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Killing Them Softly

 

„Killing Them Softly“ kommt etwas (zu) spät in den deutschen Kinos: Wie toll wäre es gewesen, im Kino zu sitzen und den Stimmen von Obama und McCain aus dem US-Wahlkampf 2008 zu lauschen, während Obama und Romney auf der Zielgeraden um den Einzug ins Weiße Haus 2012 ringen! Auch ohne ein solches originelles Feedback bleibt der dritte Spielfilm von Andrew Dominik ein vorzüglicher Genrefilm mit politischen Untertönen, der im expliziten Gegensatz zum gewählten Titel schmerzhaft intensiv das nur scheinbar coole Tarantino-Grinsen über Gewaltdarstellung aus dem Kinosaal vertreibt. Zudem stellt der Film von der Eingangsszene an so einiges, was an USA-Bildern kursiert, polemisch vom Kopf auf die Füße.

Zwei nicht besonders helle Kleinkriminelle haben die brillante Idee, ein altes, ungesühntes Verbrechen zu kopieren. Der, der es damals beging, prahlte später mit seiner Cleverness und kam tatsächlich ungeschoren davon. Bei der Wiederholung der Tat würde nun, so die Annahme des Trios, der Verdacht sogleich auf ihn fallen. Dieser Teil des Plans geht auch auf, aber die Kleinkriminellen sehen zu keiner Sekunde des Films so aus, als könnten sie am Ende triumphieren. Weil sie beim Überfall auf eine illegale Glücksspielrunde aber der Mafia in die Suppe gespuckt haben, wird der mit allen Wassern gewaschene Profi Jackie Cogan mit den „Ermittlungen“ beauftragt. Brad Pitt spielt ihn als „Cool-Ikone“, und der Film schöpft nicht wenig Komik aus den Dialogen zwischen dem namenlosen Vermittler der Organisation und dem abgebrühten Ermittler. Cogan weiß, wie der Hase läuft: Es müssen unmissverständliche Zeichen gesetzt werden, damit „die Leute da draußen“ kapieren, dass die Welt nicht aus dem Ruder läuft. Kühl und geschäftsmäßig folgt Cogan den uralten Regeln und reagiert ehrlich verstört auf die unprofessionelle Skrupelhaftigkeit der Organisation. Er weiß: Mit zu viel Bürokratie und Herumgeeiere geht das Land bald vor die Hunde. Cogan ist eben ein Mann mit Prinzipien: So tötet er gerne „softly“, aus der Distanz. Dass Menschen in Todesangst seltsame Dinge tun, vielleicht weinen, um Gnade flehen oder sich vor Angst in die Hosen machen, findet er ekelhaft und würdelos. Zu viel Gefühl. Weil einer der Männer, die jetzt getötet werden müssen, sein Gesicht kennt, lässt Cogan für viel Geld einen alten Kollegen aus New York einfliegen. Doch aus dem einst Zuverlässigen wurde ein Alkoholiker, der erbärmlich vor sich hin schwadroniert und selbst bis zum Hals in Schwierigkeiten steckt. Also wird Cogan gegen seine Gewohnheiten Überstunden machen müssen.

„America is not a country, it’s a business!“, sagt Jackie Cogan kurz vor Schluss, als er in einer Bar die Siegesrede von Barak Obama hört, der das gespaltene Land zu einer „Community“ formen will. Für solche Phrasen hat Cogan nur Hohn und Spott übrig. Er will das Geld, das ihm für die geleistete Arbeit zusteht, doch die Organisation will sein Honorar im Nachhinein drücken. Es herrscht eben Rezession, da wird auch unter Gangstern um jeden Dollar gefeilscht; das hartnäckige Insistieren Cogans auf dem Gewicht geschlossener Verträge könnte sich als Spiel mit dem Feuer erweisen. Vielleicht hat ein konkurrierender Kollege schon ein günstiges Angebot unterbreitet. Auch hier findet der Film ein markantes Bild: In besseren Tagen flog der Hit-Man in der Business-Class, heutzutage muss Economy reichen. Alles dreht sich in diesem Film um Geld und um Geldgier: Es gibt keine Werte mehr, höchstens noch Regeln.

Andrew Dominik, in Neuseeland geboren, in Australien aufgewachsen, entwirft die USA als komplett amoralischen Raum, in dem die Exekutive keine Rolle mehr spielt. Dass derjenige, der hier Obamas Vision einer restituierten „Community“ verhöhnt, als einziger klarer Kopf mit klaren Prinzipien ein professioneller Killer ist, vermag ebenso zu verstören wie die Tatsache, dass Brad Pitt diese Rolle spielt. Die Enttäuschung über die erste Amtszeit Obamas scheint mit Händen greifbar. Ebenso unangenehm ist die eigentümliche Mischung aus lakonischen Dialogen und expliziter Gewaltdarstellung, deren Ästhetisierung beklommen machen kann. Der Film verdoppelt gerade nicht die Philosophie des Killers Cogan, sondern geht im Gegenteil nah ans Getötetwerden heran: Kugeln dringen in Extremzeitlupe in Körper ein, während im Hintergrund ein alter Jazz-Schlager der 1940er-Jahre läuft. Die Filmbilder, die in New Orleans entstanden, präsentieren dabei Nicht-Orte, die man eher in der Dritten Welt vermuten würde als in den USA. So watet man durch ein umfassendes, existenzialistisches Elend und ist froh, wenn Cogan seinen dreckigen Job endlich erledigt hat. „Killing Them Softly“ ist ein Genrefilm mit politischen Ambitionen, dessen radikale Amerika-Kritik provoziert.

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in: FILM-DIENST 23/2012

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Killing Them Softly
USA 2012 - 104 min.
Regie: Andrew Dominik - Drehbuch: Andrew Dominik - Produktion: Anthony Katagas, Brad Pitt, Paula Mae Schwartz - Kamera: Greig Fraser - Schnitt: John Paul Horstmann, Brian A. Kates - Verleih: Wild Bunch - FSK: ab 16 Jahre - Besetzung: Brad Pitt, Scoot McNairy, Ben Mendelsohn, James Gandolfini, Vincent Curatola, Richard Jenkins, Ray Liotta, Trevor Long, Max Casella, Sam Shepard, Julio Castillo
Kinostart (D): 29.11.2012

 

 

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