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Kleine graue Wolke

 

 

Im August 2011, kurz vor Abschluss ihres Studiums der Medienproduktion, wurde Sabine Marina Multiple Sklerose (MS) diagnostiziert. Eine kleine graue Wolke sei an ihrem blauen Himmel aufgezogen. Mit diesem Bild versucht der diagnostizierende Arzt den Schock der Diagnose abzufedern. Doch zunächst erscheint Marina die kleine graue Wolke wie ein schweres Gewitter: es gilt die mit der unheilbaren Autoimmunkrankheit einhergehenden körperlichen Einschränkungen wie Geh- und Koordinationsfähigkeit, Einschränkungen der Sehfähigkeit, Taubheitsgefühle, Inkontinenz etc. und die psychischen Belastungen durch die Diagnose (Depression, Freitodgedanken etc.) zu bestimmen und sich den damit verbundenen Ängsten zu stellen. Recht früh fallen die Fragen: „Macht ihnen ihre Krankheit Angst?“ und „Sehen sie einen Sinn in ihrem Leben?“ Kann man mit dieser Diagnose „einfach so weitermachen“? Soll man, sofern möglich, die Krankheit geheim halten, um nicht von Vorurteilen und Mythen rund um die Krankheit betroffen zu sein? Bedeutet MS am Ende immer Rollstuhl? Mit wem kann man wie intensiv über die Krankheit reden? Und wie steht es um die zum Teil heftigen Nebenwirkungen der auf dem Markt befindlichen Medikamente, die ja im eigentlichen Sinn nicht »helfen«, sondern nur den Fortgang der Krankheit behindern. Was wiederum schwierig zu beurteilen ist.

Sabine Marina, obwohl oder weil noch in einem Frühstadium der Erkrankung, stellt sich viele Fragen und begibt sich auf die Suche nach anderen Betroffenen, um sich von deren Erfahrungen berichten zu lassen. Für eine Neu-Betroffene, diese Erfahrung muss Marina machen, ist der Besuch eines Workshops durchaus nicht nur positiv, weil man hier die Verlaufsformen der Krankheit vorgeführt bekommt, die man so früh und so genau gar nicht sehen möchte. Doch allmählich ändert der Film seine Tonlage. Marina begegnet einem Paar, bei dem beide Partner MS haben, allerdings mit unterschiedlichen Ausformungen, die sich allerdings recht gut ergänzen.

Obwohl man sich während einer Kur kennengelernt hat, hat die Krankheit nichts damit zu tun gehabt, sich füreinander zu entscheiden. Oder die Krankenschwester, die nicht wüsste, welche Krankheit in vergleichbarer Preislage sie gegen MS tauschen würde. Oder die alleinerziehende Mutter zweier Kinder, die sich einem buddhistischen Gesundheitszentrum anvertraut hat und erstaunlich positive Erfahrungen mit der Akupunktur gemacht hat. So wandelt sich die Einschätzung der MS von Begegnung zu Begegnung und ist schließlich tatsächlich nur noch eine kleine graue Wolke am blauen Himmel, von der zu Beginn des Films, wenngleich in noch ganz anderem Sinn, die Rede war. So erzählt dieser sehr persönliche Film vom Umgang mit der MS-Diagnose durch die Begegnung mit anderen Patienten. Der Film will erklärtermaßen Mut machen. Die Botschaft lautet: „Am Ende geht es nicht darum, was wir durch die MS verloren haben, sondern es geht darum, was wir durch sie finden werden.“

Wenn der Krankheitsverlauf nicht vorhersehbar sei, dann sei er vielleicht auch nicht vorherbestimmt. Allerdings fällt schon auf, dass diese positive Botschaft dadurch erkauft wurde, dass bestimmte problematische Aspekte wie Depression oder auch die Partnerschaft mit einem Nicht-Betroffenen ausgespart wurden. Fraglich auch, ob sich die nebenher eingestreute These, dass sich die MS-Kranken ähneln, weil sie vor der Krankheit „ständig auf der Suche nach Perfektionismus“ gewesen seien, bei näherem Hinsehen als verallgemeinerbar erweist. Etwas versteckt scheint auch eine Skepsis gegenüber der Schulmedizin spürbar, die allerdings nicht weiter ausgeführt wird. Zudem finden sich zwischen den dokumentierten Gesprächen immer wieder inszenierte Passagen, die zwischen Unmissverständlichkeit und Kitsch changieren. Zu letzterem tragen die Filmmusik und die etwas naiven Off-Kommentare bei. Am Schluss fährt die Filmemacherin in Zeitlupe mit dem Fahrrad zu einem Frühstück im Grünen durch eine Obstplantage und weiß: „Mein Leben ist durch die Krankheit so viel wertvoller geworden.“ Aus dem Schicksalsschlag wurde eine Herausforderung, das Bild von der Krankheit im Kopf zu verändern. Auch durch den Film, dem man seine Mängel nicht vorhalten mag.

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in: filmdienst

 

 

 
Kleine graue Wolke
Deutschland 2014 - 89 Min. - Kinostart (D): 24.09.2015 - FSK: ohne Altersbeschränkung - Regie: Sabine Volgmann - Drehbuch: Sabine Volgmann - Produktion: David Brych - Kamera: Jonas Hieronimus - Schnitt: Stjepan Marina, Sabine Volgmann - Musik: Julia Bossert - Verleih © W-Film

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