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La Danse

 

Tanz den Wiseman

 

Zum Jahresabschluss: Vergnügen: Dokumentarfilm-Großmeister Frederick Wiseman zeigt die Arbeit, die Virtuosität und den Alltag, die in und hinter den Aufführungen des Pariser Opernballetts stecken.

Mit Tempo und Eleganz geht das los: Blick auf die Dächer von Paris, ein paar Einstellungen, schnelle Schnitte, dann sind wir drinnen. Drinnen, backstage, Blicke auf die Hinterbühne, in Kellergänge, der Apparat, der in und hinter den Kulissen steckt, Dunkel und Zwielicht. Auch das nur eine kurze Passage, darauf wird es hell in einem verspiegelten Raum. Tänzerinnen und Tänzer und Choreografinnen und Choreografen bei der streng hierarchisch geregelten Arbeit. Es wird geprobt und einstudiert, an Details gefeilt, die Körper in Trainingskostümen verfolgt eine fluide Handkamera unaufdringlich und aufmerksam und mit viel Beobachtungsintelligenz. "La danse" heißt der Film, Frederick Wiseman ist sein Regisseur.

Es ist der zweite Besuch des Filmemachers beim Ballett. Mitte der Neunziger dokumentierte er - in "Ballet" - die Arbeit des "American Ballet Theater" in New York und folgte ihm bis nach Athen und anderswohin. Nun kehrt er, ein erklärter Fan dieser Kunstform, zurück, diesmal in seiner zweiten Heimat Paris, zum - so auch der Untertitel des Films - "Ballet de l’Opera de Paris". Der neue Film verhält sich zum älteren in mancher Hinsicht wie die Arbeit des Pariser Balletts zu dem in New York: Sie ist, bei aller ebenfalls vorhandenen Liebe zur Tradition, auch der der klassischen Moderne, avancierter, freier, stärker gelöst vom Wunsch, den Erwartungen eines jeweiligen Publikums zu gefallen. Keine Avantgarde hier wie da, sondern Perfektion einer Form, die das Klassische auf der Höhe der Gegenwart hält. Für das Ballett heißt das: Man wahrt den Bezug zu Größen wie Cunningham und Bejart und hält sich fürs Zeitgenössischere an so moderate Neuerer wie Sasha Waltz oder Mats Ek.

Und für Wiseman heißt es: Er ist ein Dokumentarist, der einerseits von der Zurichtung seines Materials durch Musik, Off-Kommentar, durch Brimborium jener Art also, das einen Großteil heutiger Dokumentarfilme so schwer erträglich macht, gar nichts hält. Andererseits gilt ihm aber auch die Fiktion, es handle sich beim Dokumentarfilm um eine sozusagen blanke, autorschaftsfreie Wirklichkeitsabbildungskunst, die von Fliegen an der Wand durchgeführt wird, außerordentlich wenig. Durch zwei zentrale Werkstätten geht jeder der Wisemanschen Filme. Die eine ist die Wirklichkeit, die er mit Wendigkeit und Geduld und stets kleinem Team dokumentiert. In den Probestudios der Pariser Oper folgen der Kameramann John Davey und Frederick Wiseman selbst an der Tonangel dem Geschehen mit einer zurückhaltenden Virtuosität, die dem sehr viel deutlicher ausgestellten Können der Tänzer kaum nachsteht.

