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La Lisiére - Am Waldrand

 


Siedlung mit Waldrand

 

Geraldine Bajard lässt in ihrem schwer ausrechenbaren Erstling "La Lisiére" einen Arzt in eine Gemeinschaft eindringen: Das löst manch Verheerendes aus.

Es beginnt ein wenig wie in Franz Kafkas "Schloss": Ein Mann kommt, wie gerufen und doch als Eindringling, in eine ihm fremde Welt, in der ihm die Menschen zugleich sofort zu nahe sind und sehr unverständlich bleiben in ihrem Tun. Die fremde Welt kennt freilich kein Schloss und also ein großes unerreichbares Anderes, ist nur eine Siedlung, nicht einmal Dorf, keine Stadt, nicht einmal eine Vorstadt, nur eine Ansammlung von Menschen in Häusern. Eine Gemeinschaft, die auf einer Grenzziehung zu gründen scheint zwischen der Natur und der Zivilisation. Ein Schein, der trügt, eine Grenze, die sich im Lauf des Films dann als reichlich prekär erweist. "Ballard" ist ein Stichwort, das der Film selbst in einer früh gelegenen Dialogszene gibt, nicht zu unrecht: ein "Crash" wird eine Rolle spielen und ein ins Grüne verlegter "High Rise" ist "La Lisiére" vielleicht auch, also Bauen auf dem Stand der zeitgenössischen Dinge, hinter dem Atavistisches dann hervorbricht.

La Lisiére, der Titel, ist keine Orts-, sondern eine Raumangabe: der Waldrand, und als solche von der Wortherkunft eine Metapher aus der Textilwelt (die Webkante), die so und so eine Grenze bezeichnet. In der Raumanordnung, die Geraldine Bajard entwirft, scheint diese Webkante der sozialen Textur zunächst seltsam zwar, aber fest und klar: die Jugend mit ihren merkwürdigen erotischen Spielen im Wald in der Nacht, die Erwachsenen und ihr Unausgesprochenes in Häusern am hellichten Tag. Allerdings tragen die Haustypen selbst Baumnamen, da sind die Dinge früh schon im Rutschen. Was zur Katastrophe gerade noch fehlt, ist eine Figur, die Verbindungen herstellt zwischen dem, was vorher getrennt war.

Diese Figur ist der Mann, der in diese Welt kommt - nicht Landvermesser, sondern Arzt, hier allerdings als Körpervermesser in seelisch prekärem Gelände. Sogleich sieht er sich erotisch belagert von Müttern und Töchtern. Francois ist sein Name, gespielt von Melvil Popaud, der bei Rohmer und Ruiz und Ozon zu sehen war. Er kommt aus der Stadt, seine Freundin lebt da, besucht ihn in der zweiten Hälfte des Films, will vielleicht bleiben. Francois ist ein noch etwas jungenhafter Mann, der nicht Stop sagt, ist einer, der nur schwach Widerstand leistet, halb neugierig, halb erschrocken, halb suchend, halb sich ziehen lassend: ist, kurz gesagt, selbst eine perforierbare Übergangszone zwischen Wollen und Hinnehmen, zwischen Lassen und Tun.

Rasch ist er von Frauen umstellt, die etwas von ihm wollen, möglicherweise. Gleich zu Beginn die Frau, die ihn durch sein neues Haus führt (es ist alt, keiner der Baumnamen-Neubauten der Siedlung), sie gibt sich vage aufgeknöpft. Später kommt Francois eines der Mädchen aus der Jugendgang, die im Wald und am Waldrand die erwähnt seltsamen Dinge treibt, nahe und näher. Wie es überhaupt den Mädchen ein Spaß ist, den Arzt unter Vorwänden in ihre Betten zu rufen, wo er sie unterm Blick der Eltern untersucht, ohne die Grenzen zu überschreiten, die die Regeln der Kunst und des Anstands ihm setzen.

Melvil Popaud spielt diesen Mann stets etwas erdhörnchenhaft, immer aufmerksam fluchtbereit: Man sieht ihm an, dass er auch ohne Stethoskop jeden erotischen Zwischenton hört. Er scheint verführbar, ohne dass es zum Äußersten kommt. Francois weiß sich womöglich keinen Rat, aber sucht ihn in merkwürdiger Unentschiedenheit auch eher nicht. Ein Jugendlicher, Cedric (Phenix Brossard), ist Francoisí Gegenfigur: als erotischer Rivale, der sich herausgefordert fühlt, als Aggressor, als einer, der nicht viel sagen muss, um gefährlich zu wirken. Francois wird als passiver Eindringling (und doch nicht ohne sein Zutun) zum neuen Objekt der Begierde und bringt das Zirkulieren der erotischen Energien so durcheinander, dass Cedric zum Gegenschlag schreiten muss. Es kommt zum Knall und zum Crash, der freilich nichts klärt.

Auf für einen Debütfilm erstaunlich selbstgewisse Weise setzt Geraldine Bajard - die an der Ecole Normale Superieure und an der Berliner dffb studiert und bei Valeska Grisebach und Angela Schanelec assistiert hat - von Anfang an einen eigenen Ton. Eine Schlinge, die man nicht sieht, zieht sich spürbar doch zu. Man erkennt einerseits die abstrakten Züge (die Grenzlagen, das Schematische der Raumanordnung, die Schematik noch ihrer Auflösung), jedoch verfährt die Kamera oft impressionistisch und zeigt in erratischen Lichtkegeln sich verfolgende und knäuelnde Körper im Dunkeln. Immer wieder baut "La Lisiére" nahe am Horror. Die Außenräume erscheinen eher als Projektionen psychischer Innenräume und die Referenz der Beschreibung ist nicht konkrete Baupolitik, sondern die Besiedlung des Realen mit dem Imaginären. Daraus resultiert wohl auch das Auflösungsproblem, das der Film hat. Unter beträchtlichem Spannungsverlust werden die Dinge zu einem Ende gebracht. Was dabei als real ausgefällt wird, erscheint dann aber doch fast zu banal.

Ekkehard Knörer

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de



La Lisière - Am Waldrand
Frankreich / Deutschland 2010 - Originaltitel: La Lisière - Regie: Géraldine Bajard - Darsteller: Melvil Poupaud, Audrey Marnay, Hippolyte Girardot, Phénix Brossard, Alice de Jode, Delphine Chuillot, Elias Borst-Schumann - FSK: ab 16 - Länge: 100 min. - Start: 28.4.2011

 

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