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Kingsman: The Secret Service



Weltrettungsmarkenpflege mittels Snobtopjob

"Kingsman: The Secret Servivce", eine britische Agentenaction-Comiccomedy in der Regie von Matt Vaughn, gibt sich posttraumatologisch; soll heißen, der Film lässt in seiner ostentativen Heiterkeit zweierlei Anmutung von Trauma in seiner unmittelbaren Vergangenheit hinter sich. Zum einen sagt er - wie die Ösis zum Abschied - leise Servus (oder vielmehr sagt er laut Servus) zu den an Leib und Seele lädierten SuperheldInnen in Vaughns Vorgängerfilmen, sowohl in "X-Men: First Class" als auch in "Kick-Ass" (der bereits, wie nun "Kingsman", auf einem Comic von Mark Millar basierte); das Faible der beiden Filme für furiose Zeitlupenaction allerdings behält auch der neue bei. Zum anderen setzt "Kingsman" sich von der heutigen Marke James Bond, die sich ja im Zeichen von Schwäche, Schmerz & Schwindel neu definiert hat, ab und huldigt eher dem Bond-Stil aus den Tagen Roger Moores. "Moonraker" und so.

Wo zuvor Reibung, Reflexion und Rache regierten, herrscht nun Retro, sowie Lust am flüssigen Ineinandergreifen und -gleiten von Körperhandlungen - mit einem Touch von Buster und Lester (Keaton und Richard) -, vor allem aber herrscht distinktionsselige Freude an schicken Gadgets, Klamotten, Autos und Drinks. Die Geheimagentensekte der Kingsmen investiert mehr in ihre Anzüge und weniger in Verwaltungsbürokratie als die in Sujet, Plot und Tonlage nicht unverwandten Men in Black. Auf der Gegenseite zu diesen Londoner Weltrettern zieht die Fäden ein lustig lispelnder Archvillain (verlässlich: Samuel L. Jackson), der sein Styling, sein Projekt - ökologisch (nämlich durch eine Elitenkult-Lesart der "Gaia-Hypothese") motivierte Dezimierung der Erdbevölkerung - und sogar noch sein Schicksal nach dem Vorbild alter Agentenfilme modelt. Deshalb hat er als Adlatin eine hübsche Orientalin mit tödlichen Klingenbeinprothesen - eine Art Hybrid aus dem dicken Typ mit dem Stahlklingenhut, dem "Beißer" namens Jaws und der biegsamen Grace Jones aus jener Art von edelbescheuerten Bond-Filmen, die hier, bis zum Plakatdesign, Pate stehen.

"Kingsman" ist am besten dort, wo er das - insbesondere in heutiger Sicht - eben bescheuert und umständlich geziert Anmutende seiner Vorbilder direkt umarmt, zumal in visuellen Detailgags; wenn die Inszenierung etwa mitten in brutalen Gruppen- und Massenkampfchoreografien einen ausgeschlagenen Zahn oder blutenden Daumen hervorhebt; oder in der mehr pummelig als böse wirkenden, noch dazu stur wiederholten Drohgeste, mit der das Todesstern-artige (ja, Mark Hamill spielt auch mit, bevor er in "Star Wars" wieder er selbst wird) Flak-Geschütz langsam seine Rohre hebt und auf Flugzeuge richtet, die sich der in standesgemäßer Hochgebirgslage untergebrachten Kommandozentrale des größenwahnsinnigen Superschurken nähern.    

Der Rest ist pflichtgemäße Überdrehtheit. Körperkomik und Kolorit sind OK (und sogar jenseitig in der Showdown-Sequenz mit den Köpfen der weltweiten "Reichen", die reihum zu "Pomp and Circumstance" wie knallbunte Feuerwerksblüten explodieren - ein Anblick, halb Ressentiment, halb dessen Aufhebung im Farbrausch), die Ausstattung ist wenn auch mit einigem Recht so doch ein bissl sehr stolz auf sich, der Brit- und Glamrock-Soundtrack geht so, die SchurkInnen sind People of Color, alle Guten sind weiß (wollt ich nur mal gesagt haben), der Jungagentendrillplot ist fascho (oder zumindest nervig in seinem Eliten-Getue, bei dem sich zunehmend Mark Strong kantig in den Vordergrund spielt), das Kingsmanierenlernen und Vom-Proll-zum-Snob-Habitustraining des jungen Basecap-Cockney-Adepten (Taron Egerton) ist halblustig, Michael Caine ist auch hier überflüssig, manche Figur stirbt recht unvermittelt, Hauptdarsteller Colin Firth hat unreine Haut (und viele close-ups), und Austin Powers war besser; allerdings hat "Kingsman" mit "Give It Up" den fetzigeren KC & The Sunshine-Band-Hit im Tweed-Ärmel.

Benotung des Films: 5/10

Drehli Robnik

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.filmgazette.de

 

 

Kingsman: The Secret Service
USA, Großbritannien 2014 - 129 min. - Regie: Matthew Vaughn - Drehbuch: Jane Goldman, Matthew Vaughn, Mark Millar, Dave Gibbons - Produktion: Adam Bohling, David Reid, Matthew Vaughn - Kamera: George Richmond - Schnitt: Conrad Buff IV, Eddie Hamilton - Musik: Henry Jackman, Matthew Margeson - Verleih: 20th Century Fox - FSK: ab 16 Jahre - Besetzung: Mark Hamill, Samuel L. Jackson, Colin Firth, Mark Strong, Michael Caine, Jack Davenport, Taron Egerton, Sofia Boutella, Neve Gachev, Morgan Watkins, Sophie Cookson, Corey Johnson, Edward Holcroft, Samantha Womack, Lee Nicholas Harris - Kinostart (D): 12.03.2015

 

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