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Kokovääh 2

 

 

 

Wenn man es sich so leicht wie Til Schweiger machen würde, stünde hier nur die alte Kritik zu „Kokowääh“ (fd 40 312). Was insofern aber ungerecht wäre, als Emma Schweiger, die Darstellerin des Kuckuckskindes Magdalena, dort zu Recht als augenrollende Nervensäge beschrieben worden war, sich in der uninspirierten Fortsetzung nun aber als einer der wenigen Aktivposten erweist. Was auch damit zusammenhängt, dass die Leistungen der übrigen Darsteller wie Samuel Finzi oder Jasmin Gerat ziemlich unterirdisch ist.

Zum Inhalt: Henry, der Drehbuchautor, hat sich mit seiner überraschenden Vaterrolle insofern arrangiert, als er mittlerweile sogar skandinavische Schlafkonzepte für Neunjährige abrufen kann. Aber weil der Drehbuchautor inzwischen auch noch als Filmproduzent tätig ist, der die Verfilmung seines eigenen Drehbuchs plant, fehlen ihm Zeit und Muße, um Katharina die nötige Aufmerksamkeit zu schenken. Die kümmert sich derweil zwar hingebungsvoll um Haushalt, Emma und das Baby Louis, hadert als moderne Frau aber mit ihrer Rolle. Wäre Henry doch nur etwas emanzipierter! Bevor die Liebe gänzlich stirbt, versucht Katharina ihn dadurch zur Verantwortung zu erziehen, dass sie auszieht. Da trifft es sich, dass Magdalenas Ex-Vater Tristan gerade pleite ist und dringend eine Wohnung sucht. Der Softie zieht bei Henry ein und will ihm im Gegenzug bei der Hausarbeit zur Hand gehen. Derweil ist Magdalena zum ersten Mal richtig verliebt, in den etwas älteren Max; sie findet aber auch Nick nett, der in sie verliebt ist und eine politisch engagierte Mutter hat, weshalb Henry zu Nick gerne „Karl Marx“ sagt.

Damit ist die „Patchwork“-Grundkonstellation einer romantischen Komödie etabliert, die nach Schema F und ohne große Überraschungen binnen zweier Stunden abgewickelt wird. Das Resultat ist eine ziemlich langweilige, mit schlechter Popmusik und Product Placement zugekleisterte Abfolge von Klischees, Abziehbildern und bescheuerten Witzchen. Schwer wiegt das dahinter sichtbar werdende sexistisch-reaktionäre Weltbild. So ist Henry gleichzeitig ein bornierter, selbstmitleidiger, aber irgendwie doch unwiderstehlicher Macho und ein verständnisvoller, ja zärtlicher Vater, der einerseits weinerlich um seine große Liebe kämpft, die Intelligenz junger Frauen andererseits aber nach der Größe ihrer Brüste bemisst. Lustig ist, wenn erwachsene Männer beim Sex die Socken anbehalten, Väter beim Windelwechseln von Babys angepinkelt werden und man in einem von Muslimen geführten Kiezladen von der Kopftuch tragenden Verkäuferin laut eine „Duschlampe“ einfordert. Lustig ist, wenn schwer verliebte Erwachsene sich öffentlich ihrer Regression hingeben, sich im Restaurant ein Menü teilen oder im Wortsinne tierischen Sex haben. Der guten Unterhaltung dient es, wenn ein neunjähriges Mädchen sich Marmelade in die Unterhose schmiert, um ihre Menstruation vorzutäuschen, weil sie sich in einen arroganten Elfjährigen verliebt hat, der auf ältere Frauen steht. Man möchte lieber gar nicht wissen, aus welchem Fundus von Ressentiments solche Männerfantasien schöpfen!

Natürlich lösen sich im Laufe des Films sämtliche (Schein-)Konflikte im sepiafarbenen Wohlgefallen des Berliner Stadtmarketing auf. Emma lernt, dass man sich besser nicht auf blasierte Angeber einlässt. Katharina lernt, dass auch blasierte Intellektuelle ihre guten Manieren vergessen, wenn sie alleine mit einer attraktiven Frau sind. Tristan lernt, dass ideologisch gefestigte, kapitalismuskritische, aber nicht mehr ganz so junge Mütter mindestens so sexy sind wie viel jüngere, sexuell fordernde Frauen. Und Henry lernt: nichts – sondern laviert sich mit Hundeblick und Kodderschnauze zurück zum Status Quo. Fortsetzung folgt!

Ungleich interessanter als all dies ist die Chuzpe, mit der Schweiger einen selbstreferentiellen Diskurs in Szene setzt, den man wohl oder übel autobiografisch nennen muss. Als Filmproduzent arbeitet Henry an einem Projekt mit Superstar Matthias Schweighöfer, hübsch exzentrisch gespielt von Matthias Schweighöfer, der plötzlich keine Dutzendware á la Schweiger mehr drehen möchte, sondern Arthouse-Kino. Aus diesem Grund bringt Schweighöfer den international bekannten österreichischen „Dogma“-Filmemacher Joseph Fichtlhuber (gespielt von Michael Ostrowski, dem einzigen Lichtblick in diesem Film) ins Spiel, in dessen Werken sich Frauen die Haut abziehen, obwohl sie trotzdem nie mehr als 20000 Zuschauer erzielen. Selbst Fichtlhubers Groupies kennen dessen Filme nicht! Dieser Freak macht sich denn auch gleich daran, Henrys schlichtes Drehbuch entscheidend zu überarbeiten. Eine Katastrophe bahnt sich an. Doch weil all diese Intellektuellen, die Arthouse-Ikonen und Verlagslektoren letztlich nur deshalb so drauf sind, weil sie persönliche Probleme oder keine Freundin haben, obsiegt schließlich das Prinzip des Mit-sich-selbst-komplett-Einverstandenseins in Gestalt Henrys. Der ist vielleicht manchmal etwas überfordert, aber schließlich auch ein Macher, der es nicht nötig hat, sich an der Kreativität fremder Menschen parasitär zu bereichern. Wie Lektoren oder Filmkritiker!

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film-Dienst 5/2013

 

Kokovääh 2

D 2013 -Länge: 110 min. - Regie: Til Schweiger - Drehbuch: Til Schweiger - Produzent: Til Schweiger
Darsteller: Til Schweiger, Meret Becker, Samuel Finzi, Jasmin Gerat, Emma Tiger Schweiger, Karoline Herfurth, Michael Schweighöfer
Verleih: Warner Bros. Pictures - Kinostart: 07.02.2013  

 

 

 

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