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Killer Elite

 

 
In Gary McKendrys "Killer Elite" prügeln sich noch echte Männer mit Bart.

Wer von den oft zu Tode konzeptionalisierten Blockbustern der Gegenwart genug hat und trotzdem noch an das Kino glaubt, muss keine weiten Wege gehen. Oft genügt es, im Multiplex nicht den größten, sondern einen der kleineren Säle zu betreten, wo sich, inmitten des Genresystems des populären Films, allem Kulturpessimimus zum Trotz, immer noch eine erstaunliche Vielfalt an Erfahrungsformen verbirgt, von der Welthaltigkeit und diskursiven Offenheit zeitgenössischer amerikanischer Komödien bis zu den energiegeladenen cheap thrills des Horror- und Thrillerkinos.

"Killer Elite", ein neuer B-Actionfilm (ohne Bezug zu Sam Peckinpahs gleichnamigem Thriller aus den Siebzigern) mit dem derzeit vermutlich interessantesten Actionstar Jason Statham, beginnt im Jahr 1980 irgendwo in Mexiko, mit einem Hund, der in die Kamera bellt. Dann tauchen Danny (Statham) und sein Mentor Hunter (Robert de Niro) auf, beide sind professionelle Killer, der Auftrag, auf den sie in Lateinamerika angesetzt sind, geht um ein Haar schief. Zwischen explodierenden Autos und Maschinengewehrsalven, von einer nervösen, sprunghaften Kamera weniger souverän eingefangen als hilflos registriert, bekommt Statham eine Kugel in die Schulter ab. Danny hat genug und beschließt, sich zur Ruhe zu setzen, was ihm selbstverständlich erst knapp zwei Stunden Erzählzeit und zehn Jahre erzählter Zeit später gegönnt sein wird.

Dass er sich ausgerechnet nach Australien - im Film lange ein grünes, fast außerweltlich anmutendes Paradies, vom dreckigen Rest der Welt scheinbar unbeeindruckt, bevor sich am Ende die ernüchternde Erkenntnis breit macht, dass es in der Welt von "Killer Elite" keine Unschuld geben kann - zurückzieht, hängt vermutlich mit der Finanzierung des Streifens zusammen. So sieht globalisiertes B-Kino aus: "Killer Elite" ist eine australisch-amerikanische Koproduktion über die Folgen britischer Geheimdienstaktivitäten im Oman, zwischendrin gibt es außerdem noch Abstecher nach Paris und in die schottischen Highlands.

Der vom Langfilmdebütanten Gary McKendry inszenierte Film basiert auf Ranulph Fiennes' Roman "The Feather Men", einer wüsten Räuberpistole um einen Scheich, der einen britischen Profikiller (im Film: Hunter) entführt, um einen anderen (Danny) dazu zu bringen, die britischen Agenten, die während des Dafur-Aufstands 1962 - 1975 seinen Sohn umbrachten, zu töten. Im Hintergrund ziehen währenddessen die mysteriösen "Feather Men” die Fäden, bemüht um ihre eigene Interpretation der späten Phase des britischen Kolonialismus. Das Buch sorgte in den frühen neunziger Jahren für einen kleinen Skandal, weil Autor und Verlag behaupteten, es beruhe auf tatsächlichen Begebenheiten. Vor allem einige ungeschickt zurechtgebogene Wendungen gegen Ende lassen dies recht unwahrscheinlich wirken. Tatsächlich vom Leben abgeschaut ist aber der Erzählgestus: anstelle eines runden Plots mit motivischer Stringenz, mit exakt definierten Ursachen und zwangsläufigen Wirkungen, prägt "Killer Elite" ein nur notdürftig vermitteltes Nebeneinander kontingenter Ereignisse: "und dann... und dann... und dann...". Nebenfiguren kommen aus dem Nichts und werden sofort wieder niedergemetzelt, vor allem die nur sehr sporadisch auftauchenden Frauen werden von den vielen kaputten Männern, die den Film bevölkern, schneller fallen gelassen als heiße Kartoffeln.

Finster und stumpf ist die Welt des Films, die bevorzugte - und gleichwohl trotzdem tödliche - Waffe ist die bloße Faust. "Killer Elite" ist, in a nutshell, ein Film, in dem schmutzige, bärtige Männe sich zwei Stunden lang an der Peripherie der Weltgeschichte gegenseitig die Fresse einhauen. Die Inszenierung passt sich dem Sujet an und ist also alles andere als elegant (darin ist "Killer Elite" ein Komplementärwerk zum eleganten, melancholischen "The Mechanic", dem anderen Statham-Auftragskillerstreifen von 2011; gemeinsam formulieren die beiden Filme einen überzeugenden Einwand gegen den dominanten 3D-Multiplex-Bombast). Immer wieder finden sich Momente von großartiger Konsequenz: Wenn zum Beispiel ein Kleinwagenfahrer zur Strecke gebracht werden soll, lässt der Film ihn einfach frontal in einen Laster krachen; allein in dieser Szene steckt mehr rohe Energie als in so ziemlich allen Blockbustern der letzten Monate.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de  

Killer Elite
USA / Australien 2011 - Regie: Gary McKendry - Darsteller: Jason Statham, Clive Owen, Robert De Niro, Dominic Purcell, Aden Young, Yvonne Strahovski, Ben Mendelsohn, Adewale Akinnuoye-Agbaje, Firass Dirani - FSK: ab 16 - Länge: 110 min. - Start: 27.10.2011

 

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