Wiseman und Davey erhalten auch Zugang zu sonst verschlossenen Orten, nicht zuletzt dem Büro der künstlerischen Leiterin Brigitte Lefevre. Man wird dort zum Augen- und Ohrenzeugen, wenn es um die Pläne neuer Choreografen, die Ängste alternder und ganz junger Tänzerinnen und die Aushandlung möglicher Privilegien für durchreisende amerikanische Großspender geht. Einblicke gibt es per Stippvisite in die Garderoben, man sieht die Kostümbildnerinnen bei der Arbeit, vor allem aber wird man wieder und wieder Zeuge der Proben; wie schon in "Ballet" sieht man, weil es dazu gehört, in der zweiten Hälfte viel auch vom fertigen, dennoch in der Dokumentation nicht privilegierten "Tanzprodukt", den Aufführungen in der Pariser Nationaloper und auch der Bastille. Wie grundsätzlich bei Wiseman bleibt etwas Entscheidendes jedoch bewusst verdeckt: die Bedingungen, unter denen das Team Zutritt bekommt und Informationen darüber, wann und wo ihm die Türen versperrt geblieben sind. Wiseman dokumentiert stets "Wirklichkeit", die Voraussetzungen des Dokumentierens dokumentiert er - und zwar: ausdrücklich; zumindest: ausdrücklich - niemals mit.

Das hat und ist Methode, wie man spätestens merkt, wenn man auf den zweiten, fast noch wichtigeren Schauplatz, die eigentliche Werkstatt des Filmemachers Wiseman blickt. Das ist der Schnitt. Film ist für ihn eine Form nicht minder als zum Beispiel der Tanz. Es hat keinen Sinn, "etwas" zu zeigen, wenn man kein Interesse an der möglichst vollendeten Form des Zeigens selbst hat. Auch und gerade die "Wirklichkeit" gibt es nicht einfach so, nicht, indem man bedenken- und gedankenlos die Kamera einfach draufhält und dann im Schnitt mit Musik, Kommentarredundanz und Spucke zusammenzwingt, was man bei Gelegenheit zum Bild gemacht hat. Dabeisein bzw. Dabeigewesensein ist auch und gerade für den Dokumentaristen alles andere als alles.

Erstens gilt es schon in der Situation selbst die Präsenz des Gedankens zu wahren, der sich mit dem Körper der Kamera bewegt und der mit dem Auge der Kamera blickt. Auch eine nicht (nach den Regeln der Regiekunst) inszenierte Realität setzt man mit der Wahl der Ausschnitte und mit den eigenen Aktionen und Reaktionen, ob man will oder weiß oder nicht, immer in Szene. Und zweitens entsteht der Film in Wahrheit eben erst in der Montage. 140 Stunden Material haben Wiseman und sein Kameramann für "La danse" produziert. Ein Jahr lang dauerte der Weg zum zweieinhalbstündigen fertigen Film. Herausgearbeitet hat Wiseman in der Zeit das, was seine Filme in immer größerer Vollendung ausmacht: die von jeder Rigidität freie Ahnung einer Kapitelstruktur, ein genauer Sinn fürs Abwarten und Ausspielen und den rechten Moment der Zäsur; ein Gefühl für frei fließende und zugleich wunderbar strukturierte Rhythmen, die das Allegro und das Largo, con brio und moderato, die die Wiederholung und den Exkurs ebenso wie die Arabeske und das da capo zulassen.

Selten genug ist das Vergnügen, einen Wiseman-Film auf deutschen Kinoleinwänden zu sehen. In diesem Fall spekuliert der Verleih sicherlich nicht in erster Linie aufs überschaubare Publikum der Fans dieses Regisseurs, sondern auf die Ballett-Aficionados. Das Schöne und Richtige an "La danse" ist, dass diese ebenso auf ihre Kosten kommen werden wie all jene, die sich für Tanz oder auch nur die hier vertretene moderat avancierte Version eher wenig, für die Kunst des Films umso mehr interessieren. Form und Inhalt sind hier so unlöslich verknüpft, das man das eine vom anderen nicht trennen kann oder mag. "La danse" führt mit anderen Worten die große Kunst vor, den Wiseman zu tanzen.

Ekkehard Knörer

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

 

La Danse
Frankreich / USA 2009 - Originaltitel: La Danse - Le Ballet de L'Opéra de Paris - Regie: Frederick Wiseman - Darsteller: (Mitwirkende) Émilie Cozette, Aurélie Dupont, Dorothée Gilbert, Marie-Agnès Gillot, Agnès Letestu - Länge: 158 min. - Start: 30.12.2010

 

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