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Kill Me Please

 

 

Komm, süßer Tod

Mit dem Tod, sagt man, sei nicht zu spaßen. Was aber, wenn das Kino gerade dafür erfunden worden wäre? Nicht bloß um ihm, wie Jean Cocteau sagte, bei der Arbeit zuzusehen, sondern auch, um sie zu sabotieren. Während man ihm das Furchtbarste nimmt, die Trivialität.

Jedenfalls beginnt alles mit einem Blick auf die Klinik von Dr. Krueger im Schneesturm. Und zwar in poetischem Schwarzweiß. In dieser Klinik dürfen Menschen, die es wollen und es sich leisten können, mehr oder weniger stilvoll aus dem Leben scheiden: Unheilbar Kranke, Lebensmüde und Wahnsinnige. Dr. Krueger selbst hat sich das Recht vorbehalten, zu entscheiden, wer hier den gnädigen Tod findet und wer zurück in den Sturm des Lebens muss. Nach einer Videobotschaft der Aspiranten entscheidet ein persönliches Gespräch. Oh ja, er ist ein kultivierter Herr, der Dr. Krueger. Er macht aus dem freiwilligen Sterben ein schmerzfreies und sozial verträgliches Ritual. »Für uns ist es wichtig«, sagt er dem sterbewilligen Filmregisseur Demanet mit dem angeblichen Krebs im Endstadium, »dass es eine Begegnung mit dem Tod wird«. Aber der Doktor kommt Demanet schnell auf die Schliche: Er ist gar nicht krank sondern nur verzweifelt, weil seine Frau ihn verlassen hat. Daher gehört er zu jenen, die Dr. Krueger ins Leben zurück schickt. Allerdings versucht Demanet es erst einmal im Badezimmer mit dem guten alten Pulsadern-Aufschneiden. Ein Rückfall in die Barbarei, klarer Fall, so etwas soll sich nicht wiederholen.

Beinahe noch dramatischer ist der Fall von Virgile, gleichsam ein ›natural born‹ Selbstmörder: Seit seiner Kindheit versucht er sich auf möglichst dramatische Weise das Leben zu nehmen, und nun hätte er gern den Abgang in einer möglichst realistischen Kriegsszene. Doch Dr. Krueger belehrt ihn, dass sein Institut schließlich gegründet wurde, um dem Tod ein wenig Eleganz zu verleihen. Den zum Sterben Entschlossenen wird zwar ein letzter Wunsch erfüllt, eine Liebesnacht mit Studentin und Champagner beispielsweise, aber was Eleganz und Würde anbelangt, werden die Grenzen eng gezogen. Man könnte sagen, die Sache scheint nicht schlecht geregelt. Humanes Sterben unter fachlicher (und staatlicher) Kontrolle, Geschmack und Sachkunde garantiert, und ein Geschäft ist auch dabei zu machen. Wo anders als in der Schweiz könnte Dr. Kruegers Institut beheimatet sein? Oder in einer verschweizerten Welt. Doch kein System ohne Störung. So erscheint die Finanzbeamtin Evard auf dem Plan, deren Behörde ob des Umgangs mit den Testamenten der Patientin misstrauisch geworden ist; beim Geld hört ja bekanntlich die Sterbekultur auf. Und nachdem ein Feuer im Klinikschloss ausgebrochen ist, gerät die neue Ordnung des Sterbens außer Kontrolle. Nun wird vollends unordentlich und, eben, barbarisch gestorben.

Das Ganze wird in wunderschön komponierten Bildern von erlesener Tristesse erzählt. Nirgendwo wird der obsessive Grundgedanke an die Klamotte, nicht einmal an die Satire verraten. Die Meta-Pointe von »Kill Me Please« ist die cineastische Ernsthaftigkeit, mit der er sein Todesspiel treibt. Die ästhetische Strategie erinnert ein wenig an einen weiteren belgischen Film, den seinerzeit populären »Mann beißt Hund« (in dem ebenfalls Benoît Polvedeere spielte), und auch hier sind Groteske, Poesie und Realismus eng miteinander verbunden. Einerseits hat der Regisseur Olias Barco mit dem Film eigene Suizid-Impulse überwunden, so behauptet er jedenfalls, andererseits bezieht er sich natürlich auf die virulenten Sterbehilfe-Praxen wie »Dignitas« in der Schweiz. Doch am Ende geht es um ein so einfaches wie grundphilosophisches Problem: Beim Versuch, den Todeswunsch zu kontrollieren und, um mit den Worten Kruegers zu sprechen, dem Barbarischen zu entreißen, wird er erst richtig wild. Und wir sehen ein System, das nichts dabei findet, auch den Selbstmord zu verstaatlichen, zu ökonomisieren, zu ästhetisieren, und wie gründlich schief das geht. Eine schwarze Komödie über das Sterben? Das auch. Aber auch ein ziemlich böses und treffendes Gesellschaftsbild. Und auf einmal dreht sich alles um: Der Tod macht sich über die Menschen lustig. Er ist der größte Komiker von allen.

Georg Seeßlen

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Strandgut

Kill me please
Frankreich / Belgien 2010 - Regie: Olias Barco - Darsteller: Aurélien Recoing, Virgile Bramly, Daniel Cohen, Virginie Efira, Bouli Lanners, Saul Rubinek, Zazie de Paris, Clara Cleymans, Philippe Nahon - FSK: ab 16 - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 95 min. - Start: 17.5.2012

 

 

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