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Lakeview Terrace

Neil LaButes Rassismus-Experimentalanordnung "Lakeview Terrace" will mit Samuel L. Jackson und viel Thriller-Tamtam politisch inkorrekt zündeln.

 

Konfliktaufstellung im San Fernando Valley von Los Angeles: Ein schwarzer Mann (Samuel L. Jackson) ist streng mit seinen Kindern. Ein junges Paar bezieht das Nachbarhaus. Sie schwarz, er weiß. Der schwarze Mann, der streng mit seinen Kindern ist, ist Cop. Das Nachtlicht vom Haus des schwarzen Manns scheint dem Paar ins Fenster. Das Paar hat Sex im Swimming Pool vor den Augen der Kids des schwarzen Manns. Der weiße Mann (Patrick Wilson) ist liberal und freundlich, verheimlicht seiner Frau, dass er raucht und hört HipHop-Musik, die sie nicht mag. Er arbeitet für eine ökologisch bewusste Supermarktkette mit Namen "Good" (!) und denkt sich nichts Böses. Der schwarze Mann hat seine Frau verloren und bekommt im Job Ärger wegen seines aggressiven Vorgehens. Die Dinge schaukeln sich auf zwischen den Nachbarn, sie sollen es tun, und das Drehbuch von David Loughery und Howard Korder tut, was es kann, die Konflikte, die es heraufbeschwört, zum Schmelzpunkt zu treiben.

 

Kein Zufall ist der titelgebende Schauplatz selbst: "Lakeview Terrace" war der Stadtteil, in dem im Jahr 1991 Rodney King von Polizisten verprügelt wurde, mit den bekannten Folgen. Seltsam freilich verdreht der Film nun die ethnischen Konfliktlinien. Er stellt, denkt er vermutlich, die Vorurteile auf den Kopf und sieht dann mal, was passiert. Freilich ist nicht so genau zu sagen, was eigentlich passiert, denn mehr als die Idee, ein wenig zu zündeln, hat der ganze Film eigentlich nicht. Die Einsätze in dem bösen Spiel, das sich entwickelt, sind und bleiben zu unklar, um eine sinnvolle Experimentalanordnung zu ergeben. Nun ist der schwarze Mann ein Cop, der aggressiv und vorurteilsbeladen auf das schwarz-weiße Nachbarpaar reagiert. Vom einen Haus zum anderen geschoben werden die Kinder, an denen sich der Vater keineswegs als im Grunde doch guter Mensch bewährt. Vielmehr exerziert er an ihnen seine sozialen Aufstiegswünsche und treibt der Tochter die grammatikalisch inkorrekte black-english-Redeweise aus.

 

"Lakeview Terrace" wäre gerne ein Film, der von den giftigen Resten des amerikanischen Rassismus erzählte. Vom Zorn des schwarzen Manns auf den privilegierten weißen Mann mit der scharfen schwarzen Braut. Von seinen Komplexen, seinem Hass, der Ventile sucht und auch findet. Aber das, was er sich so offensichtlich vorgenommen hat, misslingt dem Film, und zwar gründlich. Völlig unsinnig ist es, nur zum Beispiel, dem Cop Abe Turner eine Vorgeschichte zu geben, die seine Wut noch einmal individualbiografisch plausibilisiert. Warum auf diese Weise seine Wut wieder entschärft wird, muss unbegreiflich bleiben.

 

Womöglich geht die Stoßrichtung auch gegen den ängstlichen Ehemann. Das antiliberale Argument ginge dann etwa so: Gerade weil er sich nichts Böses denkt, gerade weil er politisch so korrekt sein will, leugnet er Realitäten und wird durch diese Leugnung, nicht durch rassistische Gedanken oder Taten, schuldig. Warum dann aber die schwarze Ehefrau des Weißen in einem Nebenplot auch noch als Schwangerschaftserschleicherin denunziert wird, bleibt rätselhaft. (Außer als Vollständigkeitsgedanke: Jede und jeder muss in diesem Film seinen problematischen Charakterzug abbekommen.) Hinter vielen Zügen in diesem alles andere als bezwingenden Spiel steckt kaum etwas anderes als die Lust an der Provokation, jedenfalls kein weiterer Gedanke. Die kritisch gegen das heuchlerisch Gutgemeinte gerichtete Freude am politisch Inkorrekten wird darum aber - wie es nicht selten der Fall ist - schlicht und ergreifend reaktionär.

 

Es kommt erschwerend dazu, dass "Lakeview Terrace" seine Zündeleien in die Form einer Genreübung gießen will oder muss. Er braucht Spannung und Thrill und Steigerungslogik und darum zieht er hier eine Schraube an und dann da, darunter paukt zu den an Schärfe zunehmenden Konfrontationen heftig Musik. Die Folge ist ein einziges großes Zurechnungsdurcheinander, ein Hü und Hott: Manche Tat scheint rein der Steigerungsdramaturgie, die nächste einem individualpsychologischen Figuren-Defekt, die dritte der schieren Provokationsabsicht des Autors geschuldet. Der angestrebte suspensebefeuerte Traktat zu Rassenfragen fliegt dabei rettungslos auseinander.

 

Ekkehard Knörer

 

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

 

Lakeview Terrace

LAKEVIEW TERRACE

USA 2008 - Regie: Neil LaBute - Darsteller: Samuel L. Jackson, Kerry Washington, Patrick Wilson, Eva LaRue, Elizabeth Tulloch, Ashton Kutcher, Keith Loneker, Jaishon Fisher, Regine Nehy, Robert Dahey, Jay Hernandez

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