zur startseite

zum archiv

zu den essays

Kind 44

 



In Daniel Espinosas "Kind 44" hört man stalinnostalgische Drehbuchseiten rascheln.

Leo Demidow - ein Löwe von göttlicher Kraft. Einen solchen Namen bekommt man nicht in die Geburtswiege gelegt, man bekommt ihn verliehen. So wie dieser Junge etwa, der in den frühen 30ern in der Ukraine "Holodomor", die Tötung durch Hunger, überlebt, bei einem treuen Sowjetsoldaten unterkommt und fortan diesen Namen trägt. Jahre später erträumen sich Tom Rob Smith (als Autor der Romanvorlage) und Daniel Espinosa (als Regisseur der Kinoadaption) Demidow, der nun von Tom Hardy gespielt wird, als einen der Soldaten, die am 2. Mai 1945 auf einer ikonisch gewordenen (und legendär retuschierten) Fotografie die Sowjetflagge auf dem Reichstag hissen. Hochdekoriert kehrt Demidow aus dem "Großen Vaterländischen Krieg des Sowjetischen Volkes" zurück, um in den letzten Tagen unter Stalins Herrschaft als Bluthund im sowjetischen Ministerium für Staatssicherheit vermeintliche Oppositionelle und Agenten des Kapitalismus von der Aussichtslosigkeit ihres Tuns zu "überzeugen". Dass dabei propagandistische "Wahrheiten" zum Zweck der Durchsetzung höherer Ideale überhaupt erst fabriziert werden und er die Funktion des Handlangers und Vollstreckers - wenngleich mit Herz, wenn es um Kinder geht - einnimmt, dessen ist er sich bewusst, doch ficht es ihn im Glauben ans System kaum an. Bis eines Tages der Sohn seines Freundes ermordet wird: Der Mord wird - wie 43 andere Kindsmorde zuvor auch - von oben vertuscht. Als ein Auswuchs kapitalistischen Wirtschaftens ist Mord im Arbeiterparadies weder möglich noch vorgesehen.

Wenn man so will, lässt sich dieser Leo Demidow mit seinem altsowjetischen Schneid als die sinnbildhafte Figur einer Ära begreifen: Geboren etwa zur Gründung der Sowjetunion und dem Beginn des stalinistischen Terrors, aufgezogen unter der schützenden Hand des Diktators, später als ruhmreicher Kriegsheld gefeiert, klaffen zum Ende der Ära Stalin massive Risse in seinen Überzeugungen. Ein westlicher Kriminalroman und im Zuge ein westlicher Unterhaltungsfilm erträumen sich ein nostalgisches Retro-Bild des einstigen geopolitischen und ideologischen Widersachers, und zumindest letzterer fährt dafür einiges an ästhetischem Aufwand auf: Merklich verliebt ist dieser Film in die Sowjetuniformen, in die Umgangsformen und asigen Hierarchien im Innern des bürokratischen Apparats, in den dekadenten, schmierigen Prunk der Stalinzeit, das triste russische Wetter, den Moloch der Fabriken und das Elend, das ringsum grassiert. Das einstige "Reich des Bösen" als von der Geschichte heimgesuchter Kino-Erlebnispark. Viel fehlt nicht zur endgültigen Fetischisierung.

Seine Serienmördergeschichte erzählt "Kind 44" leidlich spannend, wenngleich Tom Hardy, Gary Oldman (in der Rolle eines Sicherheitsbeamten in der Provinz, in die Demidow, der von der Kindsmordserie nicht lassen kann, bald strafversetzt wird) und Noomi Rapace (als Demidows Ehefrau) aus dem Stoff gutes Schauspielkino machen. Zumindest schlaglichtartig interessanter ist "Kind 44" als Erkundung von sozialen Beziehungen innerhalb sich zersetzender Machtgefüge: Die Zwänge, die zu Selbstdisziplinierung, Verschwiegenheit und zumindest der äußeren Performanz konformistischen Verhaltens führen, werden plastisch nachvollziehbar. Was allerdings nicht viel daran ändert, dass "Kind 44" in erster Linie Drehbuchkino ist: Auch durch den hohen Ausstattungsaufwand hindurch hört man noch das Papier rascheln, auf dem der Stoff entstanden ist.

Thomas Groh

Dieser Text ist zuerst erschienen im:www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

Kind 44
OT: Child 44
USA / Großbritannien / Rumänien 2015 - 138 min. - Regie: Daniel Espinosa - Drehbuch: Richard Price - Produktion: Michael Schaefer, Ridley Scott, Greg Shapiro - Kamera: Oliver Wood - Schnitt: Dylan Tichenor - Musik: Jon Ekstrand - Verleih: Concorde - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Nikolaj Lie Kaas, Vincent Cassel, Paddy Considine, Charles Dance, Gary Oldman, Sam Spruell, Tara Fitzgerald, Josef Altin, Jason Clarke, Tom Hardy, Noomi Rapace, Joel Kinnaman, Fares Fares, Ned Dennehy - Kinostart (D): 04.06.2015

 

zur startseite

zum archiv

zu den essays