dessen Leben und Wirken der Filmemacher Stefan Paul bereits zweimal filmisch nachgespürt hat: Auf „Rio Reiser – König von Deutschland“ (2006) folgte der Film „Jan Plewka singt Rio Reiser“ (2007), und nun begibt sich Paul ein weiteres Mal auf die Spurensuche nach dem „Mythos Rio Reiser“.

 

Weit gefehlt hat derjenige, der glaubt, es könne hier mit einer kritischen, vielleicht gar ideologiekritischen Herangehensweise gerechnet werden. In einem Prolog hat der Filmemacher gewissermaßen im Schweinsgalopp durch die Archive Ton Steine Scherben bereits zum Sprachrohr der antiautoritären Revolte gemacht, skizziert ein wenig differenziertes Bild von „1968“ zwischen Ernst Bloch, RAF und dem Muff unter den Talaren, der Hausbesetzerbewegung und einem Konzert der Berliner Band in der schwäbischen Provinz, das dann auch gleich zu einer Hausbesetzung führte. Das Haus steht heute noch, direkt am Tübinger Bahnhof, ist ein Jugend- und Kulturzentrum und trägt den Namen eines Lehrlings, der 1972 von der Polizei im Rahmen der RAF-Hysterie erschossen wurde. Dass die Band nach dem Konzert in Tübingen aufgrund von Geldmangel einige Wochen zu bleiben gezwungen war, münzt der Film zur Autorisierung seiner Sprecherposition um: Die Band kam in der damaligen WG des Filmemachers unter; man „kennt“ sich also. Dass die Band von dieser Indienstnahme seitens der Bewegung fast zerrieben wurde, erzählt der Film dann aber doch. Nur etwas später.

 

Überhaupt nimmt es der Film mit der Chronologie nicht so genau: Es beginnt mit „1968“, aber die Scherben wurden erst 1970 gegründet. Die Tübinger Episode datiert offenbar von 1972, aber später im Film wird die Geschichte des katastrophalen Fehmarn-Festivals von 1970 erzählt. Live-Aufnahmen der Rio-Reiser-Band stammen von 1988, einige Interviews – zum Beispiel mit Udo Lindenberg – bleiben völlig undatiert. Man sollte sich also schon einigermaßen auskennen in der Bandgeschichte, um die Filmbilder selbst sortieren zu können, sollte wissen, dass die Band 1975 vor den Zumutungen der Berliner Polit-Szene in die Schleswig-Holsteinische Provinz flüchtete und ein Leben als Landkommune probte. Wenn man dieses Wissen mitbringt, wird einem auch bekannt sein, dass zwischen dem legendären Axt-Auftritt des Scherben-Managers Nikel Pallat und dem Einstieg der heutigen Grünen-Vorsitzenden Claudia Roth als Band-Managerin einige Jahre und Krisen lagen.

 

Was also gibt es hier Neues zu entdecken, was die Rede vom „Mythos Rio Reiser“ erlaubt? Reiser war eine charismatische Bühnenfigur mit einem poetischen Talent und einem Alkoholproblem, der als Homosexueller Jahre lang in einer Hetero-Kommune lebte. Seine Bewunderer reichen von Udo Lindenberg bis Scorpions-Sänger Klaus Meine; in der deutschen Pop-Szene gilt er als absolut integre Gestalt, woran sich auch dadurch nichts ändert, dass sich Selig-Schreihals Jan Plewka regelmäßig ungestraft an seinem Werk vergeht. So atemberaubend oberflächlich dieser Film auch bleibt, so berühren doch die schmerzhaften Erinnerungen von Scherben-Gitarrist Lanrue, der nach dem Tod des Seelenverwandten Reiser als Aussteiger nach Portugal ging und sich den Medien entzog. Stefan Paul hat ihn aufgestöbert und ihn zum Reden gebracht. Lanrue ist kein Mann des Wortes, aber immerhin hat man bei ihm nicht den Eindruck, er sonne sich im Ruhm, der einem anderen gebührt. Auch kokettiert er nicht – im Gegensatz zu vielen anderen in diesem Film (und vielleicht auch dem Film selbst) mit dem Gestus der Radikalität, der dem „Mythos Rio Reiser“ anhaftet und den dieser Film fortschreibt – und zwar gegen seine eigenen Bilder und Erzählungen. Diese erzählen nämlich auf vielen Ebenen vom Scheitern eines großen Experiments.

 

Ulrich Kriest

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film-Dienst

 

 

Lass uns'n Wunder sein - auf der Suche nach Rio Reiser

Deutschland 2008 - Regie: Stefan Paul – Mitwirkende: R.P.S. Lanrue, Kai Sichtermann, Jörg Schlotterer, Jan Plewka, Udo Lindenberg, Gert Möbius, Corny Littman, Achim Reichel, Stefan Kunze, Claudia Roth, Daniel Cohn-Bendit - Länge: 90 min. - Start: 9.7.2009

 

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