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Kusswechsel - Kein Vorspiel ohne Nachspiel

Oh je, Männer und Frauen, die alte Geschichte. Passen einfach nicht zusammen, weil er sich für Fussball und die Beatles interessiert, während sie doch lieber einen erwachsenen Mann als Partner hätte. Was auch immer das meint. Im Gegensatz zum „lustigen“deutschen Verleihtitel lautet der italienische Originaltitel so schlicht wie unzutreffend: „Maschi contro femmine“ („Männer gegen Frauen“). Mit einschlägigen Comedy-Stars besetzt, erzählt Fausto Brizzi anhand einiger Episoden die gerade in Comedy-Kreisen immergrüne Geschichte, dass Frauen und Männer eigentlich gar nicht zusammenpassen, aber an nichts anderes denken, als dass es anders sein könnte. Was dann natürlich doch wieder keiner will. Brizzi hat es damit in seiner Heimat zu einem veritablen Blockbuster gebracht, aber auch hierzulande, wo ja Nichtigkeiten wie „Caveman“ oder Mario Barth Konjunktur haben, könnte das auf Nachfrage stoßen.

Erzählt wird die Geschichte von Anna, die versucht, ihren Hardcore-Tifosi Piero, der nach einem Unfall sein Gedächtnis verloren hat, nach ihren Bedürfnissen umzuformen. Der Macho wird zum Softie, der sich im Haushalt nützlich macht – zum Schrecken seiner Freunde. Die Lehrerin Valentina ist aus unerfindlichen Gründen mit dem Hausmeister Rocco liiert, dessen Ehrgeiz bereits erschöpft ist, wenn er mit Schülern Fußball-Sammelbildchen tauscht und er in seiner Beatles-Coverband den John Lennon geben darf. Natürlich nennt er sie gerne mal Yoko Ono – und ist überrascht, als sie ihn schließlich aus der gemeinsamen Wohnung wirft. Rocco schlüpft bei Paul McCartney unter, dessen Frau allerdings nie erfahren darf, dass sie in diesem Spiel die Linda ist. Dann ist da noch der Schönheitschirurg Marcello, der längst von Paola geschieden ist, dies allerdings seiner Mama verschwiegen hat. Als die sterbenskranke Mutter ihre letzten Tage bei der Familie ihres Sohns verbringen will, muss man „heile Welt“ spielen – und auf die Schnelle lächerliche Low-Budget-Urlaubsvideos nachdrehen.

Drehbuchpapier ist geduldig, doch es ist ungeheuer mühsam, sich auf Spielfilmlänge durch eine Aneinanderreihung von Plattitüden und Albernheiten zu quälen, hinter deren altbackener Situationskomik eine Sentimentalität vorscheint, die man je nach Temperament regressiv oder reaktionär nennen kann: Natürlich sind, so der Tenor des Films, die existierenden Geschlechterverhältnisse vollkommen in Ordnung und in ihrer Dynamik des Immergleichen gerade reizvoll. Das wird sofort deutlich, wenn man sie leichtfertig ändert, und so sucht sich Anna auch ein Heimspiel von Juventus Turin aus, um von der Stadion-Leinwand herunter zu bekennen, dass sie ihren alten Piero zurückhaben will. Damit der Zuschauer gar nicht erst auf die Idee kommt, es hier mit Karikaturen zu tun zu haben, denen keine Verbindlichkeit zukommt, werden die Thesen auch gleich auf sämtliche Generationen ausgedehnt. Bereits in der Grundschule heißt es „Männer gegen Frauen“ – und die Liebesbriefe werden nicht selbst verfasst, sondern man lässt sie – wie in Adelskreisen üblich – schreiben. Marcellos Mutter wusste natürlich längst, dass ihr Sohn ein Blender ist; seit seiner Jugend habe sie seine Show genossen, erklärt sie auf dem Sterbebett, milde lächelnd. Marcello ist es denn auch, der weiß: „Männer kann man nicht verstehen. Das ist der Trick!“

So müssen die Frauen mit dieser anthropologischen Konstante ihren Frieden machen – und sich über kleine Siege freuen, wenn sich der Mann mal um den Abwasch kümmert. Schafft die Frau sich kurzfristig ein Männermodell ganz nach den eigenen Bedürfnissen, fehlt schnell das Salz in der Suppe. Letztlich kann man strampeln wie man will: Es ändert sich nichts. Verbunden mit dem lautstarken Klamauk und der an eine Fernseh-Soap erinnernden Machart des Films, könnte „Kusswechsel“ durchaus als Indiz für eine vollzogene Infantilisierung der italienischen Gesellschaft unter Berlusconi dienen. Männerfeindlich ist der Film in seiner Beschränktheit übrigens auch. Aber das nur am Rande.

Ulrich Kriest

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in:film-Dienst

 



Kusswechsel - Kein Vorspiel ohne Nachspiel
Italien 2011 - Originaltitel: Femmine contro Maschi - Regie: Fausto Brizzi - Darsteller: Claudio Bisio, Nancy Brilli, Ficarra & Picone, Francesca Inaudi, Luciana Littizzetto, Emilio Solfrizzi, Serena Autieri, Wilma De Angelis - FSK: ohne Altersbeschränkung - Länge: 101 min. - Start: 9.6.2011

 

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