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Knistern der Zeit - Christoph Schlingensief und sein Operndorf in Burkina Faso

 


Die Platte knistert arg, dann hängt und springt sie. Dann das Bild: ist schief. Schlingensief spricht im rechten Winkel, Querformat: "Guten Abend, meine Damen und Herren, ich begrüße Sie ganz recht herzlich hier aus Ouagadougou!" Ein Handybild jener verrauscht-kontrastarmen Sorte, die alles fahl wie die Unterseite eines Fisches aussehen lässt: Hi-Def ist das nicht. Dann geht Schlingensief von der Hotellobby auf die Straße, in die Nacht und verschwindet damit noch mehr im Undeutlichen des Bildes: "Ich bin jetzt wahrscheinlich gar nicht mehr zu sehen, was für ein Signal an die Zukunft!" Dann meldet er sich, nach kurzer Aufnahmeunterbrechung, nochmal: Er sei gerade darauf hingewiesen worden, wie man mit so einem Handy eigentlich richtig aufnimmt, dass man das Gerät dazu nämlich anders - und also quasi intuitiv verkehrtrum halten müsse; Schlingensiefs Gesicht wechselt aus der Horizontalen in die Vertikale zurück, "Ich hör' jetzt auf, Francis, Du musst übernehmen", sagt er noch mit seinem typisch verschmitzten Lausbubengrinsen zu seinem Architekten Diébédo Francis Kéré, bevor ein harter Cut den Film aus dem medial defizitären Rausch-Schwenken in eine professionelle Totale holt und damit eine strikte Differenz zur Schlingensiefschen Taumelästhetik der lustvoll-frechen Übertölpelung von Standards und Konvention markiert.

So fängt dieser Dokumentarfilm an, der sich vordergründig als ein Film über die Bauarbeiten von Schlingensiefs Operndorf in der Steppe von Burkina Faso beschreiben lässt. Gewiss, darum geht es auch und sehr zentral: Wie Schlingensief das Gelände inspiziert, wie man sich mit den Behörden arrangiert, wie sich neue Freundschaften und Bündnisse ergeben. Nicht zuletzt, wie ein solches Bauvorhaben den Gegebenheiten überhaupt erst einmal mit Kraft und geistiger Energie abgetrotzt werden muss, wie der Bau stagniert und schließlich, wie es nach Schlingensiefs Tod im August 2010 weitergehen kann und wird. Dazwischen: Vorbereitungen mit den afrikanischen Schauspielern zu "Via Intolleranza II", der letzten Theaterarbeit, deren Premiere Schlingensief noch erlebte und immer wieder in Einschüben Schlingensiefs Handyaufnahmen, die immer (auch buchstäblich perspektivisch) quer stehen zu den übrigen, aufgeräumten Bildern der ruhig auf ihren Gegenständen verweilenden Dokumentaraufnahmen.

Doch was sich eigentlich in diesem Film vermittelt: Schlingensiefs unnachahmliche Qualitäten als buchstäblicher "Stein des Anstoßes", als einer, der eine Bewegung in Gang setzt, deren weiteren Verlauf er ebenso überrascht (und mit nicht wenig Begeisterung) beobachtet wie sein Publikum. Schlingensiefs Ansatz vom Kunstwerk mit offenem Ausgang, dessen Rezeption und zentrifugal in der Öffentlichkeit gezogenen Kreise unbedingter Bestandteil seiner selbst ist, macht auch aus diesem Großprojekt ein Bauvorhaben mit offenem Ausgang: Immer wieder kommt die Sprache darauf, wie es hier in der Steppe weitergehen könne, wenn Schlingensief einmal nicht mehr da sei. Doch natürlich ist Schlingensief selbst dann noch da, wie seine Ehefrau Aino Laberenz bei der feierlichen Eröffnung der ersten Gebäude anmerkt: Er stehe vielleicht nicht hier oben auf dem Podium, sagt sie, aber ganz gewiss sitze er bestimmt irgendwo im Publikum. In jedem Fall zeigt sich seine Fähigkeit, andere zu begeistern, schon in den fertigen Gebäuden und dem fortlaufenden Bau, in der begeisterten Aufführung afrikanischer Tänze und den allseitig glaubhaften und damit sehr zu Herzen gehenden Beteuerungen, wie sehr man ihn hier vermisse, wieviel man von diesem wunderlichen weißen Mann in der kurzen Zeit mitgenommen habe: "Ich hör' jetzt auf, Francis, Du musst übernehmen" ist damit wirklich in die Zukunft gesprochen und programmatisch für einen Film zu verstehen, in dem Schlingensief gewissermaßen die Bedingungen der Möglichkeit für weiterziehende Bewegungen nach seinem Verschwinden organisiert.

Zugleich bildet die Ästhetik von Schlingensiefs Videoaufnahmen auch einen Rahmen, sie kehrt in einem Epilog wieder. Das Operndorf in der Steppe Burkina Fasos soll mehr sein als ein Ort, an dem Stars aus dem Betrieb schrille Töne in die Wüste entsenden. Mit einer Schule, einem Krankenhaus und anderen sozialen Einrichtungen soll hier ein Ort der Begegnung entstehen, vor allem aber ein Ort, von dem aus eigene, von den Standardisierungen konventioneller Bildproduktion unbefleckte Bilder aus Afrika in die Welt ziehen können: "Jedes von den Kindern hier soll eine Kamera kriegen und zuhause sollen die dann ihre Eltern filmen und das können die dann in ihr YouTube stellen", sagt Schlingensief einmal. Den Kindern ist damit auch das Ende des Films vorbehalten: In ihren Händen kreist Schlingensiefs Handy und zeitigt dabei frisch verwackelte, mobile Bilder, denen die Gravitas ausgestellter Professionalität genauso fehlt wie Schlingensiefs stets neugierigem Zugriff auf Medien- und Kunsttechniken. Jene Art von Bildern, die im bisherigen Filmverlauf Schlingensiefs Präsenz und Position markierten, markieren nun dessen Absenz. Doch genauso zeigen sie, dass Schlingensief, selbst wenn er tot ist, gar nicht fehlen kann, da er ursächlicher Bestandteil dieser Bewegung ist: Erst übernahm Architekt Francis sie, jetzt übernehmen sie die Kinder aus Burkina Faso, aus ihnen und ihren Handybildern lacht und sprudelt das Leben.

Thomas Groh

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

Knistern der Zeit - Christoph Schlingensief und sein Operndorf in Burkina Faso
Deutschland 2012 - Regie: Sibylle Dahrendorf - Mitwirkende: Christoph Schlingensief, Diébédo Francis Kéré, Aino Laberenz, Stanislas Meda, Thierry Kobyagda, Familie Sidibé - FSK: ohne Altersbeschränkung - Länge: 100 min. - Start: 7.6.2012
 

 

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