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Killshot

Monster mit Zopf

 

Ein Hardboiled-Thriller der überraschend handfesten Art, mit einem hervorragenden Mickey Rourke noch dazu, ist John Maddens "Killshot".

 

Ein Mann wie ein Fels, zugleich ein Monster, ein Indianer namens "Black Bird" mit Zopf, ein Mann, der gerne schweigt und sich mit einem nervtötenden Schwätzer einlässt, ein Mann, der buchstäblich keine Gefangenen macht, ein Mann, den der kleine Bruder, den er aus Versehen erschoss, noch immer verfolgt, ein Mann, der in anderer Leute Auftrag sowie, um keine Spuren zu hinterlassen, skrupellos tötet, ein Mann, dessen Schönheit zu Brei geschlagen ist, ein Mann, der an Stelle eines Gesichts eine vernarbte Maske zu tragen scheint: Mickey Rourke in "Killshot".

 

Man muss etwas ausholen, weil "Killshot" ein Film mit einer langen Vorgeschichte ist. Zugrunde liegt ein Roman Elmore Leonards, eines Autors also, der mit Hollywood selten Glück hat. Schon 1995, rund um "Pulp Fiction", erwarben die Weinsteins für ihre damals noch mit Disney verbandelte Firma Miramax die Rechte an der Verfilmung. Es waren in den folgenden Jahren offenbar (mindestens) die Kombinationen Robert De Niro/Quentin Tarantino (Darsteller) und Tony Scott (Regie) sowie Viggo Mortensen/Justin Timberlake im Gespräch. Daraus wurde auf die eine oder andere Weise nichts.

 

Hollywood, Friedhof großer Pläne. Hollywood, Schauplatz untot herumwankender Geister. Aber auch: Hollywood, Ort, an dem Wiederauferstehungen möglich sind. Jetzt also: "Killshot" mit einem - vor "The Wrestler" - noch nicht ganz wiedergeborenen Mickey Rourke. Mit einem Auch-Schon-Nicht-Mehr-Newcomer namens Joseph Gordon-Levitt, mit Diane Lane und Thomas Jane, Stars also, die es auch nie so richtig in die erste Reihe geschafft haben. Und Regie: John Madden, der nach seinem Riesen-Oscar-Erfolg "Shakespeare in Love" von 1998 irgendwie aus der Spur geriet.

 

Hollywood, Ort, an dem auch eine Geschichte mit Happy End noch zum Desaster werden kann. Irgendwie ist dann nämlich wieder alles schief gelaufen mit "Killshot". Die Weinsteins nahmen die Rechte mit, als sie sich unfriedlich von Disney trennten. Sie stellten, vom Glück in den letzten Jahren verlassen, das Projekt doch auf die Beine. Testvorführungen verliefen katastrophal. Es war offenbar nicht gelungen, den superfinstren Heldenfiguren eine hinreichend sentimentale Ehe-Rettungs-Beziehungskiste überzeugend gegenüberzustellen. Es zeigte sich, dass die Test-Zuseher den zu allem Überfluss korrupten Cop, von Jimmy Knoxville gespielt, noch mehr als alles andere an dem Film hassten. Es wurde umfangreich nachgedreht, Regisseur Madden hatte nichts mehr zu sagen und Harvey "mit den Scherenhänden" Weinstein machte schnipp-schnapp: Jimmy Knoxville konnte "Killshot" im Grunde aus seiner Filmografie streichen. Ergebnis: Der Film kam in den USA nicht in die Kinos und endete als Direct-to-DVD-Katastrophe.

 

Immerhin in deutsche Kinos gelangt das Werk - vermutlich Mickey Rourkes wegen - nun doch. Und, Überraschung: "Killshot" ist ein sehenswerter Film, eine des Meisters Elmore Leonard beinahe würdige Adaption. Es ist der Weinsteinschen Schere, anders gesagt, nicht gelungen, der Geschichte das bis zur allernüchternsten Heiterkeit düstere Menschenbild Leonards auszutreiben. Vom Prolog an, der einen katastrophal ausgehenden Überfall mit Mickey-Rourke-Voiceover erzählt, werden dem Helden des Films, der ein gnadenloser Killer ist, immer wieder Rest-Sympathien zugeführt. Gegen sein Charisma kommt die fade sich windende Ehe-Geschichte einfach nicht an. Als Moment einer wirkungsvollen Spannungs-Dramaturgie funktioniert sie dagegen sehr wohl.

 

Heraus gekommen ist so ein Thriller, der aus Toronto und Umland mit viel Sinn für Tempo eine Mördergrube macht. Es bedarf keiner sonderlich raffinierten Plot-Konstruktionen dafür. Es konkurrieren ein Zeugenschutz- und ein Zeugen-Beseitigungsprogramm. Im merkwürdigen Killer-Buddy-Team schweigt einer, während der andere endlos spricht. Geschossen wird viel und keiner ist so professionell, wie er tut. Wie stets bei Elmore Leonard geht es um Figuren, deren Souveränität der oft genug selbstverschuldete Lauf der Dinge gründlich untergräbt. Schwarz ist der Humor des Films, schwarz ist die Seele seines Protagonisten. Die Monster-Figur, die Rourke spielt, ist und bleibt dem Betrachter unheimlich, weil ein klares Verhältnis zu ihr nicht herzustellen ist. Sie ist von faszinierenden wie lächerlichen Zügen nicht frei. Das ist immer wieder ziemlich Klasse - nur: Kasse zu machen ist mit einem so ambivalenten Helden offenbar nicht.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen am 15.07.2009 in: www.perlentaucher.de

 

Killshot

USA 2008 - Regie: John Madden - Darsteller: Mickey Rourke, Diane Lane, Thomas Jane, Joseph Gordon-Levitt, Hal Holbrook, Rosario Dawson, Aldred Wesley Montoya, Don McManus, Tom McCamus, Johnny Knoxville - FSK: ab 16 - Länge: 95 min. - Start: 16.7.2009

 

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