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Kill the Messenger

 

 

Michael Cuestas blutleerer Politthriller "Kill the Messenger" folgt verschwörungstheoretischen und hagiografischen Mustern.

Mitten ins Sommerloch des Jahres 1996 platzt eine Reportage des amerikanischen Enthüllungsjournalisten Gary Webb. Die Crack-Epidemie, die in den 1980ern ausgehend von Los Angeles auf das ganze Land (und darin insbesondere auf schwarze Stadtbevölkerungen) übergegriffen hatte, führt Webb in seiner Artikelserie auf das Wirken nicaraguanischer Drogenkartelle zurück, die damals auf den amerikanischen Markt drängten und mit einem Teil ihrer Einnahmen die antisandinistischen Contras finanzierten - laut Webb unter Mitwirkung oder wenigstens unter Duldung des amerikanischen Auslandsgeheimdiensts CIA.

Webbs Reportage, erschienen in einer Regionalzeitung mit überschaubarer Auflage, den San Jose Mercury News, löste in South Central Los Angeles, wo in dem Artikel namentlich genannte Zwischenmänner aktiv waren, einen Sturm der Empörung aus. Bald meldeten andere und angesehenere Zeitungen, allen voran die Washington Post, Vorbehalte an gegen Webbs Recherchemethoden und kritisierten sein Narrativ als vereinfachend und sensationalistisch. Wie immer man Webbs Aufdeckungen - und seinen beruflichen Niedergang infolge ihrer Anzweiflung - beurteilen mag: aus den diversen Untersuchungsberichten, die der CIA und unabhängige Gremien seither zu der Causa vorgelegt haben, geht hervor, dass seine Anschuldigungen wenn nicht in den Details, so doch in groben Zügen zutreffend waren ("There are instances where CIA did not […] cut off relationships with individuals supporting the Contra program who were alleged to have engaged in drug trafficking activity…").

Die Geschichte eines Journalisten, der womöglich - wahrscheinlich - Sorgfaltspflichten verletzt, dafür aber weiterführende Ermittlungen in einer Sache angeregt hat, für die sich zu diesem Zeitpunkt niemand außer ihm zu interessieren schien: ein spannender Ausgangspunkt, voller Widersprüche und doppelter Böden. Sollte man meinen. Dass es auch anders geht, zeigt "Kill the Messenger", der ganz der Ehrenrettung des großen kleinen Reporters verschriebene Film zum Fall. Regisseur Michael Cuesta legt ihn als eindimensionalen, fast kolportagehaften Enthüllungsplot an. Der hemdsärmelig-abgebrühte, im Innersten jedoch stets Idealist gebliebene Journalist, vertrauliche Dokumente in der ausgefransten Umhängetasche, beobachtet und bedroht von dunklen Mächten - ob auf lateinamerikanischen Schotterstraßen oder am Fuß des Kapitols - legt nach und nach die Puzzleteile frei, die sich am Ende zum nationalen Skandal fügen werden. Angereichert mit rührseligen Szenen aus Webbs zweitem Leben als Familienvater: ein rasender Reporter als Heldenfigur.
 
Zwar muss die Erzählung, um den wahren Begebenheiten, auf denen sie beruht, genüge zu tun, in Moll-Tonart verklingen: Webb kündigt seinen Job, hat Schwierigkeiten einen neuen zu finden und wird sich, einige Jahre später, das Leben nehmen. Vom persönlichen Scheitern abgesehen, bleibt die Figur jedoch vollkommen unversehrt, souverän und integer noch unter großem öffentlichen Druck. Jede Kritik, jeder Zweifel wird abgewehrt. Webb weiß was er weiß, und wir wissen es mit ihm:
truth to power! Von der eingeborenen Erkenntnisskepsis nicht nur des postklassischen Verschwörungsthrillers distanziert sich Cuestas Film so weit, wie das im Rahmen des Genres irgend möglich ist, zuletzt lässt er das Genre hinter sich und wird ganz hagiografisches Biopic. Immer sind es die anderen, denen Zweifel kommen an Webbs Methoden und Zurechnungsfähigkeit, nie ist er es selbst, und nie der Zuschauer. Seine Ermittlungen verlaufen, einem akkumulativen Wahrheitsbegriff folgend, in gerader Linie von einem Indiz zum nächsten; mit den letzten Restbeständen unserer kritischen Vernunft macht ein unangekündigter Besucher kurzen Prozess, ein Kronzeuge-ex-machina, der den in Ungnade gefallenen Webb, von Familie und Kollegen ins Motelzimmer exiliert, eines Nachts aus dem Schlaf weckt, um ihn zu versichern, dass er in allem ganz genau richtig liege.  

"Kill the Messenger" ist ein Film mit Programm. Er will Webb posthum recht geben, grundlegend und vollumfänglich, nicht nur in seinen Anschuldigungen gegen den CIA, sondern so ziemlich in allem, was er tut. Trotz des tollen Hauptdarstellers (Jeremy Renner als Fassbinder-Lookalike), vieler bekannter Gesichter in den Nebenrollen und schön körniger, teils auf Film gedrehter Neunzigerjahretexturen: eine flache, blutleere Angelegenheit.

Nikolaus Perneczcky

Dieser Text ist zuerst erschienen in:www.perlentaucher.de

 

 
Kill the Messenger
USA 2014 - 112 Min. - Kinostart(D): 10.09.2015 - FSK: ab 12 Jahre - Regie: Michael Cuesta - Drehbuch: Peter Landesman, Gary Webb, Nick Schou - Produktion: Pamela Abdy, Naomi Despres, Jeremy Renner, Scott Stuber - Kamera: Sean Bobbitt - Schnitt: Brian A. Kates - Musik: Nathan Johnson - Darsteller: Jeremy Renner, Robert Patrick, Jena Sims, Robert Pralgo, Hajji Golightly, Ted Huckabee, Mary Elizabeth Winstead, Lucas Hedges, Rosemarie DeWitt, Matt Lintz, Parker Douglas, Kai Schmoll, Joshua Close, Paz Vega, Aaron Farb - Verleih: Universal Pictures

 

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