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Labor Day

 


Glückliche Stunden im Bett

Eine zwischen Anspannung und Ermattung oszillierende Kate Winslet gehört zu den Attraktionen von Jason Reitmans schönem emotionalen Exzessfilm "Labor Day".

Zwar erfährt man über Sex alle grundlegenden Fakten im Sexualkundeunterricht, erklärt die alleinerziehende und seit der Trennung von ihrem Gatten schwer depressive Mutter Adele (Kate Winslet) ihrem Sohn Henry (Gattlin Griffith): Man lernt, was dabei vor sich geht, und was man beachten sollte. Doch sie erzählen einem dabei nichts über die sinnliche Komponente: Wie es sich anfühlt, von einem Menschen begehrt, von diesem berührt zu werden, wie es sich anfühlt, sich danach zu sehnen. Adele erklärt dies ihrem Sohn in einer Rückblende, die sich unmittelbar daran anschließt, wie der aus dem Gefängnis geflohene Frank (Josh Brolin) Adele mit einem Seil an einen Stuhl in ihrer Küche fesselt - liebevoll, im Grunde genommen schon zärtlich, einfach um die Fassade zu wahren. Eigentlich will er Adele und Henry nichts tun, benötigt aber für seine Flucht ein Versteck auf Zeit. Wenn Adele im Nachhinein behaupten will, er habe sie und ihren Sohn überwältigt und gefesselt, so sei dies wenigstens nicht gelogen. Wenig später wird er die gefesselte Adele füttern - und nach dem Exkurs über Sexualität und körperliche Nähe fällt es schwer, darin etwas anderes als ein in seinem Kern liebevolles Rollenspiel um Dominanz und Unterwerfung zu sehen, das dem ersten Impuls der körperlichen Begegnung bei der Fesselung folgt.

Wegen des Labor Day und eines Brückentages wird es ein langes Spätsommer-Wochenende mit einem Geiselnehmer, der sich im Nu als Vater und Ehemann auf Zeit - oder einfach: als Mr. Häusliches Glück par excellence - entpuppt: Schnell behebt Frank Mängel am Haus, steht Henry väterlich zur Seite, backt den besten Pfirsich-Kuchen der Welt, bietet der verschwitzt-ermatteten Adele eine starke Schulter zum Anlehnen und schließlich auch - wie der Film in vermittelnder Aussparung kenntlich macht - glückliche gemeinsame Stunden im Bett. Zwar wirkt es auf heutige Gender-Sensibiliäten befremdlich, wie sich dieser unaufgeregt in sich ruhende, spätsommerliche Schmachtfetzen um die Leerstelle dreht, die ein fehlender Mann im Hause hinterlässt, und in welchem Übermaß "Labor Day" Emotionen und Sentimentalitäten investiert, sobald Frank diese Leerstelle besetzt. Andererseits liegen die Stärken dieses doch sehr schönen Films gerade im melodramatischen Überschuss seiner hochkonzentrierten Momentaufnahmen von einer insbesondere auch körperlich-taktilen Annäherung, in denen sich eine von Regisseur Reitman unbedingt ernst genommene Sehnsucht Bahn bricht, deren Erfüllung der Umstände wegen nur eine auf Zeit sein kann, auch wenn sie rasch Fortdauer für sich beansprucht: Nach wenigen Tagen reift in Adele der Entschluss, sich Frank anzuschließen.

Als sanft von Douglas Sirk inspiriertes Melodram ist "Labor Day" in der ausgestellten Künstlichkeit seiner Konstruktion als emotionales Exzesskino ohne weiteres gelungen, vom altbackenen Geschlechterbild und einigen Spitzen ins Überkandidelte abgesehen: Einmal spricht Frank gegenüber Adele davon, dass er gekommen sei, um sie zu retten, an anderer Stelle heißt es, er würde stets wieder auf Jahre ins Gefängnis wandern, um noch einmal solche Tage mit ihr erleben zu können. Schön ist aber auch, wie der Film seine Darsteller und deren Körper inszeniert: Josh Brolin hat die Statur eines sanften Bären und strahlt abwechselnd latente Bedrohung und manifeste Geborgenheit aus. Kate Winslet, einst als jugendliche Schönheit im Kino gefeiert, gibt einmal mehr - und ziemlich hervorragend - eine reife Frau, in deren Körper sich das Leben und seine Entbehrungen eingraviert haben: Wie sie zwischen Anspannung, Erschöpfung und schließlich gelassener Ermattung oszilliert und wie ihr dabei die verschwitzten Haare ins Gesicht hängen, verleiht dieser Figur einen ganz eigenen Glanz. Und nicht zuletzt: Wenn sie sich einmal auf der Couch sanft an Frank anlehnt und der Film ein paar Sekunden lang nichts anderes festhält als den so beiläufigen, wie intensiven Moment zärtlich-körperlichen Zutrauens, vermittelt sich auch etwas davon, was schön daran ist, einen Mann zu lieben, und was schön daran ist, als Mann geliebt zu werden.

Thomas Groh

Dieser Text ist zuerst erschienen im www.perlentaucher.de

 

 

Labor Day
USA 2013 - 111 Minuten - Start(D): 08.05.2014 - FSK: ab 6 Jahre - Regie: Jason Reitman - Drehbuch: Jason Reitman, Joyce Maynard - Produktion: Helen Estabrook, Dianne Halfon, Jason Reitman, Russell Smith - Kamera: Eric Steelberg - Schnitt: Dana E. Glauberman - Musik: Rolfe Kent - Darsteller: Kate Winslet, Tobey Maguire, Josh Brolin, Clark Gregg, James Van Der Beek, Dylan Minnette, Maika Monroe, Brooke Smith, Alexie Gilmore, Gattlin Griffith, Matthew Rauch, Tom Lipinski, Brighid Fleming, Alexandra East, Sarah Fischer - Verleih: Paramount Pictures

 

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